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Blogs / Never Mind the Markets

Rätselhafte Grande Nation

Tobias Straumann

In Finanzkreisen ist man sich schon lange einig, was in Frankreich passieren müsste, damit das Land wieder vorwärtskommt: Reformen, Reformen, Reformen. Konkret bedeutet dies: Liberalisierung der Arbeits- und Produktemärkte, Bildungsreform, Abbau des Protektionismus, Erhöhung des Rentenalters, Rückbau der Staatsschulden und Steuersenkungen für Unternehmen – um nur die offensichtlichsten Baustellen zu nennen. Das lesenswerte Buch «Changer de modèle» (2014) von Philippe Aghion, Gilbert Cette und Elie Cohen listet all diese Punkte im Detail auf und macht Vorschläge.

Ob es aber je zu einer grossen Reformwelle kommen wird, ist mehr als fraglich, und an dieser Einschätzung dürften auch die Präsidentschaftswahlen kaum etwas ändern. Wer auch immer gewinnen wird, es gibt kein Mandat für eine wirtschaftsliberale Agenda. Es geht nur um die Frage, ob man für oder gegen den Front National ist.

Das wird mittelfristig wohl auch so bleiben. Denn eine liberale Wende wäre vor dem Hintergrund der jüngsten französischen Wirtschaftsgeschichte etwas völlig Neues. Seit 1945 gilt, dass der Staat die bestimmende Rolle in der Wirtschaft zu spielen hat. In den ersten zwei Jahren der sozialistisch-kommunistischen Koalition unter Präsident Mitterrand, von 1981 bis 1983, gab es sogar eine Verstaatlichungswelle, während andernorts bereits Privatisierungsprogramme liefen, etwa in Grossbritannien und den Niederlanden. Diesen extremen Staatseinfluss hat man danach wieder abgebaut, aber dabei blieb es dann auch.

Keine schnelle Industrialisierung

Kurios ist am Ganzen, dass es der französischen Bevölkerung im europäischen Vergleich gar nicht so schlecht geht. Der relative Abstieg gegenüber Deutschland ist zwar unübersehbar, aber verglichen mit Südeuropa ist die Lage recht gut.

Diese Feststellung lässt sich auf die Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts übertragen. Frankreich hat im Unterschied zu Deutschland nie eine Periode der schnellen Industrialisierung erlebt – aber es ging stetig vorwärts. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der französischen Bevölkerung zwar deutlich tiefer als dasjenige der Deutschen. Aber der Abstand war nicht so bedeutend, als dass man von einem grossen Entwicklungsgefälle hätte sprechen müssen.

Per Capita GDP        
(1990 International Geary-Khamis dollars)    
1820 1850 1880 1910
Austria 1’218 1’650 2’079 3’290
Belgium 1’319 1’847 3’065 4’064
Denmark 1’274 1’767 2’181 3’705
Finland 781 911 1’155 1’906
France 1’135 1’597 2’120 2’965
Germany 1’077 1’428 1’991 3’348
Italy 1’117 1’350 1’581 2’332
Netherlands 1’838 2’371 3’046 3’789
Norway 801 956 1’517 2’186
Sweden 1’198 1’289 1’846 2’980
Switzerland 1’090 1’488 2’450 4’331
United Kingdom 1’706 2’330 3’477 4’611
Total 12 Western Europe 1’243 1’658 2’297 3’380
Quelle: Maddison.

 

Vielleicht muss man sich in den einschlägigen Finanzkreisen einfach daran gewöhnen, dass Frankreichs Wirtschaft robuster ist, als die Kennzahlen vermuten lassen.