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Finanzmärkte ignorieren den Trump-Faktor – warum?

Andreas Neinhaus

Wer am meisten Geld scheffelt, gewinnt: Donald Trump präsentiert 2004 sein eigenes Brettspiel. Foto: Jim Sulley (Keystone)

Die erste TV-Debatte zwischen den beiden US-Präsidentschaftskandidaten ging klar zugunsten der Demokratin Hillary Clinton aus. Das ändert aber nichts daran, dass Donald Trump sich weiterhin reelle Chancen ausrechnen kann, der 45. Präsident der Vereinigten Staaten zu werden.

Gründe für seine Popularität gibt es genügend: Sein Protestkurs kommt bei vielen Menschen gut an. Er wendet sich gegen das Washingtoner Polit-Establishment, dessen Reputation in den vergangenen Jahrzehnten stark gelitten hat. Er bietet extrem einfache Antworten auf extrem komplexe Fragen. Sein unberechenbares Auftreten sorgt für Aufmerksamkeit – und damit für den unverzichtbaren Nährstoff jeder erfolgreichen Kampagne, bei der es auch darum geht, Wahlverdrossene zum Gang zur Urne zu bewegen.

Dass ein populistischer Aussenseiter am 8. November zum mächtigsten Mann der freien Welt gewählt werden könnte, beschäftigt politische Beobachter. Erstaunlicherweise haben die Finanzmärkte diese Möglichkeit bislang weitgehend ignoriert. Warum? Zumal an den Märkten sonst die Wahrscheinlichkeiten von Zukunftsszenarios durchaus in den Preisen von Währungen, Zinsen oder Aktien kontinuierlich und zeitnah eskomptiert werden.

Drei Erklärungen bieten sich an.

Erklärung 1: Die Suppe wird heisser gekocht als gegessen

Viele Marktteilnehmer glauben nicht so recht daran, dass der schillernde New Yorker Immobilieninvestor, Mehrfachbankrotteur und Reality-TV-Star im Amt ebenso erratisch vorgehen würde wie bislang in seiner Wahlkampagne. Es wird schon nicht so schlimm werden, lässt sich argumentieren. Präsidenten sind in eine Administration eingebunden. Berater, Experten und Parteikollegen sorgen dafür, dass selbst extreme Vorstösse erst politisch tauglich gemacht werden müssen und als mehrheitsfähige Plattform das Weisse Haus verlassen.

Ausserdem sorgt das Checks and Balances dafür, dass die Macht zwischen dem Präsidenten und dem Kongress austariert ist. Vor allem dann, wenn der Senat an die Demokraten gehen sollte, wovon viele Kommentatoren ausgehen. So müssen Handelsabkommen mit Staaten – Trump will bekanntlich bessere «Deals» aushandeln – mit einer Zweidrittelmehrheit vom Senat ratifiziert werden.

Aber auch unter den Republikanern gibt es beachtliche Opposition gegen Donald Trump. Das wäre nach einem Wahlsieg nicht anders. «Es bleibt fraglich, wie viele der zum Teil wirren wirtschaftspolitischen Vorschläge unter seiner Präsidentschaft umgesetzt werden könnten», kommentieren beispielsweise die Ökonomen der deutschen Bank IKB.

Erklärung 2: Marktanalysten sind überfordert

Auf dieser Argumentationslinie bewegt sich auch der zweite Erklärungsversuch, warum an den Märkten bisher kein ernsthafter Versuch unternommen wurde, das «Risiko Präsident Trump» einzupreisen. Die Option ist so unklar, dass sich die Folgen eines Wahlsiegs nicht abschätzen lassen. Es fehlt der Präzedenzfall, und damit fehlt es an Daten, mit denen sich Vorhersagemodelle füttern liessen.

Die Vorstellung eines Präsidenten Trump wäre vor drei Jahren noch als «Black Swan» eingestuft worden – ein unwahrscheinliches plötzlich auftretendes Phänomen. Als solches hätte es sicherlich für Unruhe gesorgt, gerade wegen der Ungewissheit über die Folgen für die Aussen- und Sicherheitspolitik.

Stattdessen haben wir es mit einer seit langem absehbaren Entwicklung zu tun: ein angekündigter schwarzer Schwan. Er fordert keine Reaktion hervor, weil genügend Zeit vorhanden ist, um allfällige Risikoszenarien auszubrüten. Die allerdings sind wegen des nebulösen Programms des Kandidaten zu wenig konkret und daher per Saldo nicht furchteinflössend.

Erklärung 3: Die Märkte lieben Trump

Oder sieht der Markt das Trump-Risiko als gering an, weil er mehr wirtschaftspolitische Vorteile als aussen- und innenpolitische Nachteile erkennt? Die Meinungsführer an der Wallstreet sind traditionell den Republikanern zugetan. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass sogenanntes Old Money den Kandidaten meidet und nicht für seine Kampagne spendet.

Aber Donald Trumps wirtschaftspolitische Vision verspricht Profite: Er will die Steuern für Privathaushalte und Unternehmen senken, ein staatliches Investitionsprogramm aufgleisen, um die Infrastruktur zu erneuern und auszubauen, sowie über steuerliche Anreize die Gewinne ausländischer US-Tochterunternehmen in die USA repatriieren.

Und er verspricht, die Bankenregulierung wieder zu lockern: Das Dodd-Frank-Gesetz soll ausrangiert werden. Ein Geschenk an die Finanzindustrie. Dass Trump der erste Präsidentschaftskandidat ist, der ohne einen renommierten Wirtschaftsberater auskommt, dürfte da kaum eine Rolle spielen. Der Wille zählt, sich politisch für die Branche einzusetzen. Dieses Konjunktur- und Deregulierungspaket dürfte an der Wallstreet für Zustimmung sorgen.

Aus dieser Sicht betrachtet, bedeutet eine Niederlage Clintons für viele US-Finanzinvestoren mehr Chance als Risiko. Die Devisenanalysten der amerikanischen Bank Morgan Stanley vertreten schon lange die Meinung, dass der Dollar in einem solchen Szenario an Wert gewinnen wird. Der Blick aus Europa ist skeptischer. So warnen die Währungsexperten der britischen Bank Lloyds vor einem Kurstaucher des Dollars, falls Trump gewinnt.

Die US-Zentralbank dürfte aus Sorge über den ungewöhnlichen neuen Präsidenten auf Zinserhöhungen verzichten, mutmassen «Fed Watcher». Das Federal Reserve würde die Märkte also noch länger pflegen als bisher vorgesehen. Auch diese Aussicht dürfte die Wallstreet begrüssen.

Fazit

Welche Erklärung trifft zu? Gibt es noch andere? Während sich Clinton und Trump vor den Fernsehkameras verbal duellierten, wertete sich der Dollar ab. Mexikanische Pesos und der kanadische Dollar legten zu. Bleibende Spuren in den Kursen hinterliess aber auch dieses Wahlkampfereignis keine. Nicht einmal die Volatilität hat spürbar zugelegt.
Weiterhin ist offen, wie an den Märkten mit dem Trump-Faktor umgegangen wird. Fest steht nur eines: Anleger und Analysten müssen sich auf eine Eventualität vorbereiten, die alles andere als unwahrscheinlich ist.

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