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Was die Krisen in Argentinien und der Türkei verbindet

Tobias Straumann

Wird früher oder später gezwungen sein, Kapitalverkehrskontrollen einzuführen: Argentiniens Präsident Mauricio Macri. Foto: Marcos Brindicci (Reuters)

Nach der Türkei hat es auch Argentinien voll erwischt. Der Peso hat seit April fast die Hälfte seines Werts verloren, das Vertrauen in die argentinische Währung ist verschwunden.

 

Warum das Vertrauen gerade jetzt verschwunden ist, lässt sich bei beiden Ländern nicht genau erklären. Die Gründe, die zurzeit kursieren, sind erst im Nachhinein entstanden. Die Chronologie der Ereignisse ist immer unberechenbar.

Trotzdem kommt der Vertrauenverlust nicht zufällig. Beide Länder, die Türkei und Argentinien, sind äusserst verwundbar, weil sie stark von Auslandskrediten in ausländischer Währung (Dollar, Euro) abhängig sind. Sobald die ausländischen Gläubiger das Gefühl bekommen, ihre Anlagen seien nicht mehr sicher, gerät die Währung unter Druck, was wiederum weitere Abflüsse auslöst. Es handelt sich in beiden Fällen um eine typische Schwellenland-Finanzkrise.

Der Grund zur Sorge der ausländischen Investoren

Die Abhängigkeit lässt sich an einer Kennzahl leicht ablesen: dem Leistungsbilanzdefizit (Current Account Deficit). In der Türkei betrug es 2017 5,5 Prozent des BIP, in Argentinien 4,8 Prozent. Die Leistungsbilanz drückt aus, wie viel ein Land an Gütern, Dienstleistungen, Finanzerträgen und Löhnen exportiert und importiert. Wenn ein Defizit entsteht, ist das Land auf Kapitalimport angewiesen. Wenn ein Schwellenland über eine längere Zeit Leistungsbilanzdefizite anhäuft, ist praktisch garantiert, dass früher oder später die ausländischen Gläubiger den Stecker ziehen.

Eine weitere Kennzahl zeigt, warum die ausländischen Gläubiger Grund zur Sorge haben: die Inflation. In der Türkei kletterte sie über die 10-Prozent-Grenze, in Argentinien erreichte sie bereits 2016 mehr als 40 Prozent und konnte 2017 nur bis 20 Prozent reduziert werden. Der jüngste Inflationssprung in beiden Ländern ist eine Folge des Währungszerfalls.

Unterschiedlich ist nur die Reaktion der Regierung. In der Türkei verweigert sich Präsident Recep Erdogan einer Zusammenarbeit mit den USA und dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Er möchte auch keine Austerität durch Sparprogramme oder Zinserhöhungen. Da die Devisenreserven als Folge des Kapitalabflusses knapp werden, müssen früher oder später Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden.

Die Regierung in Buenos Aires hingegen kooperiert mit dem IWF. Präsident Mauricio Macri hat eben die Zentrale in Washington ersucht, die nächsten Kredittranchen schneller auszuzahlen – mit dem Versprechen, das Haushaltsdefizit mit Sparmassnahmen und neuen Steuern schneller zum Verschwinden zu bringen. Der Notenbankzins ist bereits auf 60 Prozent erhöht worden, um die Abwertung zu bekämpfen.

Im Unterschied zu Erdogan muss Macri auch teilweise ausbaden, was seine Vorgängerregierung unter Cristina Fernández de Kirchner angerichtet hat. Die Präsidentin hat die argentinische Notenbank entmachtet, ihre Devisenreserven entfremdet und eine expansive Geldpolitik durchgesetzt. Die hohe Inflation von 2016 ist auf ihre Misswirtschaft zurückzuführen.

Vermutlich wird aber auch Argentinien nicht darum herumkommen, Kapitalverkehrskontrollen einzuführen. Das Vertrauen ist verschwunden, und in der Regel helfen Austeritätsmassnahmen kurzfristig nicht, es wiederherzustellen. Argentinien ist gezwungen, dem gleichen Drehbuch zu folgen wie die Türkei, auch wenn der liberale Macri mit dem autoritären Erdogan wenig gemeinsam hat.