Never Mind The Markets Blog
Blogs / Never Mind the Markets 05:00 - 01.03.2017

Im Aussenhandel droht ein Chaos

Markus Diem Meier

Jeder schaut für sich – was heisst das für die Welt? Donald Trump an seinem Schreibtisch im Oval Office. Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

Bisher dominiert mit Aussicht auf die Administration Trump bei US-Unternehmen vor allem der Optimismus: Es winken Steuersenkungen und fette Aufträge durch Regierungsgelder für die Infrastruktur sowie Deregulierungen. Und ja: Eine bessere Infrastruktur würde natürlich auch das Wachstumspotenzial erhöhen, weil sie die Effizienz der gesamten Wirtschaft erhöht.

Dabei bleibt weiterhin das allergrösste Risiko für die Wirtschaft ein scharfer protektionistischer Schub, zum Beispiel deutliche Steuererhöhungen auf Importen. Sollte Präsident Trump diese Pläne tatsächlich umsetzen, dann hat das eine derart schlimme Wirkung, dass sich kein Optimismus mehr rechtfertigen lässt.

Importierende Unternehmen bestrafen?

Auch zur Gefahr vor dem Protektionismus aber herrscht ein schwer verständlicher Optimismus vor, der an die Tage nach dem Wahlsieg von Donald Trump erinnert. Schon damals wurde Trump praktisch ent-trumpt und es wurde behauptet oder vermutet, der Mann werde seine Drohungen schon nicht wahrmachen. Mittlerweile wissen wir, dass er es genauso meint, wie er es angedroht hat. Für den Bau der Mauer zu Mexiko hat er bereits den Startschuss gegeben, und ganze Volksgruppen liess er praktisch über Nacht nicht mehr einreisen.

Eine zu den Protektionismusplänen vernehmbare Ansicht lautet, Trump wolle bloss Druck auf die Handelsschranken der anderen ausüben, dass also andere ihre Zölle reduzieren. Wenn er damit Erfolg hätte, wäre dem Freihandel sogar geholfen, so die These. Eine andere These geht davon aus, dass er ohnehin nur droht. Die ersten Anzeichen sprechen auch hier gegen eine solche optimistische Auslegung. Dazu gehören die Pläne für ein Steuersystem, das importierende Unternehmen bestraft und exportierende belohnt. Im Handelsverkehr mit Mexiko hätte eine solche Steuer sogar die Mauer bezahlen sollen, die die Trump Regierung bauen will. Wobei allerdings dann nicht hauptsächlich die Mexikaner, sondern die amerikanischen Konsumenten letztlich zur Kasse gebeten werden.

Das Welthandelssystem ist nicht fair

Die grösste Wahrscheinlichkeit und Gefahr für die baldige Einführung von protektionistischen Massnahmen (nicht nur in den USA) stammen aber wohl daher, dass die Globalisierung mit dem real existierenden Freihandel (der nicht dem theoretischen Ideal entspricht) und der Personenfreizügigkeit in breiten Massen nicht mehr viele Freunde hat. Darin liegt auch ein wichtiger Grund für Trumps Erfolg. In diesem Artikel bin ich summarisch auf sechs gute Gründe für die Unbeliebtheit der Globalisierung eingetreten. Zusammenfassend kann man sagen: Das Welthandelssystem ist nicht fair, es schafft und zementiert Ungleichgewichte und Ungleichheiten. Und es gibt keine Instanz, die für einen Ausgleich sorgt. Eine jenem Artikel angehängte Umfrage unter Lesern bestätigt die Skepsis. Hier das Ergebnis:

Die berechtigte Kritik an den realen Mängeln des aktuellen Welthandelssystems bedeutet dennoch umgekehrt nicht, dass ein scharfer Protektionismus der USA irgendwie eine bessere Ausgangslage schaffen oder die Mängel beseitigen würde: Das Gegenteil ist der Fall. Alles würde nur noch viel schlimmer.

Die Macht einer zentralen Macht

Ein Grund dafür ist die Bedeutung der USA im Zentrum des Welthandelssystems. Das drückt sich allein schon in der grossen Rolle des US-Dollars aus. In einer oberflächlichen Betrachtung der Wirtschaftstheorie spielen zentrale Mächte keine Rolle: Verändern sich die Produktions- und Kostenverhältnisse in irgendeinem Land, das Teil des Welthandelssystems ist, sind Anpassungen in allen Märkten die Folge. Das gilt natürlich für jeden Markt: Kann ein Produzent ein Produkt aus irgendeinem Grund plötzlich günstiger herstellen, führt das über die Zeit zu Veränderungen der Produktionsstruktur und Position bei allen Mit-Wettbewerbern.

Das Problem aber ist, dass solche Anpassungen in einem Welthandelssystem nicht über Nacht vonstattengehen. Und wenn ein einzelnes Land, wie jetzt die USA, das Welthandelssystem stark dominieren und die Handelsverhältnisse direkt und indirekt auf dieses Land ausgerichtet sind, ist der Wandel zu einem neuem System ein besonders langer und schwieriger Prozess, der alles andere als konfliktfrei und harmonisch verläuft. Davon zeugen frühere solche Prozesse, wie etwa der Übergang vom spanisch dominierten Welthandelssystem zum britischen und dann vom britischen zum amerikanischen. Ein auf eine zentrale Macht fokussiertes Welthandelssystem ist immer auch stark verwoben mit entsprechenden politischen Verbindungen und Abhängigkeiten, und die weltweiten Wertschöpfungsketten bauen stark darauf auf.

Solche zentralen Mächte haben das System immer auch für ihre eigenen Interessen ausgenützt. So liessen sich die USA zum Beispiel über die Verpflichtung der übrigen westlichen Welt, den Dollarkurs zu stützen, praktisch von den anderen den Vietnamkrieg in den 60er-Jahren finanzieren. Aber eine zentrale Macht im Welthandelssystem setzt dessen Standards und sorgt auch für deren Durchsetzung. Das stabilisiert ein solches System.

US-Konsumenten generieren die Nachfrage für andere Länder

Die theoretisch bessere Alternative wäre ein Welthandelssystem, das auf Regeln basiert, an die sich alle halten und von allen getragen wird. Das war ursprünglich die Idee der Konferenz von Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire, als im dortigen Mount Washington Hotel 1944 Vertreter aus 44 Ländern noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine neue Welthandelsordnung auf die Beine stellen wollten. Am Ende setzten dem System dann die USA ihren Stempel auf und booteten den Briten John Maynard Keynes aus, der fairere Regeln einführen wollte – zum Beispiel mit einer eigenen Weltwährung, ohne die dominierende Rolle des Dollars. Das Resultat war aber wenig überraschend. Divergierende Interessen in Schach halten und Regeln durchsetzen kann nur ein Land mit entsprechendem Weltmachtstatus.

Wenn nun die zentrale Macht selbst das System fallen lässt, droht tatsächlich Schlimmes. Dabei ist durchaus verständlich, dass die USA mit dem auf sie fokussierten Welthandel nicht zufrieden sind. Eine zentrale Eigenschaft dieses Systems sind US-Netto-Aussenhandelsdefizite. Anders gesagt generieren die US-Konsumenten die Nachfrage für viele andere Länder der Welt, etwa von China oder Deutschland, indirekt aber auch für alle Länder, die wiederum von diesen Regionalmächten abhängen. Das entzieht den Amerikanern nicht nur Nachfrage nach den eigenen Produkten, das führt auch zu einer ständig steigenden Verschuldung der Amerikaner. Denn dank der zentralen Rolle des Dollars und der USA als Wirtschaftsmacht finanzieren die übrigen Länder die Defizite der Amerikaner andauernd. Auf die Dauer kann das nicht nachhaltig sein.

Warum China nicht nachrückt

Doch aus dem gleichen Grund ist es ausgeschlossen, dass eine andere Macht rasch in die Rolle der Amerikaner schlüpfen könnte. Oft genannt wird hier China. Der Chinakenner Michael Pettis hat in einem Interview mit mir in diesem Beitrag ausführlich klargemacht, warum das aus rein ökonomischen Gründen ausgeschlossen ist. Hier die entscheidende Passage aus dem Interview:

«Das Handelssystem der USA baut auf US-Aussenhandelsdefiziten auf, das chinesische Handelssystem dagegen auf chinesischen Exportüberschüssen. Kein Land wird bereit und in der Lage sein, fortlaufend die Überschüsse Chinas aufzunehmen und Defizite zu verzeichnen, denn das würde ein deutlich geringeres Wirtschaftswachstum zur Folge haben. Deshalb wird ein Rückzug der USA auf keinen Fall dazu führen, dass China nachrückt. Ein Rückzug der USA würde daher zu einem höchst instabilen Handelsumfeld führen.»

Das gilt grundsätzlich auch für Europa und Japan, nur dass diese Länder auch sonst schon keinen Einfluss mehr ausüben, der sie überhaupt zu Kandidaten für eine solche Rolle machen würde.

Um die weltweiten Ungleichgewichte und die weiteren Mängel des Welthandelssystems zu korrigieren, müsste ein Prozess beginnen, der einerseits auf einer zentralen Macht im Handelssystem beruht, die solche Korrekturen durchsetzen und garantieren kann und will, und andererseits in einem ausreichenden Vertrauen der anderen in diese Möglichkeit. Am besten wäre dafür eine neue Art von Bretton-Woods-System. Doch genau das wird unmöglich, wenn die USA unter ihrem neuen Präsidenten mit scharfen protektionistischen Massnahmen auf Konfrontationskurs gehen – mit der Botschaft: Jeder schaut für sich. Im Welthandelssystem würde das zu einer Katastrophe führen und nicht zu einer gerechteren Welt.

 

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