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Notenbanken werden grün

Zentralbanker beteiligen sich zunehmend an der Klimadebatte. Sie müssen jedoch zeigen, wie mandatskonform das ist, und sie dürfen ihre Unabhängigkeit nicht gefährden. Ein Kommentar von Barry Eichengreen.

Barry Eichengreen
«Die Notenbanken sollten es tunlichst vermeiden, von den Befürwortern eines ‹grünen New Deal› und eines ‹grünen Quantitative Easing› quasi als Sparschwein benutzt zu werden.»

Die Notenbanken schalten sich, man staune, in die Debatte über den Klimawandel ein. Mitte April haben Mark Carney, Gouverneur der Bank of England, und François Villeroy de Galhau, Chef der Banque de France, in einer gemeinsamen Stellungnahme vor den Gefahren der Klimaerwärmung gewarnt. Anlass war die Veröffentlichung des Berichts des Network for Greening the Financial System. Dem Netzwerk gehören 27 Zentralbanken sowie weitere Finanzmarktaufsichtsbehörden an. Nicht unter den Teilnehmern ist die US-Notenbank Fed, was angesichts der geringschätzigen Haltung der Regierung Trump zur Thematik des Klimawandels allerdings kaum erstaunt.

Auf den ersten Blick mutet das Interesse der Notenbanker am Klimawandel seltsam an, gehören solche Fragen doch nicht gerade zu ihren Fachgebieten. Während die Klimaerwärmung über sehr lange Zeiträume vonstattengeht, hat die Geldpolitik in erster Linie das Auf und Ab von Konjunkturzyklen und Inflation im Blick.

Mehr noch: Mit ihrer Beteiligung an dieser umstrittenen, politisch befrachteten Debatte laufen die Notenbanken Gefahr, ihre Unabhängigkeit aufs Spiel zu setzen. Geldpolitische Entscheidungen sollen von unabhängigen Notenbankern getroffen werden, die langfristig im Amt sind, ihre Beschlüsse frei von politischer Einflussnahme fassen und ihrem gesetzlich verankerten Mandat verpflichtet sind. Üblicherweise stellt dieses Mandat die Preisstabilität in den Vordergrund – mit einem Inflationsziel von 2% –, manchmal umfasst es auch die Wahrung der Stabilität von Wirtschaft und Finanzmarkt.

Risiko politischer Gegenreaktion

Auf diesen Gebieten verfügen die Entscheidungsträger der Geldpolitik über ausgewiesene Fachkenntnis. Ob sie getreu ihrem Mandat agieren, lässt sich anhand der Entwicklung der Inflationsrate und anderer damit zusammenhängender Kennzahlen überprüfen. Diese Möglichkeit, die Resultate und die Einhaltung des Mandats zu kontrollieren, macht die Delegation geldpolitischer Entscheide an unabhängige Technokraten auch politisch akzeptabel.

Ob Entscheidungen von Notenbanken dazu beitragen, den Klimawandel zu mildern, ist hingegen viel schwieriger zu überprüfen, werden die Erderwärmung und der Anstieg der Meeresspiegel doch von unzähligen weiteren Faktoren mitbeeinflusst. Dementsprechend lässt sich nur schwer bestimmen, inwieweit die Massnahmen einer Zentralbank auf diesem Gebiet tatsächlich dienlich sind. Unter diesen Bedingungen sind die üblichen Beteuerungen der Notenbanker – vertraut uns, wir wissen, was wir tun – wenig überzeugend.

Da Massnahmen gegen den Klimawandel oft Verteilungswirkungen entfalten, bergen sie zudem das Risiko einer politischen Gegenreaktion: Die Gelbwesten in Frankreich etwa werden dann, erzürnt über die höheren Benzinpreise, nicht gegen die Regierung auf die Barrikaden gehen, sondern gegen die Banque de France. Was die Politiker wiederum veranlassen könnte, direkte politische Einflussnahme auf die Notenbank zu verlangen.

Klimawandel und makroökonomische Schocks

Bevor sich Notenbanken auf dieses Gebiet vorwagen, sollten sie deshalb darlegen, warum dies im Einklang mit ihrem Mandat steht. Zuerst einmal ist festzuhalten, dass der Klimawandel durchaus makroökonomische Schocks verursachen kann, die direkt die Inflation beeinflussen – die ja ein zentraler Teil des Notenbankmandats ist.

Wenn wegen gehäuft auftretender Stürme und Hurrikane Agrarflächen zerstört oder ganze Küsten verwüstet werden – und somit aus dem Produktionsprozess fallen –, häufen sich negative Angebotsschocks. Ein knapperes Angebot bedeutet, unter sonst gleichen Umständen, mehr Inflation. Eine Notenbank, die ein Inflationsziel verfolgt, muss dann unter Umständen die Zinsen erhöhen, damit die Inflationserwartungen verankert bleiben.

Oder aber es gelingt ihr, überzeugend darzulegen, dass die Auswirkungen der Stürme nur vorübergehender Natur sind, und die Inflationserwartungen auf diese Art zu verankern. Dann kann sie allenfalls über den Preisanstieg «hinwegsehen», wie das die Zentralbanken ja auch bei Schwankungen der Rohstoff- und der Energiepreise tun.

Geht es aber nicht um Unwetter, sondern um den Anstieg des Meeresspiegels, sind die Auswirkungen nicht nur temporär. In diesem Fall werden Potenzial-Output und Output-Lücke dauerhaft beeinträchtigt. Die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen sind permanent, und die Zentralbank wird noch massiver reagieren müssen, um die Inflationserwartungen zu verankern.

Stabilität des Finanzsystems auf dem Spiel

Die gleichen Überlegungen gelten grundsätzlich auch für Steuern auf Kohlenstoffemissionen und andere Massnahmen gegen den Klimawandel. Solche Massnahmen treiben die Produktionskosten in die Höhe, besonders für kohlenstoffintensive Produkte, aber auch auf breiter Front. Unter sonst gleichen Umständen wirken sie inflationär. Das spricht nicht gegen ihren Einsatz, bloss müssen die Notenbanken analysieren, wie ihr Mandat davon tangiert wird.

Der Klimawandel betrifft die Zentralbanken auch in ihrer Rolle als Finanzmarktregulator. Wirbelstürme, Hurrikane und Küstenüberschwemmungen sind ein unmittelbares Risiko für Versicherungsgesellschaften, die nicht in der Lage sind, diese Risiken vollständig rückzuversichern oder ihr konzentriertes Exposure anderweitig zu diversifizieren. Die Pleite wichtiger Assekuranzkonzerne kann schwerwiegende Folgen für die Stabilität des gesamten Finanzsystems haben.

Politische Massnahmen im Kampf gegen den Klimawandel können ebenso die Bilanzen von Energiekonzernen, die auf fossile Energieträger ausgerichtet sind, schwächen und Einbussen für ihre Aktionäre mit sich bringen. Für Volkswirtschaften, die nach wie vor in hohem Mass von Unternehmen abhängig sind, die sich nur langsam von alten Technologien wie dem Verbrennungsmotor lösen – man denke etwa an Deutschland –, zeichnen sich Bilanzprobleme zudem nicht nur für die betroffenen Unternehmen ab, sondern auch für die Banken, die ihnen Kredit vergeben.

Grüne und braune Assets

Wie sollen die Notenbanken als Regulator darauf reagieren? Zuerst einmal sollten sie die sogenannten braunen Investitionen mit höheren Kapitalanforderungen belegen als grüne Investments, da Erstere im Zuge von politischen Massnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels grösseren Risiken ausgesetzt sind. Das würde nicht nur stabilisierend auf das Finanzsystem wirken, sondern zusätzlich von Investitionen in weniger umweltfreundliche Aktivitäten abschrecken.

Ausserdem sollten extreme Klimawandelszenarios in die Finanz-Stresstests einbezogen werden. Ebenso gilt es, verschärfte Offenlegung und mehr Transparenz über die Beteiligungen von Finanzunternehmen an grünen und braunen Assets einzufordern. Die grössere Transparenz hilft, sicherzustellen, dass der Regulator selbst von Problemen bei Finanzintermediären nicht auf dem falschen Fuss erwischt wird, falls sich ein solches Szenario einstellt, und die Intermediäre ihrerseits werden vermehrt vom Markt diszipliniert.

Nicht zuletzt sollten die Notenbanken es tunlichst vermeiden, von den Befürwortern eines «grünen New Deal» und eines «grünen Quantitative Easing» quasi als Sparschwein benutzt zu werden. In den USA berufen sich Ökonomen im Umfeld der sogenannten modernen monetären Theorie gerne auf die Idee, dass die Notenbanken Massnahmen gegen den Klimawandel – den «grünen New Deal» – via Notenpresse finanzieren können, und zwar ohne Konsequenzen auf der Inflationsseite. Ähnlich fordern Anhänger eines «grünen New Deal» im Vereinigten Königreich die Bank of England auf, neue Schuldtitel zu erwerben, mit denen die Regierung Massnahmen zur Förderung der Energieeffizienz in Gebäuden, erneuerbarer Energien und lokaler Transportsysteme finanzieren soll.

Industriepolitik vermeiden

Das gegenwärtige Niedrigzinsumfeld mag tatsächlich etwas Spielraum schaffen für die Finanzierung von Haushaltsdefiziten der Regierung mit Notenbankgeld ohne Konsequenzen für die Inflation. Doch geht es nach manchen Befürwortern eines «grünen New Deal», ist dieser Spielraum effektiv unendlich gross. Weder Wirtschaftstheorie noch Geschichte bieten eine Grundlage für solch eine waghalsige Schlussfolgerung. Tatsache ist und bleibt: An einem gewissen Punkt wird der inflationäre Druck zunehmen.

Ganz zu schweigen davon, dass Notenbanken, die grüne Anleihen ausdrücklich bevorzugen, gefährlich nahe daran sind, Industriepolitik zu betreiben. Kommt es so weit, ist der Einwand, die Zentralbanken wichen zu sehr von ihrem Mandat ab, alles andere als haltlos. Und die Gefahr, ihre Unabhängigkeit einzubüssen, wird akut.

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