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Was ist bloss mit Europas Banken los?

Mark Dittli

Die gefährlichste Bank der Welt: Der Hauptsitz der Deutschen Bank in Frankfurt. Foto: Keystone

Europas Grossbanken bereiten den Finanzmärkten Sorgen. Wieder einmal.

Gegenwärtig sind es besonders die Banken in Italien, die – wie an dieser Stelle vor einer Woche im Detail beleuchtet – im Fokus stehen. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Meldungen einer staatlich orchestrierten Hilfsaktion oder einer milliardenschweren Kapitalerhöhung von Instituten wie Unicredit oder Banca Monte dei Paschi kursieren.

Doch es wäre falsch, das Thema bloss auf Italien einzugrenzen. Das gesamte Bankensystem in Europa wankt.

Die Aktienkurse von Instituten wie der Deutschen Bank, den beiden französischen Grossbanken BNP Paribas und Société Générale, Spaniens Kolossen BBVA und Santander und auch von den Schweizer Vertreterinnen Credit Suisse und UBS haben im Verlauf der vergangenen Wochen und Monate enorme Verluste erlitten. Gleichzeitig sind die Preise für Kreditausfallversicherungen, sogenannter Credit Default Swaps, für diese Banken in die Höhe geschossen.

Es ist, wie der frühere Präsident der Schweizerischen Nationalbank, Philipp Hildebrand, in diesem Interview gesagt hat: Europas Bankensystem steht unter grossem Stress.

Aber wieso eigentlich?

Gewiss: das Resultat des Brexit-Referendums in Grossbritannien hat an den Finanzmärkten für grosse Verunsicherung gesorgt. Gewiss: Die Wirtschaft in weiten Teilen Europas läuft nicht rund. Und gewiss, die Europäische Zentralbank erschwert mit ihrer Negativzinspolitik das Leben der Banken.

Doch das alles kann nicht erklären, weshalb Europas Bankensystem bei jeder Erschütterung ins Wanken gerät und sofort eine systemweite Ansteckung befürchtet werden muss.

Die Antwort auf die Frage des Wieso ist an sich simpel: Europas Bankensystem ist unterkapitalisiert. Und damit nicht robust.

Das Bankengeschäft – besonders wenn es darum geht, dass sich Banken untereinander Geld ausleihen – basiert auf Vertrauen. Und dieses Vertrauen wiederum basiert darauf, dass eine Bank genügend solide finanziert ist, um auch turbulente Zeiten zu überstehen. Ihre Gegenpartei muss das Vertrauen haben, dass sie ihr ausgeliehenes Geld zurück erhält. Doch wenn bei jeder Erschütterung, wie momentan in Italien, die Solvenz einiger grosser Branchenspieler infrage gestellt wird, verschwindet dieses Vertrauen.

Kein Geringerer als David Folkerts-Landau, Chefökonom der Deutschen Bank, forderte vor wenigen Tagen, dass Europas Grossbanken mit 150 Milliarden Euro an staatlichen Mitteln aufkapitalisiert werden müssten.

Er hat recht. Ironisch ist an der Sache bloss, dass Folkerts-Landaus Arbeitgeberin selbst zu den global am schwächsten kapitalisierten Banken gehört. Der Internationale Währungsfonds hat die Deutsche Bank unlängst sogar zur riskantesten Bank der Welt gekürt.

Wie kann es sein, dass Europas Grossbanken heute noch, mehr als sieben Jahre nach der schlimmsten Finanzkrise seit den 1930er-Jahren, unterkapitalisiert sind?

Die Antwort liegt erstens in der Politik. Und zweitens im Verhalten der Banken.

Um den ersten Teil zu verstehen, ist ein Rückblick in den Winter 2008/09 nötig. Zu dieser Zeit wütete die globale Finanzkrise. Sie hatte zwar ihren Ursprung im Kollaps des amerikanischen Immobilienmarktes, breitete sich ab Herbst 2008 aber wie ein Lauffeuer auf alle Banken weltweit aus.

In den USA wählte die Regierung – sie war in der Transitionsphase von George W. Bush zu Barack Obama – einen radikalen Weg, um das Finanzsystem zu stärken: Sie pumpte 430 Milliarden Dollar in die zwanzig wichtigsten Geldhäuser des Landes. Diese Kapitalhilfe war für die einzelnen Banken nicht fakultativ; sie mussten sie annehmen.

Im März 2009 führte die US-Notenbank sodann einen harten Stresstest des heimischen Bankensystems durch. Dabei wurde schonungslos identifiziert, welche Bank immer noch zu wenig Eigenkapital besitzt. Dies waren in erster Linie die systemrelevanten Kolosse Citigroup und Bank of America.

Diese – sowie einige weiteren Banken – wiesen kumuliert eine Kapitallücke von rund 120 Milliarden Dollar auf. Die Manager der betroffenen Banken erhielten sodann ein Ultimatum von der Regierung: Entweder Ihr führt innerhalb von zwei Monaten über den privaten Markt eine Kapitalerhöhung durch, oder ihr werdet vom Staat aufkapitalisiert – und damit quasi verstaatlicht.

Sie wählten den ersten Weg.

Bereits im Sommer 2009 wiesen die systemrelevanten US-Grossbanken deutlich höhere Eigenkapitaldecken auf. Das System war robuster geworden. Das Vertrauen war wieder da.

Natürlich war das US-Bankensystem damit noch lange nicht perfekt – das ist es auch heute nicht –, aber in den Jahren seither herrschten an den Finanzmärkten kaum mehr Sorgen über die Solidität des US-Grossbankensystems.

Ganz anders war die Entwicklung in Europa.

Im Jahr 2009 waren die Politiker auf den Alten Kontinent – sowie die Manager der Banken – grösstenteils noch damit beschäftigt, sich selbst auf die Schultern zu klopfen und kollektiv Verwunderung darüber zu zeigen, dass die Amerikaner eine derart absurde Immobilienblase überhaupt zulassen konnten. Das Verdikt war klar: Das Problem lag in den USA, nicht hier.

Ein besonders wortgewaltiger Verfechter dieser Rhetorik war der zu dieser Zeit amtierende Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet.

Dass Europas Grossbanken in törichter Weise an der grossen Verbriefungsorgie des US-Immobilienmarktes mitgemischt hatten, wurde vergessen. Ebenso die Tatsache, dass Europas Grossbanken in Irland und Spanien genauso töricht und gierig agiert hatte. Ebenso vergessen wurde, dass Europas Banken im direkten Vergleich noch schwächer kapitalisiert waren als die amerikanischen und sie zu Dutzenden von ihren Heimatstaaten gerettet werden mussten.

Während die Amerikaner ihre Grossbanken zu höheren Eigenkapitalquoten zwangen, geschah in Europa also nichts.

Der zweite Sündenfall folgte im Mai 2010: Damals erhielt Griechenland unter grossem Getöse ein von der EU, der EZB und dem Internationalen Währungsfonds finanziertes, erstes Rettungspaket.

Dabei war das im Kern keine Rettung für den griechischen Staat, sondern für die deutschen und französischen Banken, die mit riesigen Kreditguthaben in Griechenland auf dem Trockenen sassen.

Auch hier war die Lehre nicht, dass man die Tatsache anerkannt hätte: Die deutschen und französischen Grossbanken sind zu fragil.

Nein, das Problem lag schliesslich bei den faulen Griechen. Nicht in Frankfurt oder Paris.

Die Mentalität setzte sich fort. Als in den Jahren 2010 bis 2012 im Rahmen des Basler Ausschusses der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) das neue, härtere Bilanzregelwerk Basel III ausgearbeitet wurde, waren es die Delegationen Frankreichs und Deutschlands, die den Prozess bremsten und bei jeder Gelegenheit torpedierten (die Vertreter der USA, Grossbritanniens und der Schweiz sassen am anderen Ende des Verhandlungstisches).

Während dieser Zeit führte die EZB auch zwei überaus schwach konzipierte Stresstests durch, die alle Banken in Europa mit Bravour bestanden – auch die irischen, spanischen und portugiesischen Institute, die wenig später gerettet werden mussten.

Während all dieser Jahre verschlossen die Politiker in Europa die Augen vor der Tatsache, dass ihre eigenen Grossbanken zu schwach kapitalisiert sind und damit ein permanentes Systemrisiko darstellen.

Die Manager dieser Banken standen kaum unter Druck, ihre Bilanzen proaktiv zu stärken – im Gegenteil: Sie haben zwischen 2010 und 2015 mehrere Hundert Milliarden Euro in Form von Dividenden an ihre Aktionäre ausgeschüttet.

Und so sind wir heute wieder so weit. Europas Banken wanken. Aus eigenem Verschulden. Und wieder müssen sich die Finanzmärkte vor einem Kollaps des Bankensystems fürchten.