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Polen und Ungarn sind keine Schwellenländer

Andreas Neinhaus

Warschau ist heute ein wichtiges Wirtschaftszentrum Osteuropas. Foto: iStock

In seiner Herbstprognose für die Weltwirtschaft hält der Internationale Währungsfonds an seinem Ansatz fest, Polen und Ungarn als Schwellenländer zu klassifizieren. Es ist an der Zeit, diese Praxis zu überdenken.

Der IWF verfügt über das grösste Know-how, wenn es darum geht, die Weltkonjunktur zu prognostizieren. Der riesige Ökonomenstab analysiert regelmässig fast alle Länder der Welt (ausgenommen Nordkorea, Kuba und Syrien). Die Weltwirtschaft teilt er dabei in zwei Gruppen: Die eine umfasst hochentwickelte Länder («Advanced Economies»), die andere Schwellen- und Entwicklungsländer («Emerging Market and Developing Economies»).

Die Hauptkriterien, nach denen der IWF die Welt in hochentwickelte Volkswirtschaften, Schwellenländer und Entwicklungsländer einteilt, sind nach eigenen Angaben:

  1. Das Pro-Kopf-Einkommen
  2. Die Diversifizierung der Exporte – um zu verhindern, dass Ölexportländer mit einem hohen Pro-Kopf-BIP automatisch den Sprung in die erste Gruppe schaffen, da rund 70 Prozent der nationalen Exporte sich aus Öl zusammensetzen
  3. Die Integration in das globale Finanzsystem

Insgesamt 39 Länder sind gemäss IWF hochentwickelt, 23 davon liegen in Europa. Die Tschechische Republik zählt seit vielen Jahren dazu, ebenso die Euromitglieder Slowenien und die Slowakische Republik. Nicht jedoch die Nachbarn Polen und Ungarn. Dabei liegt ihr Pro-Kopf-Einkommen nicht wesentlich tiefer. Mit rund 32’000 US-Dollar ist es bei beiden Ländern etwa gleich hoch wie das Pro-Kopf-BIP Portugals. Griechenland ist diesbezüglich schwächer.

Quelle: IWF

An der Wirtschaftskraft kann es also nicht liegen. Auch die Exportstruktur der beiden Staaten ist ausreichend diversifiziert. Und sowohl Polen als auch Ungarn weisen ein entwickeltes Finanz- und Bankensystem auf. Weshalb bleiben beide trotzdem aussen vor? «Eine Neuklassifizierung findet nur statt, wenn sich etwas Markantes verändert», schreibt der IWF, «oder wenn die Gründe für eine Änderung in Bezug auf die drei oben genannten Kriterien überwältigend sind.»

Welche Rolle spielen politische Überlegungen?

Tatsächlich klassifiziert der Ökonomenstab Länder nur ungern um. Im Jahr 2015 rückten die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen auf. Der Schritt sei im Zusammenhang mit der Euro-Einführung in diesen Ländern gestanden, erläutert der IWF. Denn durch den Euro-Beitritt habe sich deren Finanzsystem radikal verändert. Im gleichen Jahr wurde auch San Marino zu einem hochentwickelten Land heraufgestuft. 2016 handelte der IWF bisher zum letzten Mal: Macao und Puerto Rico stiessen zu den «Advanced Economies» als Nummer 38 und 39.

Der IWF zögert. Nur Ministaaten scheinen die Chance zu erhalten, in die Gruppe der fortschrittlichen Industriestaaten aufgenommen zu werden. Das mag im Sinne der statistischen Datenbewirtschaftung Sinn machen, aber der IWF analysiert auf diese Weise je länger je mehr an der wirtschaftlichen Realität vorbei.

Inzwischen stellt sich die Frage, ob nicht auch politische Überlegungen eine Rolle spielen. Polen und Ungarn haben sich auf internationaler Ebene in den vergangenen Jahren politisch isoliert. Sähe die Heraufstufung nicht wie ein Ritterschlag für die Wirtschaftspolitik der ungeliebten Rechtspopulisten aus, die in Warschau und Budapest regieren? Der Verdacht drängt sich auf, dass vor allem die Europäer im IWF ein solches Signal an die ungeliebten Partner in der Union verhindern möchten. Auch um ihn zu widerlegen, sollte der IWF endlich handeln.