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Blogs / Never Mind the Markets

Der Nutzen des Vergessens

Andreas Neinhaus

In der Euphorie gehen die vergangenen Tiefschläge leicht vergessen: Ein Aktienhändler in Frankfurt während des Börsencrashs im Oktober 2008. Foto: Michael Probst (Keystone)

In diesen letzten Dezembertagen werden wir mit Jahresrückblicken und Ausblicken auf 2018 überhäuft. Wir lesen sie gerne. Schliesslich wollen wir alle wissen, was uns in den kommenden zwölf Monaten erwartet, und rufen uns gerne die wichtigsten vergangenen Ereignisse der Vergangenheit in Erinnerung.

Prognosen spielen für das Funktionieren der Märkte eine wichtige Rolle. Kauf- und Investitionsentscheide wären ohne sie kaum möglich. Denn in einem solchen Moment macht sich jeder Gedanken darüber, wie es weitergeht. Vorhersagen helfen, den Blick zu klären.

Aber wie steht es eigentlich um das Erinnern?

An den Börsen ist ein gutes Erinnerungsvermögen viel wert. Zurückzublicken hilft wesentlich dabei, aktuelle Kursentwicklungen zu beurteilen. Fehlentscheidungen lassen sich dadurch vermeiden. Finanzmarktexperten würden die aktuelle Aktienhausse wohl weniger skeptisch beurteilen, wenn sie sich nicht an die Dotcom-Blase erinnerten, die im Jahr 2000 platzte. Die Investorenlegende John Templeton sagte nicht ohne Grund, dass die Devise «Diesmal ist alles anders!» die denkbar teuersten vier Worte seien.

Vergangenheitsdaten sind darüber hinaus wichtiger Bestandteil konkreter Vorhersagen. Prognosen, von den einfachsten Autoregressionen bis zu komplexen Schätzmodellen, werden mit möglichst akkuraten empirischen Daten gespeist.
Und dennoch ist es manchmal besser, Vergangenes aus der Erinnerung zu streichen, damit die Marktkräfte optimal spielen. Zu diesem Ergebnis gelangen zwei Ökonomen, die seit Jahren in einem wichtigen, aber wenig bekannten Segment der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften forschen. Es geht um «Informationsdesign» und «soziales Lernen».

Maximale Transparenz kann schaden

Wenn jemand in einem Hotel übernachtet und anschliessend eine Bewertung ins Internet stellt. Wenn jemand, sobald im Restaurant das Essen serviert wird, ein Foto von dem Tellergericht schiesst und hochlädt. Oder wenn eine Bank die Bonitätsdaten ihres Kreditkunden archiviert. Jedes Mal werden Informationen und Urteile festgehalten, die herangezogen werden können, wenn in Zukunft ein Kunde in diesem Hotel oder Restaurant bucht oder wenn ein Kredit vergeben wird. Intuitiv scheint das etwas Gutes zu sein: Je mehr Informationen vorhanden sind, desto besser, dann dadurch erhöht sich die Transparenz. Und bekanntlich sind nur transparente Märkte effizient.

Aber das stimmt nicht immer. Sergei Kovbasyuk von der Stockholm School of Economics und Giancarlo Spagnolo vom Einaudi Institute for Economics and Finance in Rom weisen nach, dass Märkte zwangsläufig zusammenbrechen, wenn vergangene Fakten unbegrenzt gespeichert werden.

Sobald ein Verkäufer ein negatives Urteil erhält, fällt seine erwartete Qualität am Markt. Käufer sind dann nicht mehr bereit, den gleichen Preis zu zahlen, und fordern einen Abschlag. Bis hier ist alles leicht nachvollziehbar. Der Markt funktioniert.

Aber in einem Marktumfeld, in dem das durchschnittliche Qualitätsniveau bereits niedrig ist, passiert auf die Dauer Folgendes: Die Qualität des Verkäufers sinkt unter den Durchschnitt, worauf die Zahlungsbereitschaft des Käufers unter das Niveaus des Verkaufspreises sinkt, das für den Anbieter noch kostendeckend ist. Da irgendwann jeder Verkäufer ein negatives Urteil erhält und von einem guten zu einem schlechten Verkäufer wird, führt das bei vollkommener Information langfristig dazu, dass so gut wie jeder Verkäufer langfristig aus dem Geschäft ausscheidet. Der Handel kommt letztendlich zum Erliegen.

Der Nutzen der selektiven Erinnerung

Das lässt sich vermeiden, wenn die Erinnerung künstlich verringert wird. Gespeicherte Informationen müssen gelöscht werden. Kovbasyuk/Spagnolo schlagen aber auch hier nicht das intuitiv Naheliegende vor, nämlich die Negativurteile zu löschen, sondern das Gegenteil: Negative Urteile sollten ausreichend lange (aber nicht ewig) allen zur Verfügung stehen, positive jedoch nur für kurze Zeit.

Auf diese Weise werden die Käufer dazu angestiftet, neue Verkäufer auszuprobieren, die bisher noch nicht beurteilt wurden. Sie schaffen so neue Informationen über den Markt, halten ihn vital und verbessern langfristig das Gesamtergebnis. Würden schlechte Verkäufer zu früh vergessen, würden sie sich unter die nichtbeurteilten Verkäufer mischen und würde es länger dauern, bis sich die Qualität verbessert. Würden gute Verkäufer zu lange gespeichert, wären sie gegenüber den Nichtbeurteilten zu lange im Vorteil. Käufer würden seltener von Letzteren kaufen und den gesunden Erneuerungsprozess, der den Markt stärkt, behindern.

Im Interesse eines funktionierenden Marktes ist also ein selektives Erinnerungsvermögen angebracht.

Die Ergebnisse der Informationsökonomen sind keine theoretischen Spielereien. Ihren Erkenntnissen kommt in der modernen digitalisierten Wirtschaft immer grössere Bedeutung zu. Internetriesen wie Google, Tripadvisor oder Amazon sammeln systematisch die Feedbacks ihrer Kunden. Ihre Geschäftsmodelle basieren weitgehend darauf, wie sie die gespeicherten Informationen mithilfe von Algorithmen verarbeiten und nutzen. Die Systeme müssen aber stets dafür sorgen, dass Nutzer auch neue, unbekannte Wege beschreiten. «Es ist notwendig, dass einige Personen Lehrgeld zahlen, damit alle anderen davon profitieren können», sagt Ilan Kremer von der Hebrew University in Jerusalem, einer der führenden Experten für Informationsdesign.

Was lernen wir daraus? Nicht nur die Vorhersage dessen, was in der Zukunft passieren könnte, ist wichtig, sondern mehr und mehr der Umgang mit gespeicherten Erfahrungen. Und manchmal ist es am besten, einfach alles zu vergessen.