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Wie problematisch sind hohe Leistungsbilanz­überschüsse?

Mathias Binswanger

Florierende Wirtschaft: Ein hoher Leistungsbilanzüberschuss ist für die Schweizer ein gutes Zeichen. Foto: Keystone

Die Schweiz und Deutschland haben einiges gemeinsam. Unter anderem die Tatsache, dass beide Länder einen erheblichen Überschuss in der Leistungsbilanz ausweisen. Diese umfasst alle Ausgaben und Einnahmen einer Volkswirtschaft gegenüber dem Ausland. Den grössten Anteil dieses Überschusses macht dabei der Handelsbilanzüberschuss aus, also die Differenz zwischen Exporten und Importen von Gütern. In absoluten Zahlen erzielte Deutschland 2019 zum vierten Mal in Folge den höchsten Überschuss aller Länder. Beziehen wir den Leistungsbilanzüberschuss hingegen auf die Grösse des BIP, dann ist er in der Schweiz noch einiges höher. In Deutschland macht der Leistungsbilanzüberschuss rund 7% des BIP aus, während der Anteil in der Schweiz um die 10 % liegt.

Geht es um die ökonomische Interpretation des Leistungsbilanzüberschusses, dann ist mit der Gemeinsamkeit zwischen Deutschland und der Schweiz allerdings Schluss. In der Schweiz wird der Überschuss allgemein als ein Zeichen der Stärke der Schweizer Exportwirtschaft interpretiert, die uns zusätzliches Wachstum beschert. In Deutschland ist das hingegen ganz anders. Dort gilt der Überschuss als Hypothek, die man am liebsten loswerden möchte. Einerseits ist da die Kritik von aussen. Besonders die USA unter Präsident Trump sind mit dem deutschen Überschuss unzufrieden. Den grössten Teil des Überschusses erzielt Deutschland nämlich mit Exporten in die USA, wo demzufolge ein beträchtliches Handelsbilanzdefizit mit Deutschland besteht. Also befürchtet man in Deutschland, zum Ziel weiterer Handelssanktionen zu werden.

Was wäre, wenn…

Doch es ist nicht nur die Angst vor den USA, welche Ökonomen in Deutschland den Leistungsbilanzüberschuss kritisieren lässt. Gern wird auch mit dem in Deutschland beliebten, aber in der Schweiz weitgehend unbekannten Begriff der Investitionslücke argumentiert. Gemäss dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, reflektiert der deutsche Leistungsbilanzüberschuss einen riesigen öffentlichen und privaten Investitionsmangel.

Die Argumentation lautet dabei wie folgt: Deutschland spart zwar viel, aber investiert diese Ersparnisse nicht im eigenen Land. Stattdessen fliesst das Geld ins Ausland wie etwa in die USA, wo es zur Finanzierung des dortigen Handelsbilanzdefizits verwendet wird. Umgekehrt fehlt dieses Geld in Deutschland, um dort dringend benötigte private und öffentliche Investitionen zu finanzieren. Also würden wir in einer besseren Welt leben, so die Schlussfolgerung, wenn Deutschland mehr Geld im eigenen Land investierte und dieses nicht mehr ins Ausland flösse. Dann würde auch der Leistungsbilanzüberschuss grossenteils verschwinden, weil das Ausland kein Geld mehr hätte, um weiterhin auf hohem Niveau Importe aus Deutschland zu finanzieren. Sollte die Politik somit alles daransetzen, den Leistungsbilanzüberschuss abzubauen?

Die Schweizer haben recht

Die Antwort lautet: nein. Die eben skizzierte Argumentation beruht auf einem Fehlschluss. Eine Investitionslücke in der eben beschriebenen Form kann es in einer modernen Wirtschaft gar nicht geben. Es existiert kein fixer Fonds von Ersparnissen, der entweder im Inland oder im Ausland investiert wird. Über Bankkredite ist es jederzeit möglich, weiteres Geld zur Finanzierung von Investitionen zu schaffen. Im Nachhinein sehen wir dann in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung sowohl eine Zunahme der Investitionen als auch der Ersparnisse. Der Anstieg der Ersparnisse entspricht in diesem Fall dem zusätzlichen Einkommen, welches durch die kreditfinanzierten Ausgaben für die Investitionen entstanden ist.

Investitionen in Deutschland scheitern also nicht daran, dass Ersparnisse ins Ausland abgezweigt werden. Sie scheitern daran, dass es ökonomisch nicht attraktiv ist, Geld dort (zum Beispiel bei den Kommunen) zu investieren, wo es erwünscht wäre. Das ändert sich auch nicht durch geringere Leistungsbilanzüberschüsse. Zwar wären dann die ins Ausland fliessenden Ersparnisse geringer, aber leider auch die in Deutschland erzielten Einkommen.

Wir haben also recht, wenn wir in der Schweiz Leistungsbilanzüberschüsse positiv interpretieren. Die Kritik deutscher Ökonomen an diesen Überschüssen beruht grossenteils auf falschen Prämissen.