Eingeloggt Nicht eingeloggt Suche E-Mail Leseliste Aktiv auf Leseliste Drucken Uhr E-Mail Term-Tag Arrow Left Arrow Right Arrow Down Arrow Up Charts Lock Abo Circle Circle Open Six Exchange Six Exchange Facebook Twitter Linkedin Xing Googleplus Whatsapp
Blogs / Never Mind the Markets

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

Markus Diem Meier

Zusammenarbeit setzt auch emotionale Verbindlichkeit voraus. Foto: Shutterstock

Nimmt man in Volkswirtschaftslehre einführende Werke zu wörtlich, entsteht ein ernüchternder Eindruck vom Denken der Ökonomen. Die Vorstellung des Menschen als «Homo oeconomicus», auf dem die grundlegenden Modelle aufbauen, ist die eines rationalen, nutzenmaximierenden Egoisten: also jemand, der stets kühl berechnend seinen eigenen Vorteil zu steigern sucht. Diese simplen eingehenden Modelle besagen dann auch, dass eine Wirtschaft gerade dank solchen Figuren am meisten prosperiert.

Zu einem «Homo oeconomicus» passen keine Emotionen, eine sinnvolle ökonomische Rolle spielen sie in diesem einfachen Modell nicht. Im Gegenteil: Sie sind im ökonomischen Sinn irrational, weil sie schon definitionsgemäss nicht rationalen, also berechnenden Überlegungen und Entscheiden entspringen. Emotionen wie Angst, Freude, Trauer, Wut, Eifersucht sind wir ausgeliefert, wir haben sie schlecht bis gar nicht unter Kontrolle, und wir können sie uns auch nicht einfach vornehmen. Sie beherrschen uns, und der Einfluss des Verstandes über sie ist beschränkt.

Zusammenarbeit braucht Vertrauen

Zu oft hat man das Modell des «Homo oeconomicus» schon politisch missbraucht und behauptet, so müssten Menschen gemäss Ökonomen sein. Das ist vollkommener Quatsch. Wie der Ökonom Robert Frank in seinem Buch «Passions with Reason» aus dem Jahr 1988 zeigt, spielen Emotionen eine eminent wichtige ökonomische Rolle, gerade weil sie nicht aus einer rationalen Berechnung resultieren.

Viele ökonomische (und andere) Beziehungen lassen sich nicht über einen Markt regeln, beziehungsweise über Preise. In vielen Arbeits-, Auftrags- oder Partnerschaftsverhältnissen ist es unmöglich, alle damit verbundenen Aufgaben beziehungsweise die Kriterien der Zusammenarbeit bis ins Detail vertraglich festzulegen, zu überwachen und sie mit einem Preis zu versehen. Es wäre mit zu viel Aufwand verbunden, und es fehlen oft schon die Kenntnisse, um die Leistungen und das Verhalten der Personen richtig einschätzen zu können. Kurz: Es braucht Vertrauen.

Effizient und kostengünstig

Ein «Homo oeconomicus», wie er im Lehrbuch steht, schafft kein Vertrauen. Mit einer Person, die jede Gelegenheit wahrnimmt, um auf meine Kosten einen Vorteil für sich herauszuschlagen, wenn ich als Partner oder als Arbeitgeber ihn nicht überwachen und bestrafen kann (etwa über tiefere Zahlungen), gehe ich lieber keine Art von Beziehung ein. Worauf aber kann Vertrauen basieren, wenn man sich nicht kennt und man eine ökonomische (oder andere) Bindung eingehen will?

Genau hier erfüllen Emotionen ihren Zweck, gerade weil sie die Menschen binden, ihnen sozusagen von innen heraus Grenzen setzen. Wenn man bei einem Gegenüber entsprechende Emotionen wahrnimmt, ist das ein wichtiges Signal, dass er oder sie in vielen Situationen kaum für ein kühles Berechnen des eigenen Nutzens in der Lage sein wird: Wenn ich annehmen kann, dass jemand aus emotionalen Gründen – zum Beispiel wegen sonst plagender Schuldgefühle – nicht zum Betrügen in der Lage ist, selbst wenn er oder sie daraus einen Vorteil hätte und der Betrug verborgen bliebe, dann macht das eine ökonomische oder andere Beziehungen erst möglich. Emotionen sind erheblich effizienter und kostengünstiger als jede externe Kontrolle.