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Blogs / Never Mind the Markets

Ungleichheit in China nimmt rapide zu

Andreas Neinhaus

Die Bestverdienenden haben am meisten vom Wachstum profitiert: Luxuswagen vor Luxus-Wohnhäusern in der Provinz Hainan. Foto: Wang Zhao (AFP)

Seit seinem Bestseller «Das Kapital im 21. Jahrhundert» zählt der französische Wirtschaftsprofessor Thomas Piketty zu den bekanntesten Ökonomen. (Er war mehrfach Thema dieses Blogs, zum Beispiel hier und hier.) Piketty lehrt in Paris und widmet seine Forschung der Einkommensungleichheit. Seine These: Immer weniger Menschen profitieren von dem steigenden Wohlstand und dem Wachstum der Wirtschaft. Nachdem seine Forschung sich in den vergangenen fünf Jahren vor allem auf die USA und Europa konzentrierte, hat Piketty nun eine neue Studie veröffentlicht: Sie widmet sich Chinas Aufstieg zu einem der wichtigsten Player der Weltwirtschaft.

Abgedeckt wird der Zeitraum von 1978 bis 2015, in dem die Volksrepublik sich von einem planwirtschaftlichen Staat zu einer Marktwirtschaft wandelte. Piketty und seine Co-Autoren Gabriel Zucman von der Universität Berkeley und Li Yang von der Weltbank sprechen allerdings lieber von einer «mixed economy». Denn der öffentliche Sektor besitzt zwar heute einen kleineren Teil des Volksvermögens als früher, aber im Vergleich mit den modernen Industrieländern ist der Anteil immer noch deutlich grösser. Das zeigt die folgende Grafik.

Der Staat hält etwa 30 Prozent des Volksvermögens. China liegt damit heute ungefähr gleichauf mit der Situation, die bis 1980 in vielen westlichen Industrieländern vorherrschte. In Frankreich, Grossbritannien, Skandinavien etc. spielten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs öffentliche Unternehmen in der Wirtschaft eine wichtige Rolle. Gleichzeitig stand dem grossen öffentlichen Sektor nur eine niedrige Staatsverschuldung gegenüber. Politologen sprachen damals von mixed economies.
Die Grafik zeigt auch, wie sich der Staat in allen Industriestaaten seit Ende der Siebzigerjahre zurückgezogen hat. Staatsbetriebe wurden privatisiert, also Aktiven des Staats veräussert. Auf der anderen Seite nahmen die Verbindlichkeiten zu, die öffentliche Hand verschuldete sich immer mehr, vor allem in den vergangenen Jahren seit der Weltfinanzkrise 2008/09. So kommt es, dass das Netto-Staatsvermögen nicht nur nahe null gesunken ist, sondern in einigen Ländern wie in den USA und Grossbritannien inzwischen sogar negativ ausfällt. Die öffentlichen Schulden übersteigen die Aktiven des öffentlichen Sektors.

Sparen, investieren, spekulieren

Ganz anders in China. Das Land wuchs kräftig, und der nationale Wohlstand nahm zu. China baute seinen Netto-Auslandsvermögenstatus seit der Jahrtausendwende markant aus: von 2 Prozent des Nationaleinkommens auf 25 Prozent. Interessant dabei ist allerdings, dass das Reich damit immer noch gegenüber Spitzenreitern unter den Netto-Gläubigerstaaten wie Japan und Deutschland zurückliegt. Sie bringen es auf 78 resp. 35 Prozent. Chinas rasanter Wohlstandsgewinn ist im Gegensatz dazu vorwiegend vom Aufbau inländischen Kapitals getrieben.

Sehr hohe Sparraten und Investitionsquoten sind eine Erklärung. Aber sie reichen gemäss Piketty nicht als Erklärung aus. Steigende Vermögenspreise spielten eine wichtige Rolle, vor allem die Explosion der Notierungen am Aktienmarkt und der Wohnimmobilienpreise.

Wachsende Ungleichheit

Wer profitierte von dem Wohlstandsgewinn? Chinas Wandel vom Kommunismus zum Kapitalismus ging mit einer wachsenden Einkommensungleichheit einher. Das ist kaum überraschend. Der Anteil des Nationaleinkommens, das in die Taschen der 10 Prozent der Bevölkerung mit den höchsten Einkommen fliesst, nahm von 27 (1978) auf 41 Prozent (2015) zu. Gleichzeitig sank der Anteil der Bevölkerungshälfte mit den niedrigsten Einkommen von 27 auf 15 Prozent. Die Mittelschicht (40 Prozent) hielt ihren Einkommensanteil nahe 45 Prozent, d.h. sie verdient durchschnittlich etwas mehr als das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen des Landes.

China erlebte in den vergangenen vier Jahrzehnten einen dramatischen demografischen Wandel: Die städtische Bevölkerung vervielfachte sich von 100 Millionen Erwachsenen auf 600 Millionen. Die Landbevölkerung ist mit 500 Millionen Erwachsenen inzwischen etwas geringer als die urbane, während sie zuvor viermal so gross war. Zwar ist das Einkommensgefälle zwischen Stadt und Land sehr gross. Aber Piketty belegt, dass die Einkommensungleichheit in der chinesischen Gesellschaft nicht allein deswegen zugenommen hat. Entscheidend war die Schere innerhalb der ländlichen Bevölkerung. Das zeigt die folgende Grafik.

Geringere Einkommensunterschiede als in den USA

Piketty greift auf seine früheren Länderstudien zurück, um Chinas Wohlstandsunterschiede international zu vergleichen. Die Volksrepublik ist heute ungleicher als Frankreich und nähert sich der Lage in den USA. Der Anteil der Top-Ten-Verdiener nahm in den Vereinigten Staaten zwischen 1978 und 2015 von 35 auf 47 Prozent zu (China: von 27 auf 41 Prozent). Dagegen blieb er in Frankreich fast gleich (31 auf 33 Prozent). Der Abstand zu den USA fällt jedoch grösser aus, wenn die Superreichen (Top-1-Prozent-Einkommen) in den Ländern miteinander verglichen werden, wie die folgende Grafik zeigt.

Der Anteil der Bevölkerungshälfte mit den niedrigsten Einkünften am Nationaleinkommen liegt in den USA bei gerade einmal 12 Prozent, im ländlichen China bei 20 Prozent und im städtischen gar bei 25 Prozent. Piketty mahnt zur Vorsicht, dass die Datenlage noch nicht über jeden Verdacht erhaben sei. «Our corrected inequality estimates for China are more satisfactory and plausible than previous estimates. But they are still fragile and incomplete, and they are definitely not meant to be the last word on the issue.»

Trotzdem sei der beachtliche Abstand im Ungleichheitsvergleich zwischen den USA und China mehr als nur eine Frage der statistischen Erhebung. «It seems difficult at this stage to imagine a correction that would make China more unequal than the USA, especially if one thinks of the comparison of the bottom 50 percent income share between urban China and the USA.»

Wachstum für alle oder für wenige?

China, die USA und Frankreich wiesen in den vergangenen vier Jahrzehnten die gleichen Trends aus:

  1. Überall stiegen die realen Einkünfte der Top-Einkommensschichten schneller als das durchschnittliche Wachstum des jeweiligen Landes.
  2. Und überall stiegen die realen Einkünfte der 50 Prozent Geringerverdienenden langsamer als der Durchschnitt.

Die «Top-0,001%»-Einkommensklasse legte zwischen 1978 und 2015 in Frankreich insgesamt um 158 Prozent zu, in den USA um 685 Prozent und in China um das Vierzigfache (3817 Prozent).

Der grosse Unterschied gemäss Piketty liegt hingegen in der Einkommensentwicklung der «Bottom 50%». Ihr Einkommen verfünffachte sich real (+401 Prozent). Das ist zwar weniger als der Durchschnitt, aber dennoch eine substanzielle finanzielle Verbesserung. Ist die Entwicklung deshalb gerechter? Wohl nicht – aber vermutlich macht es die wachsende soziale Kluft erträglicher. Piketty: «Presumably this can make rising inequality much more acceptable, especially for a country starting from very low living conditions, and at least until a certain point.» In den USA war das reale Einkommenswachstum der unteren Bevölkerungshälfte in den letzten 40 Jahren negativ (–1 Prozent).