Meinungen 14:36 - 10.03.2017

Nordkoreanische Zeitbombe

«China dürfte die Modernisierung und den Ausbau der Armee noch schneller vorantreiben, als das jetzt schon der Fall ist.»
Die Krise führt im schlimmsten Fall zu einer chinesisch-amerikanischen Konfrontation. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Ernst Herb.
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Auf der koreanischen Halbinsel rasen nach Meinung von Wang Yi, dem chinesischen Aussenmister, auf demselben Bahngleis zwei Züge aufeinander zu – und kein Signal steht auf Rot. Es droht sich ein neuer kalter Krieg anzubahnen, wie er seit dem Fall der Berliner Mauer nicht mehr gesehen worden ist. Gegenüber einem solchen Krisenszenario sind selbst die am Freitag erfolgte Amtsenthebung der südkoreanischen Präsidentin Park Geun-hye oder auch die mutmasslich vom nordkoreanischen Führer Kim Yong-un angeordnete Ermordung des eigenen Bruders nur Nebenschauplätze.

Das nordkoreanische Raketen- und Nuklearprogramm ist dabei nicht einmal der Hauptgrund für Wangs Panik. Das heisst nicht, dass von Nordkorea selbst keine Gefahr ausgeht. Im Gegenteil, das Regime des aussenpolitisch unerfahrenen nordkoreanischen Führers ist weitgehend vom Ausland isoliert. Das zeigt sich auch daran, dass China, der bis heute einzige noch verbliebene wichtige Verbündete von Pjöngjang, nicht verhindern konnte, dass Nordkorea vor einigen Tagen weitere Raketentests durchführte.

Sollte diese Krise nicht rechtzeitig entschärft werden, droht sie eine direkte Konfrontation zwischen den USA und der aufstrebenden Supermacht China nach sich zu ziehen. Als Antwort auf das umstrittene Aufrüstungsprogramm bauen die USA ihre militärische Präsenz in Südkorea mit der Errichtung eines modernen Raketenabwehrsystems aus.

Peking hat den Schritt mit Verweis auf die eigene nationale Sicherheit als unfreundlichen Akt bezeichnet und Gegenmassnamen angedroht. Das THAAD-System soll fähig sein, weite Teile des chinesischen Luftraumes zu überwachen und Aufschluss über die Militärbewegungen und die Kommunikation zu geben. Das bestätigt in China den Eindruck, dass die USA durch einen von Japan über Südkorea bis Vietnam reichenden militärischen Ring Chinas Macht eindämmen wollen.

Auf die Stationierung der Raketenabwehrsysteme hat China erstmals mit einem von den staatlichen Medien angefeuerten Boykott gegen südkoreanische Konsumgüter reagiert. Doch dürfte es nicht bei solchen wirtschaftlichen Sanktionen bleiben. Das nicht zuletzt auch deshalb, weil Präsident Xi Jinping den starken nationalistischen Kräften im Innern beweisen muss, dass er in der nationalen Sicherheit keine Schwäche zeigt.

China dürfte daher Modernisierung und Ausbau der Armee noch schneller vorantreiben, als das ohnehin schon der Fall ist. In der Folge werden auch Südkorea und vor allem Japan bedeutend mehr in die Rüstung investieren. Vor allem erhalten durch die Krise auf der koreanischen Insel jene Kräfte in Washington Auftrieb, die davon ausgehen, dass über kurz oder lang eine direkte militärische Konfrontation mit dem aufstrebenden China unvermeidbar ist. So ist es kein Wunder, dass der ehemalige australische Premierminister Kevin Rudd jüngst die vom nordkoreanischen Aufrüstungsprogramm ausgehenden Risiken als den gegenwärtig weltweit bedrohlichsten Gefahrenherd bezeichnet hat.