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Donald Trumps Denkfehler

Mark Dittli

Donald Trump zeigt den unterschriebenen Erlass, demzufolge die USA aus der Transpazifischen Freihandelspartnerschaft aussteigen werden. Foto: Kevin Lamarque (Reuters)

Nun ist es also so weit. Seit wenigen Tagen ist Donald Trump der 45. Präsident der USA.

Diese Woche hat er bereits erste Wahlversprechen umgesetzt – und dabei besonders in der Handelspolitik radikale Töne angeschlagen: Per präsidialem Erlass hat Trump den Ausstieg der USA aus der Transpazifischen Freihandelspartnerschaft TPP (Trans-Pacific Partnership) angeordnet. Zudem hat er angekündigt, das Abkommen zur Nordamerikanischen Freihandelszone (Nafta) neu zu verhandeln.

Beschlüsse wie die Abkehr von TPP oder auch die scharfe Rhetorik Trumps gegen China haben weitreichende geostrategische Konsequenzen, was wir in diesem und in diesem Kommentar beleuchtet haben – und worauf wir in diesem Blog in den kommenden Monaten sicher noch zurückkommen werden.

Trump-Berater Wilbur Ross. Foto: Mike Segar (Reuters)

In diesem Beitrag soll es jedoch nicht um die Geopolitik gehen, sondern um eine engere Betrachtung der Ideen, von denen sich Trump beim Thema Handel leiten lässt. Denn diese Ideen unterliegen einem groben Denkfehler.

Die wichtigsten Berater Donald Trumps in Handelsfragen sind Wilbur Ross, ein schwerreicher Investor, den Trump als Handelssekretär vorgeschlagen hat, und Peter Navarro, der den neu geschaffenen Posten des Vorsitzenden des Nationalen Handelsrats besetzen soll.

Einblick in das Denken der Berater

Trump ist im gesamten Wahlkampf – und auch in den gut zwei Monaten seit seinem Wahlsieg – nie mit besonders intelligenten Aussagen zu Wirtschafts-, Finanz- und Handelsfragen aufgefallen. Es muss daher angenommen werden, dass seine Berater ein grosses Gewicht haben werden.

Ross und Navarro haben Ende September 2016 in einem auf der Website von Trump publizierten, 30-seitigen Papier einen Einblick in ihr Denken gegeben.

Im Kern lautet ihr Befund wie folgt:

  1. Eine Reihe von Freihandelsabkommen – besonders das Nafta-Abkommen von 1993, die Aufnahme von China in die Welthandelsorganisation WTO, das Abkommen mit Südkorea von 2012 und das von Barack Obama aufgegleiste TPP – haben im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte den US-Industriestandort unterminiert.
  2. Die Handelspartner der USA – namentlich erwähnt sind im Papier unter anderen China, Deutschland, Japan und Kanada – manipulieren ihre Währung und halten sie künstlich niedrig. Dadurch erlangen diese Staaten einen unlauteren Wettbewerbsvorteil und können mehr Güter in die USA exportieren.
  3. Als Folge schlecht verhandelter Handelsabkommen und der Währungsmanipulation anderer Staaten sei das Handelsdefizit der USA stetig gestiegen.
  4. Das sei schlecht, denn ein Handelsdefizit stelle eine Bremse für das Wachstum des Bruttoinlandproduktes (BIP) der USA dar.

So weit der Befund. Um den vierten Punkt zu verdeutlichen, führen Ross und Navarro die Tatsache ins Feld, dass in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung die Exporte zum BIP hinzugezählt, die Importe jedoch vom BIP subtrahiert werden.

Peter Navarro (rechts neben Trump). Foto: Kevin Lamarque (Reuters)

Ihr Rezept für die Zukunft: Mehr Exporte, weniger Importe bedeuten automatisch höheres BIP-Wachstum. Oder in ihren eigenen Worten:

«Trump’s goal is not to reduce overall trade flows but rather increase them. Through tough, smart negotiations, he will improve our trade deals, increase our exports, and displace some goods we now currently import with products made in America.»

Klingt gut, nicht wahr?

Nun kommen wir zu den Denkfehlern: Zunächst schreiben Navarro und Ross, die chinesische Zentralbank würde den Wert der heimischen Währung, des Yuan, künstlich niedrig halten. Würden der Yuan und der Dollar frei «floaten», würde sich Chinas Währung deutlich aufwerten.

Das mag in der Zeit zwischen 2009 und 2014 richtig gewesen sein, aber seit bald zwei Jahren hat sich das Blatt komplett gewendet: Der Yuan steht heute unter grossem Abwertungsdruck. Würde die People’s Bank of China nicht mit dem Einsatz ihrer Devisenreserven intervenieren, um den Aussenwert ihrer Währung zu stützen, würde sich der Yuan zum Dollar stark abwerten.

Der zweite Denkfehler betrifft die behauptete Kausalität zwischen den erwähnten Freihandelsabkommen seit 1993 und dem Niedergang des US-Industriestandorts. Wir wollen hier nicht in die Details gehen, aber wer sich dafür interessiert: Der an der University of California in Berkeley lehrende Wirtschaftshistoriker Brad DeLong zeigt in diesem Beitrag auf Vox überzeugend auf, dass der Verlust von Industriearbeitsplätzen in den USA ein deutlich langfristigeres Phänomen ist und weder mit Nafta noch mit China noch mit TPP viel zu tun hat.

Zu simple Logik

Den grössten Denkfehler erlauben sich Ross und Navarro jedoch mit ihrer arithmetischen Herleitung, wonach weniger Importe automatisch ein höheres BIP-Wachstum bedeuten.

Sie bedienen sich dabei der Gleichung für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung:

Y = G + C + I + NX
Dabei steht Y für das BIP; G für die Ausgaben des Staates; C für den Konsum; I für die Investitionen und NX für die Nettoexporte (Exporte minus Importe).

Sie stellen fest, dass NX im Fall der USA stark negativ ist, da die Exporte rund 500 Milliarden Dollar niedriger sind als die Importe.

In ihrer simplen Logik folgern Ross und Navarro nun, dass mit Importbeschränkungen das Volumen der Einfuhren gesenkt und mit «besser ausgehandelten» Handelsabkommen das Volumen der Exporte erhöht werden kann. Dadurch werde das Handelsdefizit eliminiert und das BIP der USA sei dadurch automatisch um 500 Milliarden Dollar höher. Diese BIP-Steigerung wiederum schaffe neue Arbeitsplätze und führe zu erheblich höheren Steuereinnahmen für den Staat.

Um zu diesem Resultat zu kommen, brauche man keine komplizierten ökonomischen Formeln, sondern es sei simple Arithmetik, schreiben Ross und Navarro. Das ist kompletter Schwachsinn.

Der Zweck der BIP-Gleichung ist bloss, den Wert der im Inland produzierten Güter und Dienstleistungen zu bestimmen und ihren Nachfragekomponenten zuzuordnen.

Die Gleichung ist nichts anderes als eine buchhalterische Feststellung der BIP-Komponenten: Die Tatsache, dass Importe in der BIP-Gleichung abgezogen werden, vermeidet eine Doppelzählung, da diese Güter zwar im Inland konsumiert, aber im Ausland produziert wurden. Aus demselben Grund müssen die Exporte hinzugezählt werden, da sie im Inland produziert, aber im Ausland konsumiert werden.

Importe führen nicht automatisch zu einem höheren BIP

Der wichtige Punkt ist: Weniger Importe bedeutet nicht automatisch ein höheres BIP. Denn diese Importe ermöglichen es den inländischen Konsumenten, Güter zu tieferen Preisen zu kaufen, als wenn diese im Inland produziert worden wären. Die Substitution von Importen – oder deren Verteuerung durch Zölle – erhöht bloss die Preise der fraglichen Güter und führt dazu, dass die Konsumenten weniger Mittel für den Kauf anderer Güter zur Verfügung haben.

Besonders anschaulich wird dieses Konzept, wenn man bedenkt, dass rund ein Drittel des Handelsdefizits der USA, etwa 180 Milliarden Dollar, auf Importe von fossilen Brennstoffen entfällt. Würde Trump den Import von Öl verbieten, würden die Preise für Benzin, Kerosin und Heizöl im Inland deutlich steigen, was wiederum die anderweitigen Ausgaben der Konsumenten schmälern würde.

Zwei weitere Effekte haben Ross und Navarro in ihrem Papier übersehen: Erstens steht einem Defizit in der Handelsbilanz (genauer gesagt: der Leistungsbilanz) immer zwangsläufig ein Überschuss in der Kapitalbilanz gegenüber. Das bedeutet: Als Folge des Handelsdefizits fliesst Kapital in die USA.

Diese Kapitalzuflüsse entfallen primär auf den Kauf von US-Staatsanleihen durch ausländische Zentralbanken, doch auch das ist für die USA von Vorteil: Die Kapitalzuflüsse halten das Zinsniveau in den USA tief.

Würde der Plan von Ross und Navarro umgesetzt, wären höhere Zinsen und ein stärkerer Dollar die Folge. Beides würde die heimische Wirtschaft schwächen.

Vergeltungseffekte ignoriert

Zweitens haben es die Autoren unterlassen, mögliche Vergeltungseffekte zu berücksichtigen. Sie gehen schlicht davon aus, durch Zölle könnten die Importe in die USA beschränkt und durch harte, clevere Verhandlungen («tough, smart negotiations») die Exporte aus den USA erhöht werden.

Welcher Handelspartner soll auf einen derart einseitigen Deal einstiegen? China? Good Luck! Wahrscheinlicher ist es, dass die Gegenseiten auch Importzölle auf amerikanische Güter erheben und es zu einem Handelskrieg kommt. China könnte beispielsweise seine Getreideimporte aus den USA kürzen und stattdessen auf Kanada, Brasilien und Argentinien ausweichen, um seinen Bedarf an Soja, Weizen und Mais zu decken.

Das ist die Tragik der noch kurzen Amtsdauer von Donald Trump als Präsident. Er lässt sich in Handelsfragen von Leuten beraten, deren «Programm» sich bislang auf ein 30-seitiges Papier voller Denkfehler beschränkt. Wir können uns auf vier ereignisreiche Jahre gefasst machen.