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Was eine nächste Krise viel schlimmer macht

Markus Diem Meier

Eine perfekte und faire Zusammenarbeit der Nationen gab es nie, auch nicht vor Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten. Foto: Evan Vucci (Keystone)

Der wichtigste Grund, warum die Finanzkrise vor zehn Jahren nicht zu einer weltweiten Depression wie in den 1930er-Jahren geführt hat, war der Umstand, dass die betroffenen Länder miteinander kooperierten, als sie ihre Massnahmen zu einer Milderung der Krise eingeleitet hatten. Es stimmt, dass es die Rettungsmassnahmen der Notenbanken waren und die Ausgaben der Staaten, die den vollständigen Kollaps verhindert haben. Aber die Wirkung dieser Massnahmen wäre deutlich geringer gewesen, hätten die wirtschaftlich mächtigsten Länder nicht zusammengespannt. Ein Beispiel dafür: Die Notenbanken halfen sich gegenseitig mit Liquidität in Währungen aus, um eine gefährliche Knappheit bei den Banken zu verhindern.

Im November 2008 einigten sich die führenden Schwellen- und Industrieländer überdies an einem G-20-Gipfel in Washington und an einem Folgegipfel im April 2009 in London auf ein gemeinsames Vorgehen zur Bewältigung der Krise. Es wurden die Grundsteine für weltweite strengere Regeln für die Finanzinstitute gelegt, und man kam überein, dass die Staaten überall die expansive Geldpolitik durch eigene Mehrausgaben unterstützen sollen, um dem damaligen Einbruch der Wirtschaft entgegenzuwirken. Dass sich alle darauf festgelegt haben, war entscheidend, um zu verhindern, dass einige Länder sich als Trittbrettfahrer verhalten und selbst nichts tun – in der Hoffnung, von den Mehrausgaben anderer durch zusätzliche Exporte zu profitieren. Ein solches Verhalten hätte die Wirkung der Mehrausgaben deutlich geschmälert.

Die Lehren aus Bretton Woods

Ein gänzlich anderes Muster hat sich im Vorfeld der Grossen Depression gezeigt. Die damals wichtigen Länder haben ihre eigenen, eng verstandenen Interessen verfolgt und damit die Katastrophe verschlimmert: Frankreich etwa hielt seine Währung unterbewertet und entzog so der britischen Notenbank – deren Pfund im Goldstandard zu hoch bewertet war – zunehmend Goldreserven. Das zwang diese zu einer Politik (vor allem zu hohen Zinsen), welche die dortige Rezession noch verschärft hat.

Nach Deutschland flossen umgekehrt grosse Summen an kurzfristigen Krediten, die im Zuge der Börsenblase gegen Ende der 20er-Jahre rasch wieder abflossen. Auch die deutsche Notenbank erhöhte als Abwehrreaktion die Zinsen, was die bereits leidende Wirtschaft weiter in die Krise drückte. Alle Länder reagierten auf diese Entwicklungen mit höheren Zöllen, um ihren Aussenhandel zu stützen. Das liess die Nachfrage weltweit weiter einbrechen. Nicht zuletzt wegen dieser Erfahrungen wollten die später als Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg herausgehenden Länder von Beginn weg auf eine engere und abgestimmte Wirtschaftspolitik setzen. Das war der Zweck der Konferenz von Bretton Woods noch vor Kriegsende, als 44 Länder unter der Führung der USA ein neues Währungs- und Kapitalverkehrssystem planten, aus dem dann der Internationale Währungsfonds und die Weltbank hervorgingen.

Nationaler Egoismus statt internationale Kooperation

Viel ist die Rede davon, dass in einer erneut auftretenden weltweiten Krise die Mittel fehlen, damit die Politik angemessen reagieren kann. Die Zinsen könnten kaum mehr weiter gesenkt werden, und die hohe Verschuldung auch der mächtigen Länder würde den Ausgaben zur Wirtschaftsstimulierung enge Grenzen setzen. Das grösste Problem aber ist, dass eine internationale Zusammenarbeit, wie beim letzten Mal, kaum mehr denkbar ist. Und das liegt hauptsächlich am Verhalten des amtierenden US-Präsidenten. Es gab nie eine perfekte und faire Zusammenarbeit der Nationen, auch nicht vor der Wahl von Donald Trump.

Wie gut die internationale Zusammenarbeit funktionierte, hing aber immer davon ab, dass dahinter eine Supermacht stand, die mit «Zuckerbrot und Peitsche» ihren Erfolg fördern konnte. Für den Westen waren das die USA. Das zeigt auch das Beispiel von Bretton Woods. In früheren Zeiten waren es die Römer, vor den Amerikanern die Briten. Auch deshalb sprach man von der Pax Romana, der Pax Britannica oder eben der Pax Americana. Indem nun ausgerechnet der Präsident der grössten Supermacht die internationale Kooperation lächerlich macht und den nationalen Egoismus zum zentralen Prinzip seiner Politik erklärt, hat sie es noch viel schwerer.

Es bleibt uns nur, zu hoffen, dass sich die Dinge wieder ändern und die USA erneut Verantwortung übernehmen – vor der nächsten Krise.