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Was ist eigentlich Helikoptergeld?

Mark Dittli

Wie wäre es, wenn die Notenbanken das Geld einfach aus dem Hubschrauber abwerfen? Foto: Keystone

Der 29. Januar 2016 wird in die Wirtschaftsgeschichte eingehen.

Das war der Tag, an dem Haruhiko Kuroda, Gouverneur der Bank of Japan (BOJ), Negativzinsen einführte.

Das mag an sich nicht revolutionär klingen, schliesslich experimentierten zu diesem Zeitpunkt bereits die Schweizerische Nationalbank, die Europäische Zentralbank, Schwedens Riksbank sowie die Zentralbank Dänemarks mit dieser Extremform der Geldpolitik.

Historisch war vielmehr die Reaktion der Finanzmärkte auf die Einführung der Negativzinsen in Tokio. Eigentlich – so die Absicht Kurodas – hätte der Wechselkurs des Yen fallen und der japanische Aktienmarkt steigen sollen. Seit November 2008, als die US-Notenbank mit unkonventioneller Geldpolitik zu arbeiten begonnen hatte, war das ein verlässliches Muster an den Märkten: Eine Ausweitung der Massnahmen schwächte die heimische Währung und befeuerte den Aktienmarkt.

Am 29. Januar und an den Tagen danach geschah aber genau das Gegenteil: Der Yen wurde stärker, und der Aktienmarkt in Tokio sowie die weltweiten Aktienmärkte sanken: Der Yen hat zum US-Dollar seither schon gut 10 Prozent zugelegt, wie die folgende Grafik verdeutlicht (Quelle: CLSA):

Wieso diese Reaktion? Und wieso ist sie von historischer Relevanz?

Es könnte sein, dass der 29. Januar 2016 das Datum markiert, an dem die Teilnehmer an den globalen Finanzmärkten ihren Glauben verloren haben, dass die beiden bislang verwendeten unkonventionellen Massnahmen der Notenbanken – Wertschriftenkäufe (Quantitative Easing) und Negativzinsen – ihre stimulierende Wirkung noch entfalten können.

Und es könnte sein, dass die Notenbanken bald das nächste, letzte verfügbare Instrumentarium aus ihrem Schrank nehmen, um die Wirtschaft anzukurbeln: Helikoptergeld.

«Bald werden die Zentralbanken in Japan und Europa aufgeben und das Experiment der negativen Zinsen abbrechen», sagt der von mir sehr geschätzte US-Investor Jeffrey Gundlach in diesem Interview mit meinem Kollegen Christoph Gisiger, und fügt an: «Als nächste Stufe greifen sie wohl zu Helikoptergeld.»

Der Begriff des Helikoptergeldes geistert seit einigen Monaten intensiv in der Wirtschafts- und Finanzwelt herum. Angelsächsisch geprägte Ökonomen wie Adair Turner oder Willem Buiter haben das Instrument bereits empfohlen; der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke hat seinen jüngsten Blogbeitrag ebenfalls dem Thema gewidmet. EZB-Chef Mario Draghi hat das Konzept in seiner Pressekonferenz Mitte März als «interessant» bezeichnet (und bei einigen Ökonomen in Deutschland wohl beinahe einen Herzinfarkt verursacht).

Doch was ist Helikoptergeld eigentlich?

Darum soll es in diesem Blogbeitrag gehen.

Oft wird Helikoptergeld mit Ben Bernanke in Verbindung gebracht, der den Begriff in einer Rede im November 2002 verwendete; seine Ausführungen brachten ihm den Übernamen «Helicopter Ben» ein.

Erfinder des Begriffs ist jedoch Milton Friedman, der die Parabel eines Bargeldabwurfs aus dem Helikopter 1948 und im Detail 1969 in «The Optimum Quantity of Money» eingeführt hat.

Eine abschliessende Definition für Helikoptergeld existiert nicht, doch im Kern ist Folgendes darunter zu verstehen: Eine permanente Kreation von Geld durch die Zentralbank. Oder eben, metaphorisch erzählt: Die Zentralbank druckt Geld und wirft es aus dem Hubschrauber über der Bevölkerung ab.

In der konkreten Umsetzung existieren primär vier Möglichkeiten, wie eine Zentralbank eine Helikoptergeld-Politik betreiben kann:

  1. Sie lässt den privaten Haushalten das neu geschaffene Geld direkt zukommen.
  2. Sie kauft direkt Anleihen des Staates oder von staatlichen Institutionen.
  3. Sie kauft direkt Anleihen des Staates oder von staatlichen Institutionen, die jedoch im Unterschied zu Variante 2 mit unbeschränkter Laufzeit und einem Nullprozent-Coupon ausgestattet sind.
  4. Sie erlässt dem Staat ausstehende Schulden.

Schauen wir uns die vier Varianten genauer an.

Die erste Variante ist die extremste und kommt am ehesten an die Helikopter-Parabel heran. In ihr umgeht die Zentralbank den Staat (respektive das Finanzministerium) völlig und lässt den Haushalten direkt neu geschaffenes Geld zukommen. Das kann in Form eines Checks sein, eines Banktransfers oder auch über Zuschüsse in Vorsorgeeinrichtungen wie Pensionskassen. Die Strategie dahinter ist, den privaten Konsum direkt zu befeuern.

Die zweite Variante kommt am nächsten an die bereits heute praktizierte Politik des Quantitative Easing heran. In dieser Variante kauft die Zentralbank Staatsanleihen einfach direkt vom Finanzministerium und wählt nicht den Umweg über den Sekundärmarkt.

Diese Variante umfasst auch staatsnahe Institutionen: Der frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis plädiert zum Beispiel in diesem Interview mit meinen Kollegen Gabriella Hunter und Peter Rohner dafür, dass die EZB direkt Anleihen der Europäischen Investitionsbank (EIB) kaufen soll. Mit den aufgenommenen Mitteln solle die EIB sodann Infrastrukturprojekte in der Eurozone finanzieren.

In dieser Variante ist allerdings streng betrachtet der permanente Faktor der Geldschöpfung nicht gegeben, denn zum Zeitpunkt der Rückzahlung der Anleihe fällt die Geldmenge wieder.

Die dritte Variante ist eine Abwandlung der zweiten Variante und behebt den Mangel der fehlenden Permanenz: In diesem Fall verkauft das Finanzministerium der Zentralbank Anleihen, die mit unbegrenzter Laufzeit und einem Nullprozent-Coupon ausgestattet sind. Sie werden also nie zurückbezahlt, und der Staat muss darauf auch keine Zinsen entrichten.

Im Effekt gibt die Zentralbank dem Staat damit Geld zum Nulltarif, welches dieser zur Finanzierung von Konjunkturstimulus-Projekten einsetzen kann.

Die vierte Variante schliesslich involviert ebenfalls den Staat und den Bondmarkt. In dieser Variante kauft die Zentralbank Staatsanleihen entweder auf dem Primär- oder dem Sekundärmarkt. Zu irgendeinem Zeitpunkt erlässt die Zentralbank dem Staat aber diese Schuld, das heisst, die Zentralbank schreibt ihr Guthaben gegenüber dem Staat ab und die Verschuldung des Staates sinkt. Das wiederum erhöht den Spielraum des Staats, sich am Bondmarkt neu zu finanzieren und das aufgenommene Geld für Stimulusprojekte auszugeben.

Allen vier Varianten des Helikoptergeldes ist gemein, dass die Nachfrage in der Wirtschaft – entweder über den privaten Konsum oder über staatliche Investitionsausgaben – angekurbelt wird, ohne dass die Staatsverschuldung weiter steigt.

Wäre Helikoptergeld im gegenwärtigen Umfeld eine sinnvolle Lösung? Und hätten die Zentralbanken überhaupt den legalen Spielraum für ein derartiges Experiment?

Diese Fragen werden wir nächste Woche an dieser Stelle beantworten.