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Draghis Bazooka wäre heute fehl am Platz

Andreas Neinhaus

«Es wird reichen»: Das war 2012 das Versprechen des ehemaligen EZB-Chefs Mario Draghi. Foto: AP (Keystone)

Die durch die Corona-Pandemie ausgelöste Panik an den Finanzmärkten weitet sich aus. Notenbanken und Regierungen stemmen sich dagegen. Der Europäischen Zentralbank (EZB) kommt dabei eine besondere Rolle zu. Sie regelt die Geldversorgung im Euroraum, der 19 EU-Mitgliedsländer umfasst. Weil ihre Politik über das Schicksal des Euros entscheidet, ist ihr Vorgehen auch für die Schweiz von grosser Bedeutung.

Das zeigte sich vor sieben Jahren, mitten in der Euro-Staatsschuldenkrise. Im Sommer 2012 versprach der damalige EZB-Chef Mario Draghi in einer öffentlichen Rede in London, dass seine Behörde alles unternehmen werde, um die Krise zu beenden. «Und glauben Sie mir, es wird reichen», sagte er damals. Das Versprechen wirkte Wunder, die Verkaufsspekulation an den Märkten ebbte ab. Die akute Phase der Eurokrise war überwunden.

In diesen Tagen ist Draghis Zauberformel «Whatever it takes» ein geflügeltes Wort. Vor allem Regierungschefs zitieren sie, wenn sie ihre Sondermassnahmen und Nachtragshaushalte verkünden. Auch Draghis Nachfolgerin, die amtierende EZB-Chefin Christine Lagarde, bezog sich darauf, als sie ihr Notfallprogramm vorstellte. Interessanterweise packte sie Draghis Bazooka nicht aus. Und vielleicht noch interessanter: Die Märkte fordern das auch gar nicht.

Die blosse Ankündigung besänftigte damals die Finanzmärkte.

Draghis Waffe wurde deshalb als so wirkungsvoll eingestuft, weil sie keine Grenzen hatte. Über sogenannte direkte monetäre Transaktionen – Outright Monetary Transactions, OMT – sollte die EZB respektive die ihr angeschlossenen nationalen Notenbanken direkt Staatsanleihen von Mitgliedsländern aufkaufen. Und zwar so lange und so viel wie nötig. Die letzte Woche präsentierte Bazooka der EZB heisst Pepp – Pandemic Emergency Purchasing Programme – und ist auf 750 Mrs. € und das laufende Jahr begrenzt. Trotzdem ist sie das effektivere Instrument in der gegenwärtigen Krise, als es OMT wären.

Im Rahmen von Pepp werden die Notenbanken im EZB-System ab sofort noch mehr Staatsanleihen und Unternehmensanleihen als bisher im regulären Ankaufprogramm APP ankaufen. Der Pool wurde erweitert. Griechische Staatsanleihen zählen fortan dazu sowie – im Moment wegen der Liquiditätsrisiken ganz wichtig – kurzfristige Schuldverschreibungen von Unternehmen (Commercial Papers), mit denen diese ihren Kreditbedarf decken.

Im Vergleich dazu war Draghis Bazooka ein schwammiges Instrument. Nach Draghis Ankündigung im Juli musste die Idee erst umgesetzt werden. Im September waren sie grundsätzlich parat. OMT richten sich nur an einzelne Länder. Beantragt eine Regierung, dass die EZB ihr unbegrenzt eigene Staatspapiere abkauft, um solvent zu bleiben, dann muss sie sich im Rahmen des Euro-Rettungsschirms ESM zu einem wirtschaftlichen Reformprogramm bereit erklären. Und dieser würde das dann überwachen, ähnlich wie die berüchtigte Troika in der Griechenlandkrise. OMT kamen bis heute nie zum Einsatz. Niemand weiss, ob sie in der Praxis tatsächlich funktionieren. Aber ihre blosse Ankündigung besänftigte damals die Finanzmärkte.

In der heutigen Krise rund um Covid-19 würde Draghis damalige Bazooka wenig bewirken. Ob Pepp genügen wird, um die Märkte zu beruhigen, muss sich allerdings noch zeigen. Die amerikanische Notenbank hat derweil am Montag ein Wertschriftenkaufprogramm beschlossen, dessen Volumen nach oben offen ist.