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Märkte / Makro

Nordkorea-Gerüchte sorgen für Unruhe

Die wochenlange Abwesenheit von Diktator Kim Jong Un wirft einmal mehr die Frage auf, welche Folgen ein Zusammenbruch Nordkoreas für Ostasien hätte.

Vor 25 Jahren ist die Berliner Mauer  gefallen, doch war das nicht das Ende des kalten Krieges. Auf der koreanischen Halbinsel dauert der Konflikt bis heute an, wie es die gegenseitigen Drohungen der beiden bis auf die Zähne bewaffneten Landesteile regelmässig in Erinnerung rufen. Dass die Spannungen in der geteilten Nation durchaus zu einem heissen Krieg eskalieren könnten, zeigt sich am Artilleriebeschuss, der sporadisch dem verbalen Säbelrasseln folgt.

Ein Krieg würde – ganz abgesehen vom menschlichen Leid – einen enormen Schaden anrichten. Denn Seoul, die Hauptstadt der Republik Korea, liegt weniger als 100 Kilometer von der Demarkationslinie entfernt, die den Norden vom Süden trennt. Damit befinden sich auch die Hauptsitze von weltweit bekannten Unternehmen wie Samsung (Samsung 0 0%) Electronics oder Hyundai (Hyundai 0 0%) in der Reichweite schwerer nordkoreanischer Geschütze.

Keine politische Börse mehr

Dass es nicht bei einem konventionellen und lokal begrenzten Krieg bleiben muss, liegt daran, dass der Norden nicht nur über Nuklear- und Langstreckenwaffen verfügt, sondern auch mit China ein Waffenbündnis hat. Die USA wiederum sind die Schutzmacht der Republik Korea. Washington, das in Südkorea 28 000 Mann stationiert hat, lässt keinen Zweifel daran, dass es im Ernstfall zu allem bereit wäre und auf der Halbinsel auch globale Rivalitäten ausgetragen werden.

Der Status quo dauert allerdings bereits seit dem Ende des Koreakriegs vor 62 Jahren an. Das gegenseitige Abschreckungspotenzial macht einen konventionellen Krieg offenbar unwahrscheinlich. Davon scheinen mittlerweile auch die Investoren auszugehen. Während vor zehn Jahren Spannungen an der innerkoreanischen Grenze die Kurse an der Börse Seoul jeweils belastet hatten, reagiert der Aktienmarkt der viertgrössten Volkswirtschaft Asiens mittlerweile kaum mehr auf erhöhte politische Risiken.

Trotz der vordergründigen Gelassenheit kommt jedoch immer wieder die Frage auf, wohin die geteilte Nation steuert. Das ist in diesen Tagen umso mehr der Fall, ist doch der Führer der Demokratischen Volksrepublik Korea, Kim Jong Un, seit Wochen aus der Öffentlichkeit verschwunden. Laut offiziellen Verlautbarungen sind «Unpässlichkeiten» der Grund dafür, doch könnte im Norden infolge von internen Rivalitäten auch ein gefährliches Machtvakuum entstanden sein.

Mittlerweile machen wilde Spekulationen über den Sturz oder sogar Tod des Diktators die Runde. Die Tatsache, dass der 31-jährige Kim vor zwei Jahren selbst seinen eigenen Onkel Jang Song-thaek wegen angeblichen Vaterlandverrats hinrichten liess, zeigt, dass im geheimnisumwitterten Staat keine Eventualität ausgeschlossen werden kann.

Wirtschaft ist dem Ende nahe

Dabei ist es – unabhängig vom Schicksal der Person des obersten Führers – unwahrscheinlich, dass die Diktatur auf Dauer bestehen kann. Denn die Volksrepublik, in der nach wie vor einer rigiden Planwirtschaft gehuldigt wird, ist wirtschaftlich ruiniert. Der 25 Mio. Einwohner zählende Staat bringt es gerade mal auf ein Bruttoinlandprodukt von 40 Mrd. $. Das ist nur etwas mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung der Stadt Zürich.

Infolge der ruinösen Wirtschafts- und Aufrüstungspolitik war Nordkorea in den vergangenen Jahren sporadisch auf ausländische Lebensmittelhilfe angewiesen. Ende der Neunzigerjahre stoppte die Volksrepublik im Gegenzug für eine Entspannung in der Beziehung zu Südkorea und den USA zwar temporär sein Atomprogramm. Das noch unter Bill Clinton gemachte Geschäft fiel aber 2003 auseinander, weil US-Präsident George W. Bush Nordkorea unversehens mit Irak und dem Iran in seine «Achse des Bösen» einreihte.

Bis heute ist aus der Ära der Entspannung ein Industriepark auf der nördlichen Seite der gemeinsamen Grenze übriggeblieben, in dem südkoreanische Unternehmen Tausende von Arbeitsplätze geschaffen haben. Das Projekt wird vielfach als eine Vorstufe einer von Südkorea angeführten Wiedervereinigung angesehen. Doch hat Seoul nicht vergessen, welch enorme finanzielle Last etwa die Integration des Ostens für Westdeutschland mit sich brachte. Dabei war die DDR Anfang der Neunzigerjahre wirtschaftlich weit fortgeschrittener als es heute Nordkorea ist. Seoul hat denn wohl auch kein Interesse daran, die Restbestände eines in sich zusammengefallenen Landes zu übernehmen – und ist zu einem gewissen Grad an der Stabilität des Nordens interessiert.

Klar ist, dass ein vereintes Korea kein Zusammenschluss zweier gleichberechtigter Partner wäre, sondern ein von Seoul und seinem Verbündeten USA dominiertes Projekt. Das jedoch würde das geopolitische Gleichgewicht der ganzen Region verändern. Denn der Einflussbereich der USA würde damit direkt an die chinesische und russische Grenze heranreichen. Peking und Moskau werden denn auch alles tun, um das zu vermeiden. In Ostasien dürfte damit auch der kalte Krieg trotz einer wirtschaftlichen Annäherung nicht einfach so zu Ende gehen.