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Ungebremster Aufstieg zur grössten Wirtschaftsmacht

Mathias Binswanger

Riesiger Binnenmarkt wird zum Wachstumsmotor: Die chinesischen Autoverkäufe lagen im August bereits wieder über dem Vorjahresniveau.
Foto: Ng Han Guan (Keystone)

Seit das Corona-Virus sich von China aus in Europa und den USA ausgebreitet hat, ist China weitgehend vom Radar unserer Medien verschwunden. Wir beschäftigen uns mit den eigenen Corona-Fällen, Corona-Folgen, Corona-Massnahmen und verlieren uns in endlosen Diskussionen, welche Massnahmen angebracht, notwendig, falsch oder wirksam sind.

Doch während wir hier intensiv diskutieren, erholt sich die chinesische Wirtschaft in rasendem Tempo. Nachdem die Wirtschaft im ersten Quartal 2020 im Vergleich zum ersten Jahresquartal von 2019 um 6.8% geschrumpft war, erholte sich die Wirtschaft im zweiten Quartal bereits wieder und verzeichnete ein Wachstum von 3.2% im Vergleich zum gleichen Vorjahresquartal. Damit ist auch schon klar, dass die Wachstumsrate für das gesamte Jahr 2020 positiv sein wird und neueste Schätzungen rechnen mit 1.8% Wachstum. Die wirtschaftliche Entwicklung seit dem letzten Quartal 2019 folgt einem V und keinem U oder W.

Nachhaltigkeit muss jetzt erst einmal warten.

Wie ist dieses kleine Wirtschaftswunder in China zustande gekommen? Das liegt zunächst an der wirksamen Bekämpfung des Corona-Virus. Seit März dieses Jahres sind die Fallzahlen nie mehr nennenswert angestiegen. Im Moment schwanken die Zahlen der täglich positiv auf Corona getesteten Menschen für ganz China um den Wert von 10! Deshalb fällt es den Chinesen auch leicht, das wieder zu tun, was die Chinesen schon vor dem dortigen Lockdown exzessiv betrieben haben: bauen, investieren, konsumieren und exportieren. Die Automobilverkäufe lagen im August bereits wieder 12% über dem Vorjahresniveau. Und auch der Export hat trotz der Krise der Weltwirtschaft und den Handelsstreitigkeiten im August wieder stark angezogen. Aufgrund dieser raschen Erholung ist es auch nicht erstaunlich, dass schon im Mai der CO2-Ausstoss in China wieder über dem Vorjahresniveau von 2019 lag. Nachhaltigkeit muss jetzt erst einmal warten.

Der chinesische Staatskapitalismus beweist seine Stärke

Besonders der Binnenkonsum weist in China noch enormes Wachstumspotential auf. Im Unterschied zu vielen hochentwickelten Ländern sind Chinas Märkte noch wenig von Sättigung bedroht. Die Menschen wollen endlich ein Auto, endlich eine grössere Wohnung und endlich ein eigenes Food Center in der Küche. Das können sich noch längst nicht alle leisten. So ist es vor allem die wachsende Ober- und Mittelschicht, welche jetzt mit verstärktem Konsum helfen soll, China aus dem Corona- Loch zu katapultieren. Je mehr diese oberen Einkommensklassen wachsen, umso mehr kann der Konsum in China selbst zu einem wichtigen Wachstumsmotor werden. Doch das bedeutet gleichzeitig einen Anstieg der Löhne und damit auch der Produktionskosten, so dass Exporte dadurch schwieriger werden. Ein allzu grosses Problem dürfte das indes nicht werden. Erstens werden auch die Chinesen arbeitsintensive Produktionsprozesse verstärkt outsourcen und damit von tiefen Löhnen in anderen Ländern profitieren. Und zweitens ist der Binnenmarkt in China dermassen gross, dass viele Industrien auch von diesem ganz gut leben können.

Doch China hat noch einiges mehr im Sinn. Seit Mai dieses Jahres wird eine «dual circulation strategy» forciert. Mit diesem Plan (ja China ist immer auch noch eine Planwirtschaft) möchte China verstärkt eigene technologische Innovationen fördern, um so vor allem die Abhängigkeit von US-Tech Firmen zu beseitigen. Das ist eine angesichts der Unsicherheit bei der Entwicklung des internationalen Handels und des erhöhten Misstrauens gegenüber China verständliche Strategie. Im Bereich Software sind die Chinesen mit Anbietern wie Tencent (WeChat) und Baidu schon ziemlich stark geworden. Vor allem bei den Halbleitern ist China aber nach wie vor stark vom Ausland abhängig. Der Anteil der chinesischen Hersteller am chinesischen Halbleitermarkt liegt erst bei 15% und da braucht es verstärkte Anstrengungen, um diesen Anteil zu erhöhen.

Wir dürfen vermuten, dass China am Schluss gestärkt aus der Corona-Krise herauskommen wird, und sich der Aufstieg Chinas zur grössten Wirtschaftsmacht dadurch weiter beschleunigt. Der chinesische Staatskapitalismus beweist seine wirtschaftliche Stärke. Im Unterschied zu unseren westlichen mit mehr oder weniger Demokratie kombinierten Formen des Kapitalismus, kann der Staat in China grosse wirtschaftliche Pläne in horrendem Tempo über die Köpfe der Menschen hinweg durchsetzen. Und immer mehr wird dieser Staatskapitalismus auch zu einem Überwachungskapitalismus. Auf diese Weise lässt sich auch das Verhalten und die Nachfrage der Menschen besser steuern als in westlichen kapitalistischen Systemen. Das fördert zwar nicht das Glück der Menschen, aber dafür den wirtschaftlichen Erfolg.