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Überschätzter Wirtschaftseinbruch

Mathias Binswanger

Kaum Einbrüche beim Konsum: Ob Maskenpflicht oder nicht, auf Schweizer Konsumenten ist offenbar Verlass.
Foto: Marcel Bieri (Keystone)

In den letzten Tagen wurde der panische Unterton bei der Berichterstattung über die Corona-Pandemie erneut intensiviert. Die Zahl der Infizierten steigt an, der Kanton Schwyz ist zu einem neuen Hotspot geworden, und Bundesrat Berset sagt bei jeder Gelegenheit, dass die Lage kritisch, beunruhigend oder dramatisch ist.

In starkem Kontrast dazu stehen Meldungen zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie. Die zu Beginn dieser Woche publizierte, neueste Wirtschaftsprognose des SECO lässt vermuten, dass diese weder kritisch, beunruhigend noch dramatisch sind. Was die Börsen schon lange vorausgesagt haben, scheint bisher zu stimmen. Der durch die Corona-Massnahmen verursachte wirtschaftliche Einbruch ist nicht gravierend. Die Ökonomen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) haben ihre Prognosen am Montag einmal mehr nach oben revidiert.

Das BIP wird dieses Jahr nicht, wie bisher vermutet, um 6.2% schrumpfen, sondern «nur» um 3.8%. Und dies, nachdem das SECO im Frühjahr sogar mit einem wirtschaftlichen Rückschlag von bis zu 10% gerechnet hatte. Die konkreten Zahlen dürfen wir nicht allzu ernst nehmen, aber der Trend ist klar: Corona ist nach neuester Interpretation keine wirtschaftliche Katastrophe, sondern eine Krise, die weniger dramatisch ist als die Folgen des Erdölschocks (reales BIP-Wachstum 1975: -6.7%) und etwas dramatischer als die Folgen der Finanzkrise (reales BIP- Wachstum 2009: -2.1%).

Konsumstabilität und bescheidene Finanzspritzen

Worauf gründet sich diese neue Zuversicht? Erstens ist der Konsum viel weniger stark eingebrochen als zunächst vermutet. Es zeigt sich einmal mehr, wie diszipliniert Schweizer Konsumenten sich verhalten. Da kann passieren, was will, der Konsum macht keine grossen Sprünge, weder nach unten oder nach oben. Das hängt in der jetzigen Situation auch damit zusammen, dass die Arbeitslosigkeit kaum angestiegen ist. Die Arbeitslosenquote dürfte dieses Jahr nur auf etwas mehr als 3% ansteigen. Und die Kurzarbeit wurde deutlich weniger stark in Anspruch genommen worden, als man dies zunächst befürchtete.

Zweitens sieht es auch bei vielen Unternehmen keineswegs düster aus. Konkurse konnten dank Hilfskrediten weitgehend vermieden werden. Insgesamt wurden 135’005 COVID-19-Kredite (bis 500’000 Fr.) mit einem Volumen von 13.8 Mrd. Fr. vergeben. Damit nahm rund jedes fünfte der 589’000 Schweizer KMU das Programm in Anspruch, und das durchschnittliche Kreditvolumen lag bei rund 103’000 Fr. Das sind insgesamt aber bescheidene Finanzspritzen und so zeichnen sich derzeit weder Liquiditäts- noch Kreditengpässe auf breiter Basis ab. Die Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen gehen deshalb nach Schätzung des SECO dieses Jahr «nur» um 6% und nicht um 14% zurück, wie bisher angenommen wurde.

Alles also nur halb so schlimm?

Die Anpassung der Prognosen nach oben ist kein spezifisches Schweizer Phänomen. Auch die ebenfalls diese Woche publizierten Prognosen des IMF sind für verschiedene Regionen der Welt wieder optimistischer. Doch die Schweiz dürfte zu den Ländern gehören, die vom Corona-Virus am wenigsten geschädigt wurden. Nur mit China können wir nicht mithalten, wo für dieses Jahr bereits wieder ein Wachstum von 1.7% erwartet wird.

Alles also nur halb so schlimm? Das wird sich in den nächsten Wochen entscheiden. Wenn jetzt in gewissen Ländern wieder mit einem Lockdown gedroht wird, dann kann dies schnell zu neuen Einbrüchen führen. Es hängt letztlich von der Reaktion der Politik auf die steigenden Fallzahlen ab, ob die bereits erfreuliche Erholung wieder abgewürgt wird.

Und das insgesamt rosige Bild für die Schweiz stimmt auch nicht für alle Branchen. In der Reisebranche, beim Passagiertransport oder bei auf Ausrichtung von Freizeit- bzw. Grossveranstaltungen spezialisierten Unternehmen müssen wir mit dramatischen (ja, hier ist das Wort angebracht) Konsequenzen rechnen. Der Flughafen Zürich hatte im September 81% weniger Passagiere als im Vorjahr. Und auch im Vergleich zum August 2020 brachen die Passagierzahlen wieder um einen Viertel ein. Diese Zahlen zeigen exemplarisch, wie es in den erwähnten Branchen aussieht.