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Ärgern Sie sich (noch) über steigende Gesundheitskosten?

Mathias Binswanger

Erfolgsversprechend: Das Angebot der Pharmaindustrie und die Ärzte bestimmen die Nachfrage. Foto: iStock

Kaum eine Grösse wächst in der Wirtschaft mit so schöner Regelmässigkeit wie die Gesundheitskosten. Gemäss Comparis.ch sollen die Prämien für die Grundversicherung der Krankenkassen auch 2020 um weitere zwei bis drei Prozent steigen. Doch welche Faktoren garantieren diesen stetigen Anstieg der Kosten, welchen den Gesundheitsmarkt inzwischen zum sichersten und bedeutendsten Wachstumsmarkt der Schweiz gemacht haben?

Jenseits eines funktionierenden Marktes

Die Gründe sind letztlich leicht durchschaubar. Auf dem Gesundheitsmarkt besteht ein starker Anreiz zu kontinuierlicher Mengenausweitung. Und so werden Jahr für Jahr mehr und angeblich bessere Gesundheitsleistungen und -produkte in Anspruch genommen. Der Anreiz zur Mengenausdehnung ergibt sich aber gerade aus der Tatsache, dass es sich gar nicht um einen funktionierenden Markt handelt. Auf einem perfekt funktionierenden Markt gibt es viele kleine Anbieter, die in vollständiger Konkurrenz untereinander in einem Preiswettbewerb dasselbe Produkt anbieten. Dabei besitzen alle Marktteilnehmer vollständige Information zu Produkten und eigenen Bedürfnissen. Und selbstverständlich bezahlt der Käufer eines Produkts auch selber dafür. Es braucht nicht viele Überlegungen, um festzustellen, dass diese Bedingungen auf dem Gesundheitsmarkt nicht erfüllt sind.

Wer eine Gesundheitsleistung in Anspruch nimmt, bezahlt im Allgemeinen nicht oder nur zu einem kleinen Teil selbst dafür. Für den grössten Teil muss die Allgemeinheit über Krankenkassenprämien und Steuern aufkommen. Also versucht man das Kostenbewusstsein über einen Selbstbehalt von 10 Prozent und die Möglichkeit der Wahl von hohen Franchisen bei der Krankenkasse wieder zu fördern. So wählen mittlerweile knapp 20 Prozent der Versicherten die höchste Franchise von 2500 Franken. Doch gleichzeitig nimmt auch der Teil der Menschen immer mehr zu, welche Prämienverbilligungen erhalten, sodass der Effekt insgesamt bescheiden bleibt.

Dramatisierte Krankheiten und cleveres Marketing

Eine wichtige Abweichung von der Idee eines perfekten Marktes stellt auch die ausgeprägte Informations-Asymmetrie zwischen Anbietern und Nachfragern dar. Ärzte und Spitäler, aber auch die Hersteller von Pharmazeutika sind viel besser über ihre Angebote informiert als die Patienten auf der Nachfrageseite. Kombiniert mit dem geringen Kostenbewusstsein der Patienten, schafft die Informations-Asymmetrie die wesentliche Grundlage für die permanente Mengenausdehnung. Denn die Nachfrage kann zu einem grossen Teil über das Angebot gesteuert werden. Also werden ständig neue Krankheiten «entdeckt» oder alte Krankheiten neu dramatisiert (z. B. Masern), «verbesserte» Behandlungsmethoden und Medikamente entwickelt, neue Präventionsprogramme aus dem Boden gestampft oder neue Apps zur Überwachung des Gesundheitszustands angeboten. Und all dies wird als notwendig dargestellt für mehr Lebensqualität und ein längeres und beschwerdefreies Leben.

Teilweise stimmt das auch, aber eben nur zum Teil. Ein anderer Teil ist das Resultat von cleverem Marketing, politischer Lobbyarbeit und geschickter «Incentivierung» von Ärzten, Gesundheitsmanagern und Patienten. Daran hat auch das Internet mit all seinen Vergleichsmöglichkeiten nichts geändert. Ganz im Gegenteil. Mit der grossen Menge an Informationen steigt auch die Desinformation, denn die präsentierten «Fakten» sind oft vage und widersprüchlich. In dieser Situation ist es relativ leicht, die Patienten durch gezielte persönliche Informationen zum weiteren Konsum von Medikamenten, Behandlungen oder Therapien zu bewegen.

Boomender Gesundheitssektor

Deshalb versucht der Staat, die steigenden Kosten durch zusätzliche Massnahmen wie Fallpauschalen im stationären Spitalbereich oder durch fixe Tarife bei der Vergütung von Arztdienstleistungen (Tarmed) in den Griff zu bekommen. Doch das funktioniert nicht. Denn je mehr man Spitäler und Ärzte mit solchen Massnahmen unter Kostendruck setzt, umso mehr werden die Anreize zur Optimierung von Behandlungen ausgenutzt. Das heisst, man macht dann eben mehr Operationen oder Untersuchungen, die sich in diesen Systemen als lukrativ erweisen, was zu weiteren Mengenausweitungen führt. Eigentlich als Sparmassnahmen eingeführte Systeme verkehren sich auf diese Weise in ihr Gegenteil und werden selbst zu Kostentreibern.

Deshalb müssen die Prämienzahler und dürfen Pharmaindustrie, Ärzte, Apotheker, Therapeuten oder Spitäler mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit damit rechnen, dass die Gesundheitskosten auch in Zukunft weiter steigen werden. Doch es gibt auch eine gesamtwirtschaftlich positive Seite dieser Entwicklung. Der Gesundheitssektor schafft enorm viele Stellen. In der Schweiz stieg die Beschäftigung im Gesundheits- und Sozialwesen von 1995 bis 2018 um 79 Prozent, während sich die gesamte Beschäftigung in der Schweiz in diesem Zeitraum um 21 Prozent erhöhte. Etwa jede(r) achte Beschäftigte unseres Landes arbeitet mittlerweile in diesem Sektor. Wir können deshalb festhalten: Solange die Gesundheitskosten weiter steigen, bleiben der Schweiz hohe Arbeitslosenquoten erspart.