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Warum der Dollar der Welt nicht guttut

Andreas Neinhaus

«Der globale Finanzzyklus ist in Wahrheit ein Dollarzyklus»: Mark Carney, Gouverneur der Bank of England. Foto: Keystone

Am diesjährigen Notenbank-Symposium im amerikanischen Jackson Hole ist der Dollar in die Kritik geraten. Mehrere Beiträge entlarvten die Weltwährung als wichtigen Risikofaktor für die Weltwirtschaft. Prominentester Kritiker ist der Gouverneur der britischen Zentralbank, Mark Carney. Er scheide bald als Notenbankchef aus dem Amt und dürfe sich daher unverblümter äussern als mancher seiner Kollegen, sagte er den geladenen Gästen. In einer interessanten Rede kommt er sogar zum Schluss, dass es besser sei, wenn der Dollar durch eine digitale Währung ersetzt würde.

Ausgangspunkt der für einen Notenbanker durchaus radikalen Überlegungen ist seine Analyse des globalen Währungssystems. Carney bezeichnet es als anachronistisch und krisenanfällig. Die Struktur sei überholt. Der Dollar dominiere zwar die Geld- und Kapitalflüsse, dabei hätten die USA in den vergangenen drei, vier Jahrzehnten wirtschaftlich immer mehr an Einfluss verloren. Im Welthandel wird jede zweite Transaktion in der US-Währung verrechnet. Das ist dreimal so viel, wie die USA selbst exportieren, und fünfmal so viel, wie sie importieren. Ähnlich sieht es bei der weltweiten Verschuldung aus, die nach wie vor hauptsächlich in Dollar stattfindet.

Das Weltfinanzsystem hängt schief

Das führt dazu, dass Staaten, Unternehmen, Haushalte und Institutionen ausserhalb der USA von der US-Wirtschaftspolitik abhängen, die den Kurs des Dollars beeinflusst. Solange alle Länder die gleiche Politik verfolgen, ist das nicht problematisch. Aber wehe die US-Notenbank oder das Weisse Haus weichen ab, straffen die Zinsen und lassen die Währung aufwerten. Carney: «Der globale Finanzzyklus ist in Wahrheit ein Dollarzyklus.»

Diese Schieflage des Währungs- und Finanzsystems hat zur Folge, dass Zentralbanken die Kontrolle über ihre Politik verlieren, konstatiert der Notenbankchef. Es werde für sie immer schwieriger, ihre nationalen Mandate Preisstabilität und Vollbeschäftigung zu erfüllen.

Muss laut Mark Carney entmachtet werden: Der Dollar. Foto: Keystone

Auch die extrem niedrigen Zinsen weltweit haben mit der Dominanz des Dollars zu tun. Um sich gegen plötzliche Kapitalabflüsse zu schützen, haben die Schwellenländer ihre Devisenreserven – sprich: Dollarreserven – massiv hochgefahren. Carney argumentiert, dass die riesige Akkumulation von sichereren Anlagen das Zinsniveau weltweit nach unten drückte. Er schaut dabei auf den natürlichen Zins, also jenes rechnerische Niveau, das Zentralbanken fixieren müssen, um Angebot und Nachfrage auszugleichen und so stabile Preise zu erreichen.

Es wäre jedoch falsch, diese Entwicklung nur mit Blick auf die Vergangenheit zu beschreiben. Carney befürchtet, dass sich die Lage in den kommenden Jahrzehnten weiter zuspitzt. Er zitiert Hochrechnungen, wonach die externen (Dollar-)Verbindlichkeiten der Schwellenländer sich bis 2030 gemessen am Bruttoinlandprodukt verdoppeln werden und sich die Devisenreserven daraufhin bereits in den kommenden zehn Jahren verdoppeln müssen, um allfällige Risiken auszugleichen. Das wird vor dem Hintergrund eines wachsenden wirtschaftlichen Gewichts der Schwellenländer und einem sinkenden Anteil der USA passieren. Folglich wird die weltweite Nachfrage nach sicheren Dollaraktiven voraussichtlich schneller steigen als deren Angebot. Das Ganze gleicht einer nicht enden wollenden Abwärtsspirale – auch der Zinsen.

Mehr Geld für den IWF

Wie lässt sie sich brechen? Carney schlägt im Wesentlichen zwei Massnahmen vor:

Erstens muss die Krisenkasse des Internationalen Währungsfonds aufgestockt werden. Das dürfte zwar einen Aufschrei in vielen Mitgliedsstaaten, unter anderem der Schweiz, auslösen, die erst vor wenigen Jahren und nur gegen viel politischen Widerstand die Quoten im IWF erhöht haben. Aber Carney sieht keinen anderen Weg. Nur wenn der IWF über ausreichend Mittel verfüge, müssten die Schwellenländer ihre Dollarreserven in den kommenden zehn Jahren nicht verdoppeln. Er kalkuliert: Statt zusätzlich nachgefragten 9000 Mrd. $ würde ein gemeinsamer Pool der 189 IWF-Mitglieder von 3000 Mrd. $ ausreichen.

Zweitens fordert er eine Entmachtung des Dollars und setzt dabei auf die Digitalisierung. Langfristig muss ein multipolares Währungs- und Finanzsystem entstehen, welches das Dollarmonopol bricht, ist der britische Notenbankchef überzeugt. Nur wenn verschiedene Reservewährungen vorhanden wären, würde das Angebot an sicheren Anlagen steigen und sich der Abwärtsdruck auf das weltweite Zinsniveau verringern. Das klingt nach einer Utopie. Dass der Dollar seinen gegenwärtigen Status verliert, ist kaum vorstellbar. Allein die Kosten einer solchen Umstellung wären exorbitant. Allenfalls wird Renminbi in den kommenden Jahrzehnten an Bedeutung gewinnen. Aber viel mehr wird nicht passieren.

Keine Alternative zum Tech-Fortschritt

Carney vertraut hier auf Digitalwährungen. Die Zukunft gehöre einer neuen Synthetic Hegemony Currency (SHC). Sie könnte durch ein Netzwerk digitaler Währungen, die von Zentralbanken herausgegeben werden, bereitgestellt werden. Sobald die SHC im Handel und für Finanztransaktionen weit verbreitet sei, würden auch die ihm zugrundeliegenden Währungen immer mehr als sichere Anlage akzeptiert und würden Länder ihre Anlagen, die sie bislang in Dollar halten, diversifizieren.

Für den Notenbanker gibt es keine andere Alternative. Nur der technologische Fortschritt mithilfe von digitalen Währungen habe das Potenzial, die Welt zu verbessern.