Motoren dröhnen, Reifen qualmen und die Luft riecht nach Benzin. Ein Oldtimer, der seit fast hundert Jahren kein Rennen mehr gefahren ist, spuckt Flammen. An diesem Samstagmorgen im März verhindert ein hartnäckiger Nieselregen in der noch tristen Winterlandschaft bei Chichester, dass die Karosserien in ihrer ganzen Pracht glänzen.

Wir befinden uns am Goodwood Members’ Meeting, einem exklusiven Members-only-Anlass des British Automobile Racing Clubs. Dessen erlauchter Präsident ist niemand Geringerer als Charles Gordon-Lennox Earl of March and Kinrara, Sohn des 10. Duke of Richmond, Lennox, Gordon and Aubigny.

Seit Wochen schon ist der Prestigeanlass ausverkauft. Das Members’ Meeting ist das erste von drei Goodwood-Autorennen. Die beiden anderen – das Goodwood Festival of Speed und das Goodwood Revival – finden jeweils später im Jahr statt.

Was an diesem ersten Highlight besonders geschätzt wird, sind der sportliche Charakter und die grosse Bandbreite an Rennkategorien. Sie reichen von den Veteranen aus der Edwardian-Epoche bis zu den GT1 der 1990er-Jahre.

Ein weiterer Pluspunkt ist die Tatsache, dass man mit den Autos und den Sammlern auf Tuchfühlung gehen kann. Zutrittsbeschränkungen gibt es keine und Berührungsängste kennt niemand. Das Goodwood Members’ Meeting ist ähnlich wie sein Initiant Lord March: intim, schick und entspannt.

Rennwagen der 1920er-Jahre als Publikumsmagnet

Mit wehender Silbermähne, dandyartiger Schildpattbrille und beigem Karo-Tweedmantel im britischen Schnitt nähert sich Lord March den Rennwagen aus der Vorkriegszeit. Halb besorgt, halb amüsiert fragt er: «Werden sich unsere Kinder und Enkel noch für Autos interessieren, vor allem für solche aus der Vorkriegszeit wie diese hier? Ich persönlich glaube, dass es zwei getrennte Bereiche geben wird: die Mobilität auf der einen und der Fahrspass auf der anderen Seite. Historische Veranstaltungen wie das Goodwood und die Freude an alten Autos werden in Zukunft Hochkonjunktur haben. Dieses Oldtimer-Rennen ist nicht umsonst eines der populärsten. Stellen Sie sich vor: Zwei der Autos haben seit über einem Jahrhundert kein Rennen mehr bestritten! Solche Autos zu schätzen ist aber keine Selbstverständlichkeit. Heute interessiert man sich vor allem für moderne Autos. Autonarren aus China oder dem Nahen Osten können die Leidenschaft für Oldtimer nur schwer nachvollziehen.»

31 Boliden aus einer anderen Zeit warten in dem dafür vorgesehen Quadrat am Pistenrand auf den Startschuss der S.F. Edge Trophy. Ein Alfa Romeo RLTf (1923), ein Benz 200 hp «Blitzen Benz» (1909) und ein Delage DH V12 (1923) rollen heran.

Täuschen wir uns? Nein, im Delage sitzt tatsächlich ein ungewöhnlich junger Fahrer. Ungewöhnlich deshalb, weil ihn und den Rennwagen 71 Jahre trennen. Wie kann ein so junger Mann Freude an einem so alten Auto haben?

Mathias Sielecki (23) ist ein argentinischer Sammler, der mit seinem Vater – er steuert eine Bugatti T16 5 Liter – vor einigen Tagen aus Buenos Aires angereist ist.

«Ich liebe das Auto, es ist fantastisch, sehr schnell, sehr schwer und hat 1924 einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt», frohlockt er. «Wir haben es vor sechs Jahren gekauft. Autos aus der Vorkriegszeit zu steuern, ist wie einen Zug zu fahren, es macht Spass!»

Goodwood, Epizentrum des englischen Automobilsports

Auf den fast 45’000 Quadratmeter umfassenden Ländereien von Lord March geht die Leidenschaft für Sport auf das 17. Jahrhundert zurück. Der 1. Duke of Richmond-Lennox frönte dort der Fuchsjagd. Heute werden Golf und Cricket gespielt, es wird geritten und Flug- und Automobilsport betrieben.

Aus diesen Aktivitäten bezieht das «Goodwood Estate» unter dem Vorsitz von Lord March seine Haupteinnahmen in Höhe von 110 Millionen Euro. «Unser Business steht grösstenteils in Zusammenhang mit der Geschichte des Anwesens. Rund 650 Angestellte arbeiten hier täglich», bemerkt Lord March.

«Wir betreiben ein Hotel und haben gerade ein Restaurant eröffnet, das Fleisch aus unserer eigenen lokalen Viehzucht anbietet. Das Restaurant verursacht null Abfall und setzt ganz auf integrierte und biologische Produktion aus unserem 16’000 Quadratmeter grossen Bauernhof. Unsere Haupteinnahmequelle ist aber der Sport. Mit Landwirtschaft allein könnten wir nicht überleben. In unserer Familie wurde schon 1801 geritten, mit dem Cricket haben wir im 18. Jahrhundert begonnen, der 7. Duke legte einen Golfplatz an, mein Grossvater, der ein grosser Fan von Autorennen war, baute die Flugzeuglandebahn 1948 in eine Rennstrecke um, ich eröffnete sie 1991 wieder und habe verschiedene Autorennen ins Leben gerufen.»

Schweizer Uhrmacher liess das Rennen wieder aufleben Alex Williamson, CEO von Goodwood, erzählt, wie es dazu kam, dass die Goodwood-Rennstrecke auf der ehemaligen Landebahn angelegt wurde: «1948, kurz nach dem Ende des Zwei – ten Weltkriegs, als sich die Spitfire-Piloten überlegten, womit sie in Zukunft ihr Geld verdienen könnten, wurde die Flugzeugstart- und Landebahn in eine Rennstrecke umgebaut. Daraufhin liess sich der British Automobile Racing Club in Goodwood nieder und machte das Anwesen zum Epizentrum des Automobilsports. So entstanden die ersten Members’ Meetings, deren vorübergehend letztes 1966 organisiert wurde. Vor drei Jahren hat die Schweizer Uhrenmarke IWC dem renommierten Treffen neues Leben eingehaucht. Und dieses Jahr feiern wir mit Unterstützung von IWC die 75. Austragung.»

Für die Schaffhauser Marke, die sich seit vielen Jahren im Autorennsport engagiert und auch den Formel-1-Rennstall Mercedes AMG-Petronas unterstützt, ist es Ehrensache, jedes Jahr Motorsporthelden aufzubieten. Dieses Jahr sorgten der grosse schottische Formel-1-Champion David Coulthard und der legendäre Mercedes-Benz 300 SL aus dem Jahr 1955 für Aufsehen.

Chris Granger-Herr, der seit 1. April 2017 als neuer CEO die Geschicke von IWC leitet, über den Anlass: «Dieses Rennen entspricht genau dem, was IWC erzählen möchte. Die sportliche Eleganz passt zur Marke und veranschaulicht unsere Art, das historische Vermächtnis modern zu interpretieren. Wir laden viele Kunden aus der ganzen Welt zu dem Anlass ein. Ich mag die Stimmung an diesen Rennen. Hier findet man echten ‘Race Spirit’, bei dem es wirklich noch ums Rennen geht.

Und es herrscht eine vornehme, aber lockere Atmosphäre. All das verdanken wir Lord March. Er hat den Event zu neuem Leben erweckt. Als gelernter Designer und Architekt fasziniert mich das Autodesign, auch wenn ich nie in dieser Branche gearbeitet habe. Besonders angetan haben es mir die Supercars aus den 1990er-Jahren. In meinen Träumen hatte der Mercedes CLK-GTR (1997) stets einen besonderen Platz, und als ich erfuhr, dass er nach Goodwood kommen würde, freute ich mich riesig.»

Auf Tuchfühlung mit Sammlern

Ein weiteres Markenzeichen des Goodwood Members’ Meeting ist die Tatsache, dass die Besucher so nah wie sonst nirgends an die Autos herankommen und sich mit den Piloten unterhalten können, eine Nähe, die Lord March trotz des zunehmenden Erfolgs nicht opfern möchte.

«Dieser Anlass ist sehr exklusiv und intim, wir wollen nicht wachsen», beteuert er. «Acht Rennen pro Tag sind bereits eine stattliche Anzahl. Wir können auch die Dauer nicht verlängern. Bei der Wiedereröffnung der Rennstrecke Anfang der 1980er-Jahre haben wir mit den örtlichen Behörden eine bestimmte Anzahl Tage ausgehandelt, an denen wir so viel Lärm machen können, wie wir wollen.

Sie können sich sicher vorstellen, dass das Dröhnen der Motoren auf dem ruhigen englischen Land nicht jedermanns Sache ist. Wir versuchen, jedes Jahr andere Autotypen aufzubieten und uns auf bestimmte Modelle zu fokussieren. Dieses Jahr werden die rasanten GT1 im Mittelpunkt stehen sowie die Tourenwagen der Gruppe A mit dem grossartigen Jaguar XJS TWR, dem von Gerhard Berger gesteuerten BMW 635 CS1 und dem BMW M3 E30 mit Roberto Ravaglia am Lenkrad.»

Am Goodwood Members’ Meeting trifft man in den Alleen auf die bekanntesten Sammler der Welt. Nick Mason ist einer von ihnen. Der Mitbegründer und Schlagzeuger von Pink Floyd ist ein Autonarr und seine Fahrzeugsammlung berühmt. Er besitzt unter anderem einen Ferrari 250 GTO, der heute als teuerstes Auto der Welt gilt.

Manson hatte das Schmuckstück 1977 mit den Einnahmen des Albums «The Dark Side of the Moon» gekauft. Am 75. Goodwood Members’ Meeting nahm er allerdings mit seinem McLaren F1 GTR teil. «Klar ist es schmeichelhaft, dass man mich als einen der grössten Sammler betrachtet, aber ich habe mir diesen Titel nicht gewünscht. Ich habe die Autos gekauft, um damit Rennen zu fahren», stellt Manson klar.

«Alle vermitteln mir ein unglaubliches Fahrgefühl. Besonders gern mag ich aber meinen Aston Martin Ulster. Er wurde 1935 gebaut, lange bevor James Bond erfunden wurde. Die ganze Familie fährt ihn, einschliesslich meiner Tochter und meiner Frau. Zu meinen Lieblingsautos gehört ferner der Maserati Birdcage, vermutlich der schönste Rennwagen überhaupt. Er ist nicht allzu stark, ausgeglichen, hat gute Bremsen und verlangt keine besonderen Fahrkenntnisse.

Natürlich können Sie mehr aus ihm herausholen, wenn Sie Sterling Moss heissen, aber auch, wenn nicht, haben Sie Spass daran (lacht). Ebenfalls ganz oben auf der Liste steht selbstverständlich der berühmte Ferrari GTO. Er ist perfekt ausgeglichen, einfach zu steuern und war 1962 in Le Mans am Start. Auch er wird von meiner Frau und meiner Tochter gefahren, deren Hochzeitsauto er sogar war. Heute glaubt man angesichts seines Marktpreises, dass ich intelligent bin – das ist toll», lacht er.

«Dann ist da noch mein McLaren F1 GTR mit zentraler Sitzposition, ebenfalls ein einfaches Auto. Er wurde von Ron Dennis entworfen, der ihm einen besonderen Touch verlieh. Ausserdem ist er langlebig und gilt als eines der interessantesten Autos. Meine nächsten Anschaffungen werden Vintage-Autos sein, ich bin völlig verrückt nach ihnen.» Angesichts von so viel Begeisterung wird es das Goodwood bestimmt noch lange geben.