Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Coronavirus
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Prognosen in Zeiten des Coronavirus

Andreas Neinhaus

Die Kurse an den Börsen stürzen ab. Doch auch gerade kleinere Betriebe sind betroffen vom Coronavirus. Foto: Richard Drew (AP, Keystone)

Wie schwer sind die wirtschaftlichen Schäden von Covid-19? In Zeiten wie diesen läge es an den Konjunkturforschern, der Öffentlichkeit mit verlässlichen Prognosen Gewissheit zu geben, um sich darauf einzustellen und reagieren zu können.

Genau das ist jedoch nicht möglich. Prognosen benötigen Daten als Grundlage, aber diese fehlen. Das eindrücklichste Beispiel liefert die OECD. Sie hat am Montag die Veröffentlichung der monatlichen Frühindikatoren («Composite Leading Indicators», CLI) ausgesetzt. Zwar brauche es gerade jetzt dringend die vorauslaufenden Indikatoren, um zu verstehen, wie sehr die Volkswirtschaften von der Gesundheitskrise getroffen seien, geben die Forscher der renommierten Organisation zu. Aber die zur Verfügung stehenden Daten reichten noch nicht aus, um die wirtschaftlichen Effekte zu erfassen: «At this time, CLI sub-components for many countries are not yet able to capture the effects of the more widespread Covid-19 outbreak.»

V, U oder L?

Tatsächlich hat sich die Halbwertzeit von Vorhersagen deutlich verkürzt, seit das hochansteckende Virus aus China vor vier Wochen seinen Weg nach Europa gefunden hat. Anfangs war von einem V-förmigen Verlauf des Konjunkturzyklus die Rede: Ein heftiger Einbruch, der aber schon bald – etwa nach einem Quartal – ausgeglichen würde.

Inzwischen ist häufiger von einem U die Rede, soll heissen: Die Talsohle wird länger anhalten, mindestens zwei Quartale. Die schlimmste Variante wäre ein L: ein wirtschaftlicher Einbruch, auf den eine Stagnation folgt.

Die OECD arbeitet mit zwei Szenarien. In der Hauptvariante setzt sie auf eine V-Entwicklung. Die Weltwirtschaft wird dieses Jahr nur 2,4 Prozent wachsen, statt 2,9 Prozent wie vor dem Coronavirus prognostiziert. 2021 zieht dann das Wirtschaftswachstum wieder deutlich an.

Quelle: OECD

Daneben gibt es noch ein ungünstigeres Szenario: den Dominoeffekt. Dazu kommt es, falls sich der wirtschaftliche Einbruch nicht auf China und einzelne andere beschränkt, sondern in den wichtigsten Industrieländern fortsetzt, dort das Geschäftsvertrauen unterminiert, die Reisetätigkeit lahmlegt, sodass die Konsum- und Investitionsausgaben stark eingeschränkt werden. In diesem Fall, so die Ökonomen der internationalen Regierungsorganisation, wird sich die Weltwirtschaft im Jahresdurchschnitt auf 1,5 Prozent abschwächen. Teile Europas werden in eine Rezession kippen. Auch die Erholung 2021 fällt dann nur sehr schwach aus.

Verfolgt man die täglichen Berichte über Absagen, Verbote und Restriktionen im öffentlichen Leben, um die Verbreitung des Virus einzudämmen, neigt man dazu, eher dem zweiten Szenario mehr Wahrscheinlichkeit beizumessen. Aber wer weiss das schon.

Der soziale Konsum

Wie Epidemien die Wirtschaft lahmlegen, ist wenig erforscht. «In einer normalen Rezession ist die Ursache bekannt, weshalb die Produktion eingebrochen ist, und man kann daher Rückschlüsse darauf ziehen, wie lange diese Korrektur dauern wird», schreibt Simon Wren-Lewis, Wirtschaftsprofessor an der Oxford-Universität. Im Fall einer Epidemie oder gar Pandemie seien die Voraussetzungen jedoch grundverschieden vom Lehrbuch-Verlauf.

Wren-Lewis war vor zehn Jahren damit beauftragt, die wirtschaftlichen Auswirkungen einer Grippe-Pandemie zu analysieren. In einem soeben vom britischen Thinktank CEPR veröffentlichten E-Book «Economics in the Time of COVID-19» resümiert er: Es kommt nicht nur zu einem Einbruch auf der Angebotsseite, also einem Produktionsstopp durch die Unternehmen, beispielsweise weil der internationale Handel unterbrochen wurde. Sondern es kommt auch zu einem nachfragebedingten Schock. Dieser Einbruch der Konsumausgaben fällt vielschichtig aus. Er sei nur schwer abzuschätzen.

Überdurchschnittlich viele kleine Betriebe sind betroffen.

Wren-Lewis spricht in diesem Zusammenhang vom «sozialen Konsum», jenem Teil der Konsumnachfrage, bei dem andere Menschen involviert sind. Das können Restaurantbesuche, Sportveranstaltungen, Reisen und vieles mehr sein. Bei ihnen werden die Ausfälle nicht einfach verschoben und dann nachgeholt, sondern es handelt sich um permanente Verluste. In seiner damaligen Kalkulation zeigte sich, dass der grösste Dämpfer für das Wirtschaftswachstum ausgelöst wurde, weil die Menschen ihren sozialen Konsum reduzierten, um sich vor dem Grippevirus zu schützen. In diesen Wirtschaftsbranchen gleicht der Geschäftsverlauf also am ehesten einem «L».

Es wird schwierig sein, diesen Nachfrageeffekt zu quantifizieren. Überdurchschnittlich viele kleine Betriebe sind betroffen. Sie arbeiten häufiger mit einer geringeren Kapitaldecke und sind daher stärker gefährdet als die grossen Namen, auf die gegenwärtig alle blicken, weil ihre Aktienkurse an den Börsen nach Jahren der Hausse spektakulär abwärts rasen.