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Wie die Frauen das Demografieproblem mildern

Markus Diem Meier

Frauen können alles verändern: Durch ihre Arbeit machen sie die Überalterung teilweise sogar mehr als wett. Foto: iStock

Die Alterung der Gesellschaft ist eine der grossen Herausforderungen für die Zukunft, weil sie aller Voraussicht nach dazu führt, dass nur noch ein kleinerer Teil der gesamten Bevölkerung arbeitet und das Einkommen für die ganze Bevölkerung generieren muss. Das war in diesem Beitrag schon einmal Thema, wobei die folgende dort erklärte Formel die Zusammenhänge zusammenfasst:

 

Die Schlussfolgerung aus der Formel lautet:

  • Je kürzer die Arbeitszeit der Beschäftigten
  • und/oder je geringer der Anteil der Beschäftigten an der Arbeitsbevölkerung
  • und/oder je geringer der Anteil der Arbeitsbevölkerung an der Gesamtbevölkerung ist, desto …

… kleiner ist der Anteil gearbeiteter Stunden pro Person, und entsprechend geringer fällt auch das erzielbare Einkommen pro Kopf aus.

Nur wenn die Leistungsfähigkeit bei der Arbeit (ein höherer Output pro Stunde) ausreichend stark wächst, kann das verhindert und das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen gehalten oder sogar gesteigert werden, wie das in der Vergangenheit trotz einer Reduktion der geleisteten Arbeitsstunden der Fall war. Doch das Produktivitätswachstum ist derzeit ausserordentlich schwach. Ob sich das ändern wird, ist unter Ökonomen umstritten und vielleicht ein Thema für einen anderen Beitrag. Wichtig für das heutige Thema ist nur, dass wir uns nicht darauf verlassen können, dass der technologische Fortschritt – der Haupttreiber der Produktivität – das Demografieproblem von selbst löst.

So siehts in den reichen Ländern aus

Doch es gibt in dieser Problematik zumindest etwas Entspannung. Das ist die Botschaft einer spannenden Box im neuen «Weltwirtschaftsausblick» des Internationalen Währungsfonds (IWF). Untersucht wurde die Entwicklung in 31 entwickelten Ländern, die 95 Prozent der Bevölkerung der reichen Länder repräsentieren. Hier die wichtigsten Ergebnisse:

  • Die Alterung der Gesellschaft führt schon jetzt zu einer Reduktion der Teilnahme der erwachsenen Bevölkerung am Arbeitsmarkt. Zur erwachsenen Bevölkerung zählen hier alle ab 15 Jahren. Im Jahrzehnt von 2007 bis 2016 ist die Arbeitsmarktteilnahme insgesamt um 0,8 Prozent zurückgegangen.
  • Der IWF geht noch weiter und untersucht in dieser Entwicklung in einem ersten Schritt zwei der Treiber separat: Erstens die Alterung an sich, die sich auf die Anzahl der aktiv Beschäftigten auswirkt und so die Teilnahme am Arbeitsmarkt beeinflusst. Zweitens die Teilnahme am Arbeitsmarkt innerhalb jeder Alterskategorie. Sie zeigt, ob mehr oder weniger Personen innerhalb einer Alterskategorie arbeiten, und ob sie mehr oder weniger lange arbeiten.
  • Die Grafik unten zeigt die Ergebnisse dieser Separierung der Einflussfaktoren. Der Balken links zeigt die gesamte Entwicklung der Teilnahme am Arbeitsmarkt mit den Beiträgen jeder Altersgruppe. Der graue Punkt bezeichnet den Totaleffekt (die erwähnte Abnahme um 0,8 Prozent). Die Teilnahme der 15- bis 54-Jährigen nimmt ab und jene der Älteren nimmt zu, ebenso jene der Jüngeren. Der Balken rechts (Between) zeigt den reinen Effekt der Alterung, das heisst der Veränderung der Anzahl Personen in jeder Altersgruppe. Die Beteiligung schrumpft hier, wie zu erwarten, vor allem bei den bis 54-Jährigen, während aber die Zunahme der Älteren am Arbeitsmarkt Beteiligten nur relativ wenig Gewicht hat.
  • Der mittlere Balken (Within) zeigt nun den alleinigen Effekt der veränderten Beteiligung innerhalb jeder Arbeitsgruppe, während der Effekt der Bevölkerungsveränderung (der Alterung) herausgerechnet wird. Hier zeigt sich, dass ausser bei den Jüngeren (15- bis 25-Jährigen) die Beteiligung am Arbeitsmarkt in jeder Altersklasse zunimmt. Die grössere Beteiligung am Arbeitsmarkt innerhalb jeder Altersklasse mindert den Effekt einer geringeren Anzahl Beschäftigter durch die Alterung deutlich.

  • Der IWF hat seine Detailanalyse auch auf den Betrag der Geschlechter in jeder Alterskategorie ausgeweitet. Hier zeigt sich, dass die erhöhte Arbeitsbeteiligung innerhalb der Altersgruppen (also ohne Berücksichtigung der veränderten Anzahl durch die Alterung) insgesamt auf die Frauen zurückgeht, die ihre Beteiligung am Arbeitsmarkt wesentlich erhöht haben. Das gilt vor allem für die Altersgruppe der 25- bis 54-Jährigen. Insgesamt haben die Frauen ihre Beteiligung in den betrachteten Ländern von 2007 bis 2016 um 0,7 Prozent erhöht, die Männer dagegen haben ihre Arbeitsmarktbeteiligung um 2,3 Prozent gesenkt.
  • Die Bedeutung der grösseren Arbeitsmarktbeteiligung innerhalb der Altersklassen und damit des Beitrags der Frauen wird umso deutlicher, wenn in der Gesamtbetrachtung die USA unberücksichtigt bleiben. Denn anders als in den anderen betrachteten Ländern haben dort die Männer und die Frauen in der Altersgruppe der 25- bis 54-Jährigen ihre Beteiligung am Arbeitsmarkt reduziert – eine Folge der Jobverluste von geringer Qualifizierten. Der Rückgang der Beteiligung innerhalb der Altersklassen hat deshalb in den USA den Effekt der Alterung noch verstärkt. Lässt man die USA aus der Gesamtbetrachtung der 31 reichen Länder aus, dann ergibt sich für die übrigen 30 betrachteten Länder statt eines Rückgangs der Gesamtbeteiligung am Arbeitsmarkt von 0,8 Prozent zwischen 2007 und 2016 sogar eine Zunahme um 0,4 Prozent. Anders gesagt, hat die höhere Arbeitsmarktbeteiligung der Frauen dort den Effekt der Alterung sogar überkompensiert.

Was das bedeutet: Das Fazit

Die negative Wirkung der Alterung auf die Erwerbsbeteiligung zeigt sich bereits und wird sich weiter akzentuieren.

Eine erhöhte Beteiligung innerhalb der Arbeitsgruppen kann den Prozess der geringeren Beteiligung am Arbeitsmarkt aber aufhalten und zumindest zwischenzeitlich sogar überkompensieren. Entscheidend ist hier die grössere Beteiligung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt.

Politische Massnahmen, die beiden Geschlechtern diese Beteiligung besser ermöglichen, sind deshalb entscheidend auch für die weitere Entwicklung, insbesondere der durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen: Damit sind Tagesschulen, Krippen und weitere Möglichkeiten der Kinderbetreuung angesprochen, aber auch bessere Berufs- und Teilzeitmodelle, die die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben verbessern .

Die höhere Erwerbsbeteiligung innerhalb der Altersgruppen verschafft den Gesellschaften mehr Zeit, bis die negative Wirkung der Alterung auf die Pro-Kopf-Einkommen voll durchschlägt. Damit besteht eine grössere Chance, dass die Produktivität wieder so stark gesteigert werden kann, dass sie wie früher die negative Wirkung des Rückgangs der geleisteten Arbeitsstunden auf die durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen kompensiert beziehungsweise überkompensiert.