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Blogs / Never Mind the Markets

Was Populismus für die Wirtschaft bedeutet

Andreas Neinhaus

Vorreiter des europäischen Populismus: Marine Le Pen und Geert Wilders. Foto: Robert Pratta (Reuters)

Der türkisch-amerikanische Ökonom Dani Rodrik hat die Ursachen der Globalisierungskritik untersucht und kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis. Nicht dass heute populistische Parteien so sehr an Macht gewonnen haben und die Globalisierung verurteilen, sei überraschend, sondern die Tatsache, dass es erst jetzt dazu gekommen sei und nicht schon viel früher.

Rodrik lehrt als ordentlicher Professor politische Ökonomie an der Harvard-Universität in den USA. Er ist kein Globalisierungsgegner. Aber er stösst sich daran, dass die meisten seiner Kollegen zu einseitig die Vorteile betonten, die Kosten und Fehlentwicklungen indes unter den Tisch kehren. Vor 20 Jahren schrieb er im Buch «Has Globalization gone too far?», dass solange den Verlierern nicht mehr Schutz geboten werde, das Pendel irgendwann umschlage und mehr Protektionismus gefordert würde. Globalisierung sei kein umkehrbarer Prozess. Das lehre die Geschichte.

Das Unerwünschte ist eingetroffen

Vor zehn Jahren schloss er seinen Aufsatz «How to save Globalization from its Cheerleaders» mit der Mahnung: «The only way to save globalization is not to push it too hard

Weitere zehn Jahre sind vergangen, und Rodrik erweckt in seinem neuen Research Paper den Eindruck, dass das Unerwünschte inzwischen leider eingetroffen ist. Der Vormarsch der Populisten dies- und jenseits des Atlantiks belege das.

Quelle: D. Rodrik, Populism and the Economics of Globalization, Juni 2017

Was die Ökonomie lehrt

Mehr Handel, weniger Zölle und liberalisierte Märkte bringen den involvierten Nationen ökonomischen Wohlstand. Das ist unbestritten. Ebenso unbestritten ist, dass es natürlich auch Verlierer dieser internationalen Marktöffnung gibt. In den 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wiesen das die Ökonomen Wolfgang F. Stolper und Paul E. Samuelson theoretisch nach. Aus dem sogenannten Stolper-Samuelson-Theorem lässt sich ableiten, dass es bei einer Handelsliberalisierung zwischen Ländern zwangsläufig zu absoluten Einkommenseinbussen des relativ knappen Produktionsfaktors kommt. Im Handel zwischen den USA und Mexiko sind die USA knapper mit gering qualifizierten Arbeitskräften ausgestattet, folglich sinken die Einkommen der Arbeiter des US-Niedriglohnsektors im Zuge einer Handelsliberalisierung mit Mexiko.

So argumentiert Donald Trump. Aber das sagt auch die ökonomische Theorie unmissverständlich.

Verteilungsfragen sind also die Kehrseite des Wohlstandsgewinns durch Handel. Rodrik weist nach, dass die Verteilungseffekte einer Liberalisierung an Bedeutung gewinnen, je kleiner die abzubauenden Handelsschranken werden. In einem Modell, das auf den Annahmen des Stolper-Samuelson-Theorems basiert, kalkuliert er:

  1. Bei einem Abbau der Zölle, die 40% betragen, sinkt das Einkommen gering Qualifizierter um 19% und steigt das Realeinkommen des Landes um 4%.
  2. Betrugen die Zölle vor dem Abbau 20%, verlieren schwach Verdienende immer noch 11% an Einkommen, aber die Gesamtwirtschaft gewinnt nur noch 1%.
  3. Bei 5% Zolltarifen vor der Liberalisierung liegen die Einkommenseinbussen bei 2,85%, und der allgemeine Wohlstand wächst nur noch 0,06%.

Der gesamte Kuchen wächst kaum noch bei einer immer grösseren Handelsliberalisierung, dafür rücken politische Verteilungsfragen in den Vordergrund. Kein Wunder, ist die Globalisierung in einem fortgeschrittenen Stadium in der öffentlichen Meinung zunehmend umstritten.

Politischer Konsens

So betrachtet, verwundert es, dass Handelsliberalisierung und Globalisierung so viele Jahrzehnte international so unumstritten geblieben sind. In der ersten Globalisierungswelle Ende des 19. Jahrhunderts entfachten sich politische Proteste schneller. Bereits nach wenigen Jahren brachen die ersten Handelskriege aus. Es wurden Importverbote und Strafzölle verhängt, die am Ende allen schadeten.

Rodrik argumentiert, dass die Handelsliberalisierung nach dem Zweiten Weltkrieg nur in begrenztem Masse voranging. Sie beschränkte sich auf die Zolltarife sowie Industriegüter. Den einzelnen Staaten wurde genügend Freiraum für eine eigene Wirtschaftspolitik überlassen. Beispielsweise wurden empfindliche Sektoren wie Landwirtschaft und Bekleidung abgeschirmt. Auch der Kapitalverkehr blieb reguliert. Diese Phase war ökonomisch sehr erfolgreich, zog Investitionen in den Industrie- und Entwicklungsländern nach sich.

Ab den 80er-Jahren wurde diese Kompromissformel zwar aufgegeben. Immer mehr Bereiche wurden liberalisiert. Trotzdem entstand keine populistische Gegenbewegung. In Europa ist das dem Umstand zu verdanken, dass dort Handelspolitik stets mit der Sozialpolitik einherging. Das Wohlfahrtssystem fing allfällige Globalisierungsverlierer auf. Kritik an der Handelsliberalisierung kam nur am Rande auf, erreichte aber nie die kritische Grösse, um als Plattform für populistische Protestbewegungen zu dienen. So kommt es, dass die britischen Brexit-Befürworter den Freihandel sogar zum politischen Ziel erklären.

In der EU ist zuletzt zwar der Protest gegenüber Freihandelsabkommen aufgekommen. Allerdings, so Rodrik, weil inzwischen die Sorge gestiegen sei, dass das bisherige Wohlfahrtssystem künftig nicht mehr ausreichend Schutz biete.

Sonderfall USA

Auch in den USA blieb der Protest lange auf kleiner Flamme. Denn das Land öffnete sich spät. Erst in den 90er-Jahren war es so weit. Immer mehr Importe aus Billiglohnländern wie China kamen ins Land, und Industriebranchen wanderten ab. Die Regierungen in Washington hätten den Europäern folgen können, schreibt Rodrik. Sie hätten Handelsabkommen wie die Nafta-Freihandelszone mit Kanada und Mexiko oder die Politik der Welthandelsorganisation WTO durch robustere Sozialversicherungen und aktive Arbeitsmarktpolitik in den USA ergänzen können. Bill Clinton sprach sogar davon, aber nichts geschah.

Anders argumentiert: Hätten die Regierungen Clinton, Bush und Obama die Handelsöffnung konsequent mit sozialpolitischen Massnahmen begleitet, die die Gewinne aus der Liberalisierung besser verteilt hätten, sässe heute vermutlich kein Donald Trump im Weissen Haus.