Märkte / Makro

Notenbanken legen sich für die Zukunft fest

«Forward Guidance» ist mehr als ein neues Kommunikationsinstrument. Die Zentralbanken stärken auf diese Weise ihre konjunkturfreundliche Strategie.

An den Finanzmärkten herrscht wieder Partystimmung. Die Akteure sind beschwingt und ausgelassen, denn der Alkohol fliesst reichlich. Aber die Zeit ist fortgeschritten, Mitternacht bereits vorüber. Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch dieses Fest zu Ende gehen muss und der Alkoholkonsum ­eingeschränkt werden sollte, schliesslich muss mancher mit dem eigenen Auto nach Hause fahren. Wie reagiert der Gastgeber? Aus Angst, die Stimmung könnte umschlagen, versichert er den Gästen, dass sich so schnell nichts ändern wird. Und damit sie ihm glauben, verspricht er, die Punschschale noch mindestens bis vier Uhr ­morgens nicht wegzuräumen.

Das ist «Forward Guidance» – die neue Wunderwaffe der Zentralbanken. Seit diesem Sommer setzen sie auch die Europäische Zentralbank und die Bank of England ein. Zuvor bereits die Bank of Japan, die Schweizerische Nationalbank und als Pionier das Federal Reserve in den USA. Der Öffentlichkeit wird mitgeteilt, wie lange sie noch mit der extrem expansiven Geldpolitik rechnen kann. Ein Tabubruch zu früher, als Notenbankentscheide nur bis zur nächsten Sitzung galten und jede darüber hinausgehende Frage mit dem Hinweis abgeschmettert wurde, man lege sich grundsätzlich nicht für die Zukunft fest.

Unbehagen der Bundesbank

«Forward Guidance kann in Zeiten höherer Unsicherheit helfen, Orientierung zu geben und die Erwartungen der Marktteilnehmer zu stabilisieren», erläuterte Bundesbankchef Jens Weidmann nach dem Politikwechsel der EZB. «Sie ist jedoch keine unbedingte Vorabfestlegung des Zinspfads.» Das wiederholte die Buba diese Woche im Monatsbericht: «Der EZB-Rat hat sich nicht gebunden. Sollte sich in Zukunft ein höherer Preisdruck abzeichnen als zurzeit unterstellt, schliessen die zukunftsgerichteten Hinweise eine Leitzinserhöhung keineswegs aus.»

Dass die Orientierung über die zukünftige Ausrichtung der Geldpolitik mancherorts Unbehagen auslöst, hat einen Grund. Sie ist nicht nur ein neues Kommunikationsinstrument, sondern mit einer Ver­lagerung im Mandat der Zentralbanken verbunden: Weiter weg vom Auftrag, die Inflation zu bekämpfen, und hin zu einer Politik, um Vollbeschäftigung und ein ­optimales Wirtschaftswachstum zu erreichen. Institute wie die Bundesbank, die sich der monetaris­tischen Tradition verpflichtet fühlen, sind darüber nicht glücklich. Als einfaches Mitglied im 23-köpfigen EZB-Rat trägt sie den Kurs notgedrungen mit.

Alle führenden Notenbanken haben die Zielvariablen ihrer Geldpolitik in den letzten Jahren verschoben. Mit der im Juli eingeführten Forward Guidance, wonach die Leitzinsen «einen ausgedehnten Zeitraum» auf dem aktuellen Niveau bleiben oder sinken werden, befindet sich die EZB dort, wo das Fed bereits 2009 war, als es von «einem längeren Zeitraum» sprach. Zwei Jahre später wurde die US-Notenbank konkreter und gab an, mindestens bis Mitte 2013 den Fed-Funds-Zielsatz nahe null zu lassen. Das Datum verschob sie fortan in die Zukunft.

Als auch das nicht mehr ausreichte, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass das Fed die Konjunktur ausreichend stützt, führte es ein neues Ziel ein: Solange die Arbeitslosigkeit mindestens 6,5% beträgt, wird der Leitzins nicht gestrafft. Die Bank of England setzte diesen Monat ein ähnliches Ziel. So weit war bisher keiner gegangen. Es fehlt wenig bis zu der in der Wissenschaft diskutierten Extremvariante, die Geldpolitik gleich ganz an das nominale Wirtschaftswachstum zu koppeln.

Seit 2011 lehnt sich die SNB ähnlich weit hinaus. Mit ihrer Wechselkursuntergrenze von 1.20 Fr./€ verfolgt sie indirekt ebenfalls ein realwirtschaftliches Ziel, sei es, um eine Deflation/Rezession zu vermeiden, oder um die Exportwirtschaft zu stützen und Arbeitsplätze zu sichern.

Zinswende bleibt ein Wagnis

Dass EZB und BoE gleichzeitig zur Forward Guidance übergingen, ist kein Zufall. Sie wollen damit gegen einen Anstieg der Zinsen ankämpfen, der von den USA nach Europa überschwappt, wenn das Fed die Anleihenkäufe im Herbst verringert (Tapering). Forward Guidance soll in Europa also vor einer geldpolitischen Wende schützen. In den USA hingegen soll sie die Wende begleiten und abfedern.

Einige Analysten wie Hans Redeker von Morgan Stanley sind skeptisch, ob das ­gelingt. Die Märkte seien sich zu ­sicher, dass das Fed die Marktzinsen kontrollieren könne. Dabei genüge eine überraschende Verbesserung am Arbeitsmarkt, damit das Tapering stärker als erwartet ausfalle und daraufhin die Renditen nach oben sprängen. Für Anleger gilt: Zins­wenden bleiben ein Wagnis – auch wenn sie mithilfe neuer Methoden und Kommunikationsstrategien umgesetzt werden.

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