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Warum Negativzinsen Kredite verteuern

Markus Diem Meier

Teurere Eigenheimfinanzierung trotz Negativzinsen: Siedlung Glattpark in Zürich. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Negativzinsen haben dazu geführt, dass die Hypothekar- und Kreditzinsen angestiegen sind. Hier die Erklärung für diese auf den ersten Blick widersprüchliche Entwicklung.

Klar, die Erklärung für dieses überraschende Phänomen wurde schon von einigen geliefert und lautet etwa so: Negativzinsen erhöhen die Absicherungskosten der Banken, weshalb sie ihre Zinssätze für Kredite und Hypotheken erhöhen. Wer das schon verstanden hat, kann sich das Weiterlesen sparen, die Übrigen erfahren im Folgenden Schritt für Schritt, was das konkret bedeutet.

Erster Schritt: Der Swap

Dazu müssen wir uns kurz mit einem Kapitalmarktinstrument befassen: Dem sogenannten Zinsswap. Ein Swap ist, wie die Übersetzung des Wortes anzeigt, ein Tausch. Konkret können mit einem Zinsswap an den Kapitalmärkten Verpflichtungen aus einem fixen Zinssatz mit Verpflichtungen aus einem variablen Satz getauscht werden.

Die wichtigsten Details erklärt Wikipedia. Für uns und unseren Zusammenhang ist nur jener Teil aus diesem Text entscheidend, der die folgenden Eigenschaften aufzeigt:

Zweiter Schritt: Das Absichern eines Zinsänderungsrisikos

Durch seine Eigenschaften nutzen Banken Zinsswaps, um Zinsänderungsrisiken abzusichern. Was bedeutet das? Der Zinssatz für Kredite und (Fix-)Hypotheken ist für Banken langfristig gebunden. Doch die Einlagen ihrer Kunden (Depositen), die sie für ihre Ausleihungen verwendet, muss die Bank rasch an Zinsänderungen anpassen. Schliesslich können die Einleger ihr Geld ansonsten bei einer Zinserhöhung kurzfristig zurückziehen und anders anlegen. Bei einem Zinsanstieg schrumpft daher die Differenz zwischen den Zinseinnahmen auf ausgeliehenem Geld und den Zinskosten für die Depositeneinlagen. Um sich gegen diesen Effekt bei steigenden Zinsen abzusichern, geht eine Bank daher einen Zinsswap wie unten gezeigt ein. Alle Beispiele sind von mir, fiktiv und so stilisiert, dass sie nur die wichtigsten Zusammenhänge zeigen:

Der obere Teil (Zinserträge aus der Bankbilanz) zeigt das eben Beschriebene. Die Differenz zwischen weitgehend fixen Zinsen für Ausleihungen und dem kurzfristig anzupassenden Zins für die Depositäre ist hier 2 Prozent. Bei einer vollständigen Absicherung des Zinsänderungsrisikos schliesst die Bank einen Swap mit einer Gegenpartei ab, wie er im unteren Teil beschrieben ist. Hier zahlt sie beim Abschluss einen fixen Betrag von 0,5 Prozent und erhält als Gegenleistung einen variablen Zinssatz von 0,5 Prozent. Solange sich das Zinsniveau nicht ändert, ergeben sich aus dem Swap daher keine wesentlichen Absicherungskosten. Daher bezeichnen wir diese Kosten als 0 Prozent.

Dritter Schritt: Ein Zinsanstieg

Nun gehen wir davon aus, dass das Zinsniveau um 0,5 Prozent ansteigt, um die Funktionsweise der Absicherung zu zeigen:

Die Bank muss die Zinserhöhung an die Depositäre weitergeben, kann aber von den Kredit- und (Fix-)Hypothekarschuldnern nicht sogleich ebenfalls höhere Zinssätze verlangen. Damit schrumpft die Zinsdifferenz von vorher 2 um 0,5 Prozent auf 1,5 Prozent. Auf dem Swap verdient unsere Bank allerdings 0,5 Prozent. Denn auch hier ist der variable Satz genau um diesen Betrag angestiegen. Also muss sie weiterhin fix 0,5 Prozent bezahlen, erhält aber jetzt den höheren variablen Zins von 1 Prozent, was einem Zinsgewinn von 0,5 Prozent entspricht. Zusammengenommen (in der Bilanz und mit dem Swap) liegt ihr Zinsgewinn nach wie vor bei 2 Prozent.

Vierter Schritt: Eine Zinssenkung

Im ersten Fall einer Senkung des Zinsniveaus gehen wir davon aus, dass die kurzfristigen und damit variablen Zinsen noch im positiven Bereich bleiben. Gehen wir also von einer Senkung um 0,5 Prozent aus:

Die Zinsdifferenz aus der Bankbilanz wird mit 2,5 Prozent in diesem Fall um 0,5 Prozent grösser als beim Startzeitpunkt: Die Bank kassiert für die Ausleihungen 2,5 Prozent und bezahlt für die Einlagen (Depositen) jetzt keinen Zins mehr. Die Absicherung über den Swap gereicht ihr in diesem Fall zum Nachteil, da sie hier ebenfalls nichts mehr an variablen Zinsen erhält, womit sie im Vergleich zum Startzeitpunkt hier den gleichen Zinsverlust von 0,5 Prozent erleidet. Doch das liegt bloss in der Logik der vollständigen Absicherung. Das führt daher dazu, dass das Gesamtresultat auch bei einem gleichbleibenden Zinsgewinn von 2 Prozent wie im Ausgangszeitpunkt bleibt.

Fünfter Schritt: Eine Zinssenkung bis zu Negativzinsen

Für diesen entscheidenden Schritt gehen wir nun von einer Zinsniveausenkung von 1 Prozent aus, womit es mit –0,5 Prozent in den negativen Bereich fällt:

Der entscheidende Unterschied zu allen Beispielen mit positiven Zinsen liegt hier darin, dass sich die variablen Zinsen in der Bankbilanz und beim Swap nicht gleich entwickeln. In der Bankbilanz fallen die Einlagesätze nicht unter null, beim Swap aber schon. Banken riskieren ihre Beziehungen mit gewöhnlichen Kunden nicht dadurch, dass sie ihnen für ihre Einlagen etwas verlangen. Aus der Bankbilanz ergibt sich daher jetzt ein Anstieg der Zinsdifferenz von nur 0,5 (von 2 auf 2,5 Prozent), trotz der Zinsniveausenkung um 1 Prozent.

Auf den Kapitalmärkten im Swap-Geschäft sind die Negativzinsen dagegen bindend. Hier bezahlt die Bank einerseits wiederum den fixen Zins von 0,5 Prozent (wie immer bei diesem Swap), doch nun bezahlt sie wegen des Negativsatzes von 0,5 Prozent auch auf der variablen Seite, wo sie ansonsten etwas erhält. Weil sie gleich auf beiden Seiten bezahlt, beläuft sich ihr Zinsverlust aus dem Swap daher auf 1 Prozent. Anders als in allen anderen Fällen hat die Swap-Absicherung in diesem Fall deshalb nicht zur Folge, dass das Resultat insgesamt unverändert bleibt. Die Bank verliert jetzt 0,5 Prozent.

Sechster Schritt: Die Zinserhöhung

Wenn wir annehmen, dass der Wettbewerb auf den Zinsmärkten bereits derart scharf ist, dass die Zinsmargen im Startzeitpunkt gerade die Kosten der Bank decken (weshalb sie sich auch abgesichert hat), dann muss sie den Margenverlust aus der Gesamtposition bei Negativzinsen auf irgendeine Weise wieder ausgleichen. Da sie die Depoteinlagen nicht mit Negativzinsen belasten kann, bleibt nur eine Erhöhung der Kredit- bzw. Hypozinsen:

Nur wenn sie diese Zinssätze um 0,5 Prozent erhöht, erreicht sie wieder die gleiche Zinsmarge aus der Gesamtposition (Bilanz und Swap) von 2 Prozent wie beim Startzeitpunkt.

Dass Negativzinsen letztlich sogar zu höheren Zinsen für Ausleihungen führen können, sollte nun klar geworden sein – und damit auch, auf welch unwegsames Gelände sich die Notenbanken eingelassen haben, als sie solche eingeführt haben. Negativzinsen sind in ihrer Folge nicht einfach noch tiefere Zinsen als bisher.