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Die Inflation wird überschätzt

Andreas Neinhaus

Entscheidend ist, wer was konsumiert: Wer täglich Auto fährt, spürt Benzinpreisschwankungen stärker als ein Velofahrer. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Hand aufs Herz: Wissen Sie, wie hoch die Inflation derzeit liegt? Falls nicht, können Sie beruhigt sein. Die Mehrheit der Bürger weiss es auch nicht. Das ergeben Untersuchungen sowohl in den USA als auch in Europa. Erstaunlich ist dabei, dass die Bevölkerung den tatsächlichen Anstieg der Konsumentenpreise enorm überschätzt.

Die Europäische Union erfasst monatlich in einer Umfrage die wahrgenommene Inflation in den 28 Mitgliedsländern. Das Resultat: Die Preise für Essen, Kleidung, Benzin, Restaurantmahlzeiten und andere Elemente des Haushaltskonsums steigen viel weniger stark, als die meisten Menschen denken. Im dritten Quartal 2019 glaubten die EU-Bürger im Durchschnitt, dass die Inflation 8,7% pro Jahr beträgt, während die tatsächliche Inflation nur 1,3% ausmachte. Nirgendwo liegt die Teuerung auch nur annähernd an dem vermuteten Wert: Ungarn belegt mit einer gemessenen Inflation von 3,5% in der EU den Spitzenplatz.

HVPI: Harmonisierter Verbraucherpreisindex für den Euroraum. Quelle: EU, OECD

Die gleiche Situation erleben wir im Euroraum. In den 18 Staaten, die den Euro als gemeinsame Währung haben, nimmt die Bevölkerung eine Inflation von 7,2% wahr. Obwohl sie effektiv nur knapp 1% beträgt!

Mehr als nur Messprobleme

Woher kommt diese krasse Fehleinschätzung? Untersuchungen ergeben, dass sozio-ökonomische Faktoren eine Rolle spielen. Je nach Alter, Ausbildung und Einkommen wird die Entwicklung der Preise und Lebenshaltungskosten unterschiedlich erlebt. So nehmen Geringverdienende einen durchschnittlichen Preisanstieg von 9,7% im dritten Quartal an, mit Spitzenwerten von 12%, wie die EU-Umfrage ausweist. Bei den Topeinkommen sind die Werte nur halb so hoch.

Wer nur eine Primarschulausbildung hat, geht von einer um ein Drittel höheren Preissteigerung aus als Personen mit Hochschulabschluss. Ältere Menschen schätzen die Preisentwicklung unterdurchschnittlich ein, Jugendliche überdurchschnittlich. Und selbst das Geschlecht spielt eine Rolle: Frauen sagen in der Umfrage aus, die Inflation betrage 8%, Männer geben nur 6% an.

Entscheidend ist, wer was konsumiert. Wer täglich mit dem Auto zur Arbeit und zurück pendelt, spürt Benzinpreisschwankungen stärker als ein Velofahrer. Und wer jeden Cent dreimal umdrehen muss, bevor er etwas kauft, reagiert preissensibler als Personen, die sich mehr leisten können.

Es gibt auch allgemeine Phänomene: Viele Menschen merken sich eher, wenn ein Produkt oder eine Dienstleistung sich verteuert, und vergessen schnell, wenn deren Preis sinkt. Darüber hinaus ist es für den einzelnen Konsumenten schwierig, neben der Preisveränderung auch Qualitätsveränderungen zu berücksichtigen. Wird ein Handy teurer, dann liegt das zum Teil auch daran, dass das neue Modell einen besseren Prozessor, eine bessere Kamera etc. enthält. Bei der offiziellen Messung versuchen die Statistiker solche Qualitätsveränderung herauszufiltern, wenn sie die Preise vergleichen.

Und letztlich lässt sich nicht vermeiden, dass jeder Einzelne auch wichtige Kostenblöcke wie die Krankenversicherungsprämien oder die Immobilienpreise einbezieht, die in den offiziellen Konsumentenpreisindizes gar nicht oder nur teilweise erfasst werden.

Schattenboxen in der Europäischen Zentralbank

Die gewaltige Kluft zwischen gefühlter und effektiver Inflation sollte Notenbanken zu denken geben. Die jahrelangen Warnungen, dass die Inflation viel zu niedrig sei und eine Deflation drohe, scheinen in der breiten Bevölkerung nicht angekommen zu sein. Die Debatte über die Reform der Inflationsziele, die diese Woche in der EZB anläuft, wirkt vor diesem Hintergrund wie Schattenboxen.

Debattiert wird, ob das aktuell gültige Ziel, eine Inflationsrate «von nahe, aber unter 2%», eher 1,75 oder 1,9% bedeutet. Und darüber, ob es symmetrisch ausgelegt werden soll, will heissen, dass die Teuerung auch mal vorübergehend auf 2,5% steigen darf, nachdem sie schon so lange deutlich tiefer als 2% liegt. Wenn jedoch der Grossteil der Bevölkerung davon überzeugt ist, dass die Teuerung 7% oder mehr beträgt, muss man sich fragen, ob die Notenbanken nicht den Kontakt zur Bevölkerung verlieren.

Wirtschaftsexperten rechtfertigten die grosse Abweichung in der Vergangenheit damit, dass immerhin die Richtung stets stimmte: Wenn die tatsächliche Teuerung stieg, dann stieg generell auch die wahrgenommene; ebenso fielen sie parallel zueinander. Dieses Jahr scheint selbst dieser Zusammenhang nicht mehr zu gelten. Wie die Grafik oben zeigt, nahm die offizielle Teuerung immer mehr ab, was die EZB dazu bewegte, den Leitzins noch tiefer ins Minus zu setzen (auf –0,5%) und ein neues milliardenschweres Anleihenkaufprogramm zu lancieren. Gleichzeitig hat die Teuerung im Urteil der Bevölkerung dieses Jahr angezogen.

Kritik an der Geldpolitik der Notenbanken

Die EZB verhängt seit Jahren einen negativen Leitzins, weil die Inflation zu niedrig ausfällt und Deflation droht, und sie sieht sich deshalb als Retter des wirtschaftlichen Wohlstands. In der Bevölkerung kommt das ganz anders an: Die persönliche Kaufkraft nimmt ihrer Meinung nach jährlich um 7% ab, weil die Preise in diesem Tempo steigen, und darüber hinaus liegen die Marktzinsen auf oder unter null, was die Einkommen zusätzlich drückt.

Vielleicht erklärt dieser Wahrnehmungsunterschied bei der Preisentwicklung, weswegen die öffentliche Kritik an der Geldpolitik der Notenbanken zuletzt so stark zunimmt. In der Inflationswahrnehmung gibt es viel individuellen Interpretationsspielraum, bei den Null- und Minuszinsen auf dem Sparkonto dagegen nicht. Notenbanken sollten das berücksichtigen. Der Spielraum für eine extrem ausgerichtete Zinspolitik ist eng begrenzt.