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Von wegen «Das Ende der Geografie»

Tobias Straumann

Grosse Globalisierungsgewinnerin der letzten 25 Jahre: Die Agglomeration Zürich. (Foto: Keystone/Ennio Leanza)

Vor 25 Jahren publizierte Richard O’Brien, damals Chefökonom der American Express Bank, ein Buch mit dem griffigen Titel «Global Financial Integration: The End of Geography». Darin argumentierte O’Brien, dass die Globalisierung dank Internet und Finanzkapitalismus die Bedeutung der räumlichen Konzentration stark reduzieren würde. Es sei nun möglich, auf der Basis von dezentralen Netzwerken zusammenzuarbeiten. Wo jemand arbeite, sei noch nie so unwichtig gewesen wie heute.

Das Buch stiess auf grosse Resonanz und wurde sekundiert durch Titel wie «The Death of Distance» (Frances Cairncross) oder «The World Is Flat» (Thomas Friedman). Es schien wie ausgemacht: Bald ist Schluss mit dem Übergewicht der grossen Wirtschaftszentren.

Räumliche Konzentration nimmt zu

25 Jahre später sieht die Realität anders aus. Die räumliche Konzentration von Wirtschaftsaktivitäten hat keineswegs abgenommen. Im Gegenteil. Wie der Berkeley-Ökonom Enrico Moretti in seinem Buch «The New Geography of Jobs» zeigt, hat der Unterschied zwischen kleineren und grösseren Zentren zugenommen.

Es stimmt zwar, dass alte Zentren wegen des technologischen Strukturwandels teilweise abgestiegen sind. Sie sind aber nicht von dezentralen Netzwerken beerbt worden, sondern von bereits bestehenden oder aufsteigenden Zentren. So war beispielsweise die Bay Area um San Francisco bereits vor den 1990er-Jahren ein Wirtschaftszentrum, aber sie hat durch das Silicon Valley enorm an Bedeutung gewonnen. Seattle ist ein Beispiel für ein neues Zentrum. Kurzum, es gilt das Matthäus-Prinzip: «Wer hat, dem wird gegeben.»

Es braucht eine kritische Grösse

Entscheidend für das Florieren eines Wirtschaftszentrums ist die Verfügbarkeit von gut ausgebildeten Arbeitskräften. Es braucht entsprechend eine hohe Dichte an Hochschulen, Universitäten und Forschungsinstituten.

Zweitens ist nach wie vor wichtig, dass sich die Leute regelmässig treffen, Ideen diskutieren und sich messen können. Videokonferenzen können nie die Intensität des persönlichen Austauschs ersetzen.

Drittens braucht es für moderne Grossunternehmen zunehmend ein grosses Ensemble an Dienstleistungen – von der Revision über die Unternehmensberatung und die juristische Unterstützung bis zum Marketing. Damit eine Stadt all diese Dienstleitungen anbieten kann, braucht es eine kritische Grösse.

Die Folgen der Digitalisierung

In der Schweiz sehen wir dieselben Prozesse wie in den USA. Die Agglomeration Zürich ist die grosse Gewinnerin der Globalisierung der letzten 25 Jahre. Sie hat eine hohe Dichte an Hochschulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen. Sie ist ein Anziehungsort für ehrgeizige Leute aus dem In- und Ausland, die den Austausch suchen. Und sie hat eine Dienstleistungsinfrastruktur, die von keiner anderen Stadt erreicht wird.

Dass es ganz anders gekommen ist, als vor 25 Jahren prognostiziert wurde, sollte man ernst nehmen, wenn es um die Folgen der Digitalisierung geht. Die Arbeitswelt wird sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zweifellos verändern. Aber es könnte durchaus sein, dass wir den disruptiven Charakter einmal mehr überschätzen.