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Das neue Engagement der Ökonomen

Markus Diem Meier

Geben Sie der Ökonomie eine Chance! Sie hat das Know-how, um einige unserer Probleme zu lösen. (Foto: iStock)

Zu oft werde «Marktfundamentalismus» für das gehalten, wofür Ökonomen stehen. Und das sei falsch. Das schreiben die drei in den USA lehrenden Ökonomen Seresh Naidu, Dani Rodrik und Gabriel Zucman in der Einleitung zu einer gratis per Internet verfügbaren Aufsatzsammlung, die von Ökonomen der führenden US-Universitäten verfasst wurde.

Für viele problematische Entwicklungen der letzten Jahrzehnte wurden Ökonomen bzw. deren Theorien mitverantwortlich gemacht: Etwa für eine zu weit gehende Globalisierung und Öffnung der Grenzen. Oder für das Unterschätzen der Risiken und Nachteile, die von unzureichend regulierten Banken ausgehen und von ungehinderten internationalen Kapitalströmen. Ökonomen, so schien es, hatten immer eine Rechtfertigung bereit; ob es sich nun um eine wachsende Ungleichheit handelt oder um Machtverhältnisse in der realen Wirtschaft. Einige wurden nachweislich auch dafür bezahlt.

Zeit, den Elfenbeinturm zu verlassen

Wie wenn die Zunft wegen ihres bisherigen Images ein schlechtes Gewissen hätte, schiessen nun Engagements aus dem Boden, die die Inhalte dieser Wissenschaft der Allgemeinheit besser erklären wollen. Die eingangs erwähnte von Naidu, Rodrik und Zucman und weiteren ist nur ein Beispiel dafür. Mit der von ihnen vor kurzem mitbegründeten Organisation «Economists for inclusive Prosperity» (Ökonomen für eine inklusive Prosperität) – abgekürzt «Econfip» – wollen sie ganz konkret und verständlich aufzeigen, was die Ökonomie alles zur Lösung anstehender Probleme beitragen kann.

Schon im Herbst 2009 wurde mit einer Stiftungssumme des Hedgefonds-Pioniers George Soros das «Institute for New Economic Thinking» im Nachgang der Finanzkrise begründet. Der Anspruch lautet auch hier: «Wir sind Ökonomen, die konventionelle Weisheiten infrage stellen und Ideen voranbringen, die der Gesellschaft besser nützen.» Und schliesslich gibt es das «Core-Econ»-Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine «Ökonomie für eine sich verändernde Welt» zu betreiben. Die Organisation stellt online und unentgeltlich umfassende und ausgezeichnete Unterrichtsmaterialien zur Verfügung und gibt ein mehr als 1100-seitiges Lehrbuch heraus, an dem mehr als 80 Wirtschaftsprofessoren mitgearbeitet haben.

Das Bild der Ökonomen war schon vor der Krise falsch. Ökonomen haben zum Beispiel, anders als oft behauptet, nie vertreten, dass ein grösstmöglicher Egoismus eines Jeden zum grössten Wohl für alle führt. Doch die Zunft hat früher zu wenig unternommen, um dem falschen Eindruck etwas entgegenzusetzen. Dass sie nun unter Rechtfertigungsdruck geraten ist und dass sich ihre Vertreter deshalb aus dem Elfenbeinturm heraus bewegen und der Allgemeinheit auch die Feinheiten ihres Fachs zu vermitteln versuchen, ist nur zu begrüssen. Wer sich die Mühe macht und sich auf das Angebot einlässt, wird viel lernen – unter anderem, dass Ökonomie eine komplexe Sache ist und sich schlecht für ideologische Parolen eignet.