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Warum ist der Ölpreis so niedrig?

Tobias Straumann

Die nächste Preiserhöhung könnte sehr abrupt kommen: Ölpumpe in Bahrain. Foto: Hasan Jamali (AP)

Konjunkturprognosen sind auch nicht mehr, was sie mal waren… Diesen Eindruck hat man zumindest, wenn man den halbjährlichen Outlook des Internationalen Währungsfonds (IWF) über die letzten fünf Jahre verfolgt hat. Jedesmal lag der IWF deutlich daneben.

Die Lektüre des halbjährlichen Konjunkturberichts lohnt sich trotzdem. Denn jedes Mal enthält er neben der Konjunkturprognose einige Kapitel, in denen wichtige ökonomische Veränderungen der Gegenwart analysiert werden. Im neusten Bericht wird zum Beispiel der jüngste Zerfall des Ölpreises analysiert – eine Entwicklung, welche die wirtschaftlichen Aussichten vollkommen verändert hat.

Die folgende Grafik zeigt das Ausmass des Preiszerfalls: rund 50 Prozent seit Sommer 2014. Im ersten Quartal 2015 ist der Preis wieder etwas gestiegen, aber wir sind immer noch weit weg vom Durchschnitt der letzten Jahre. Nur während der Finanzkrise 2008-09 war der Einbruch vergleichbar.

Wie lässt sich der dramatische Preiszerfall erklären? Ist das Fracking in den USA dafür verantwortlich? Oder liegt es an der Opec? Oder ist alles auf die lahmende Konjunktur Chinas zurückzuführen? Die Antwort des IWF lautet: Es ist ein zufälliges Zusammenspiel von Überraschungen, die niemand voraussehen konnte.

Auf der Angebotsseite waren es zwei Entwicklungen, die man nicht vorausgesehen hat:

  • Eine Erhöhung der Ölproduktion im Irak und in Libyen – überraschend angesichts des Bürgerkriegs in diesen Ländern.
  • Eine Kehrtwende der Opec – überraschend, weil die Opec im Normalfall die Ölproduktion drosselt, sobald der Preis sinkt. Diesmal beschränkte sie sich darauf, die Produktion auf demselben Niveau zu halten.

Und dazu kam, wie man schon lange beobachten konnte, eine höhere Produktion ausserhalb der Opec hauptsächlich dank dem Fracking in den USA.

Die folgenden zwei Grafiken verdeutlichen diese Trends. In der linken Grafik sieht man, dass die Produktion ausserhalb der OPEC in den letzten fünf Jahren stark zugenommen hat (gelbe Linie) und dass die OPEC-Länder keine Drosselung der Produktion vorgenommen haben (grüne Linie). Dokumentiert ist ausserdem das aussergewöhnlich schnelle Wachstum der Investionen ausserhalb der OPEC (rote Balken).

In der rechten Grafik sieht man den Zuwachs der nicht-konventionellen Ölproduktion (gelbe Linie, ganz unten). Vom Umfang her ist sie noch klein im Verhältnis zur konventionellen Ölproduktion (grüne Linie). Aber das Wachstum ist enorm.

Es sind aber nicht nur überraschende Angebotsfaktoren, die den Zerfall des Ölpreises erklären. Auch auf der Nachfrageseite ergab sich eine Überraschung – in dem Sinne überraschend, als nicht das lahmende China, sondern das schwache Wachstum der OECD-Länder die Zunahme des Ölkonsums bremste. Vor allem in Europa und in Japan scheint der Ölhunger abgenommen zu haben, meist aus konjunkturellen Gründen, aber auch wegen höherer Energieeffizienz.

Wie geht es weiter? Der IWF hat keine Ahnung. Er zeigt zwar eine Berechnung, aber die Streuung ist so gross, dass alles möglich scheint. Die einzige Aussage, die einigermassen überzeugend ist: Ewig wird der Ölpreis nicht so niedrig nicht so bleiben.

Interessant sind aber die Betrachtungen des IWF zur Frage, wie sich die Investitionen im Ölsektor entwickeln werden, wenn der Ölpreis über längere Zeit niedrig bleibt. In der Vergangenheit war die Reaktion jeweils heftig: Wenn der Ölpreis um 1 Prozent sank, gingen die Investitionen um 0,6 Prozent zurück (im Verhältnis zum Dreijahrestrend). Und der jüngste Preiszerfall hat in den USA bereits zu einem starken Rückgang geführt, wie die folgende Grafik zeigt.

Dies könnte dazu führen, dass die Erhöhung des Ölpreises abrupt kommen wird. Denn wenn über eine längere Zeit zu wenig investiert wird, ergibt sich bald eine Angebotsknappheit. Sicher ist das allerdings nicht, denn es gibt keinen Markt auf der Welt, der so stark von politischen Überlegungen dominiert ist, und diese sind prinzipiell nicht prognostizierbar.