Blogs / Never Mind the Markets

Neue Berufe dank neuer Bürokratie

Mathias Binswanger

Sch… Bürokratie: Komplizierte Abläufe können einem die Freude an der Arbeit ziemlich vermiesen. Foto: iStock

Der Kampf gegen Bürokratie gehört zum Standardrepertoire zeitgenössischer Politik. Seit den 1990er-Jahren gab es ständig Versuche, den alten bürokratischen Staat durch einen modernen, wettbewerbs- und kundenorientierten Staat zu ersetzen. Im Rahmen des New Public Managements (NPM) sollte eine effiziente, schlanke und unbürokratische öffentliche Verwaltung mithilfe von privatwirtschaftlichen  Managementtechniken entstehen. Man ging davon aus, dass Staatsangestellten (Beamten) einfach die richtigen Anreize gesetzt werden müssen, damit sie eine optimale Leistung erbringen. Leistung und Qualität staatlicher Institutionen sollten durch Indikatoren erfasst und anschliessend über Anreize verbessert und auf Effizienz getrimmt werden.

Dieses Konzept ist allerdings kläglich gescheitert. Der mit dem NPM in Gang gesetzte, permanente Zwang zu messbarer Effizienz und messbarer Qualität entwickelte bald ein Eigenleben. Das NPM wurde Ausgangspunkt für eine neue Controlling-Evaluations- oder Optimierungsbürokratie, in der traditionelle Regeln und Vorschriften durch Leistungsvereinbarungen und messbare Ziele ersetzt wurden. Das erkennt man besonders deutlich im Bildungswesen oder Gesundheitswesen.

Bürokratiebekämpfung führte zu neuem Bürokratieschub

Die neue Bürokratie erwies sich als sehr beschäftigungsintensiv. Neben Tätigkeiten wie Administration, Organisation, Überwachung, Kontrolle, Registrierung, Dokumentation, Evaluation oder Kodierung umfasst sie beispielsweise auch Zertifizierung, Akkreditierung sowie Beratung, Coaching oder Mentoring. An der Arbeit sind dabei fast ausnahmslos ausgebildete Spezialisten und Experten. Manchmal agieren diese noch unter verständlichen Berufsbezeichnungen wie Kodierer, Berater oder Controller. Immer häufiger begegnen wir aber Fachpersonen, die sich beispielsweise «Data Facility Hierarchical Storage Manager», «Human Resources Management Consultant», «Regulatory Compliance Manager» oder deutsch «Fachreferent für medizinisches Versorgungswesen», «Regionalkoordinator im Bildungsmarketing» oder «freiberuflicher Zertifizierungsauditor» nennen. Je komplexer die Berufsbezeichnung, umso grösser die Wahrscheinlichkeit, dass der Beruf Teil der neuen Bürokratie ist.

Massnahmen, die ursprünglich zur Bekämpfung der Bürokratie vorgesehen waren, sorgten somit letztlich für einen neuen Bürokratieschub. Diese Tatsache hat der amerikanische Anthropologe David Graeber in seinem 2015er-Buch «Bürokratie – Die Utopie der Regeln als ehernes Gesetz des Liberalismus» beschrieben, welches besagt, dass jede Marktreform, jede Regierungsinitiative, die den Amtsschimmel bändigen und die Marktkräfte fördern will, in einer weiteren Zunahme von Vorschriften und Verwaltungsarbeit und damit Bürokratie resultiert.

Vollbeschäftigung dank Bürokratie

Diese Zunahme hängt mit dem Versuch zusammen, eine stets steigende Komplexität in den Griff zu bekommen. Wir haben immer komplexere Technologien, ein immer komplexeres Rechtssystem oder ein stets komplexeres Gesundheitswesen. Dem Staat werden so immer mehr Aufgaben übertragen, in der Meinung, dieser könne dann «von oben herab» mit entsprechendem Controlling garantieren, dass Wirtschaft und Gesellschaft in jeder Hinsicht wunschgemäss funktionieren. Das ist allerdings eine Illusion, aber eine Illusion, die viele neue Arbeitsplätze schafft. In Zeiten, in denen Automatisierung und digitale Transformation traditionelle Jobs zum Verschwinden bringen, bleibt die Beschäftigung so weiterhin hoch.

Daraus ergibt sich aber ein Dilemma. Wir müssen uns immer mehr mit der neuen Bürokratie herumschlagen, welche uns in vielen Bereichen das Leben verkompliziert und die Freude an der Arbeit verdirbt. Auf der anderen Seite garantiert aber gerade diese Bürokratie weiterhin Vollbeschäftigung.