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Notenbanker als Medienstars

Der Nachrichten-Hype um Zentralbanker ist bedenklich, weil er die verzerrte Vorstellung verstärkt, dass sie den Finanzmärkten unverhältnismässiges Interesse schenken. Ein Kommentar von Kenneth Rogoff.

Kenneth Rogoff
«Bedeutungsübersteigerung ist eine Art von Blase, deren Platzen Notenbanker immer anstreben sollten.»

Warum ziehen die Kommentare der Notenbanker wichtiger Volkswirtschaften heute so viel Aufmerksamkeit auf sich? Es ist ja nicht so, als würden sie laufend die Zinsen ändern. Und genauso wenig haben sie neue, belastbarere Instrumente zur Analyse der Konjunktur entwickelt. Im Gegenteil: Die Wachstums- und die Inflationsprognosen der wichtigen Zentralbanken haben sowohl die Wachstums- als auch die Inflationsentwicklung seit der Finanzkrise konsequent überschätzt – und zwar erheblich.

Es gibt viele gute Gründe für die Aufmerksamkeit, mit der geldpolitische Entscheidungsträger derzeit überhäuft werden, darunter die zunehmende Unabhängigkeit der Notenbanken, die öffentliche Anerkennung der Notwendigkeit, hochkompetente Technokraten mit der Aufsicht über die Geldmenge zu betrauen, und die sich vertiefenden Finanzmärkte.

Und viele Notenbanker wurden zu Recht für ihre Rolle in der Verhinderung eines globalen Zusammenbruchs während der Finanzkrise gelobt.

Trotzdem finden es viele Wissenschaftler angesichts der zahlreichen Unsicherheiten, die makroökonomische Prognosen und die Auswirkungen des politischen Instrumentariums (nicht zuletzt der quantitativen Lockerung) umgeben, unverständlich, dass die Reden und Erklärungen der Notenbanker so ein Tamtam auslösen. Und ohne ihre Heldentaten während der Finanzkrise zu vergessen: Im Gefolge der Krise haben sich viele Notenbanker als viel zu unflexibel erwiesen und sich zu viele Sorgen um die Überschreitung ihrer Inflationsziele und zu wenige um eine Deflationsdynamik gemacht. Zudem tragen die Notenbanker vor allem wegen ihrer laschen Regulierungspolitik eine Mitschuld daran, dass es überhaupt zu der Krise gekommen ist.

Ist Greenspan schuld?

Viele Notenbanker stellen den früheren Chairman des US Federal Reserve, Alan Greenspan (der von August 1987 bis Januar 2006 im Amt war), als Schuldigen hin. Sie sagen, er habe ein Bild notenbankerischer Allmacht projiziert, das weder theoretisch noch praktisch gerechtfertigt gewesen sei. Aber diese Kritik ist überzogen: Greenspan ist lange weg, doch der Fokus auf die Verkündigungen der Notenbanken ist ausgeprägter denn je.

Was also ist da los? Ich würde argumentieren, dass neben allen oben aufgeführten Faktoren drei weitere Gesichtspunkte zu beachten sind. Zunächst einmal macht die öffentliche Wahrnehmung der Notenbanker als allwissend sie zu nützlichen Prügelknaben für die Politik. Zudem hat die digitale Revolution in den Medien die Bedeutung  der Wirtschaftsnachrichten gestärkt, die in vielen Ländern einer der wenigen Bereiche sind, wo sich im Print- und im Rundfunkjournalismus noch Geld verdienen lässt. Die Verkündigungen der Notenbanker sind für Geschäftsleute interessant – besonders im Finanzsektor –, und Geschäftsleute sind für die Werbung interessant.

Und schliesslich ist da die – vielleicht am meisten unterschätzte – Tatsache, dass Ankündigungen der Notenbankpolitik in fast einzigartiger Weise klare und vorhersehbare Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben, zumindest sehr kurzfristig (manchmal nur für einen Tag oder weniger). Wenn die Vertreter des Fed die Märkte überraschen, indem sie «aggressivere» (ihre Neigung zur Erhöhung der Leitzinsen andeutende) Erklärungen abgeben als von den Anlegern erwartet, wertet sich der Dollar normalerweise auf; die langfristigen Dollarzinsen steigen dann gewöhnlich, und der Aktienmarkt gibt in der Regel nach.

Marktteilnehmer lauern auf Wetten

Es stimmt schon, dass diese Auswirkungen gering und vorübergehender Art sein mögen. Doch anders als die meisten der unzähligen makroökonomischen Informationen, mit denen wir täglich bombardiert werden, haben die Reden und Meinungsäusserungen der Notenbanker vergleichsweise vorhersehbare Auswirkungen, besonders wenn der Chairman, Präsident oder Gouverneur sich zu Wort meldet oder wenn andere Bankvertreter koordinierte Äusserungen abgeben. Und angesichts der Billionen Dollar, die an den globalen Finanzmärkten herumwirbeln, schafft diese Vorhersehbarkeit ein fettes Ziel; die Anleger sind bereit, enorme Summen zu wetten, wenn sie sich ihrer Sache relativ sicher sind, selbst wenn der Gewinn pro Dollar klein ist.

Wer denkt, ich übertreibe, sollte an die Berichterstattung zu anderen Wirtschaftsnachrichten denken – etwa zur Arbeitslosigkeit, zum BIP oder zur Handelsbilanz. Bei nahezu jeder Meldung verlagert sich der Fokus rasch auf die Bedeutung der jeweiligen Daten für die Geldpolitik.

Einige Wirtschaftsindikatoren, wie Daten zur Arbeitslosenrate oder zur Inflationsentwicklung, sind für die Notenbanken tatsächlich unmittelbar von Bedeutung, weil sie ihren Auftrag direkt betreffen und daher relativ vorhersehbare Auswirkungen haben. Aber eine Menge Informationen sind einfach nur Störsignale. Dies verleiht politischen Stellungnahmen direkt aus der Quelle einen fast einzigartigen Wert.

Politiker brauchen Prügelknaben

Kurz gesagt: Es gibt viele gute Gründe, warum die Notenbanker so sehr im Fokus der Medien stehen, darunter ihre verhältnismässige Unabhängigkeit und allgemein solide Leistung. Aber es gibt auch andere Gründe, die damit zu tun haben, dass Politiker Sündenböcke brauchen, die Medien sich schwertun, sich im Internetzeitalter neu zu erfinden, und die Verkündigungen der Notenbanker vorhersehbare Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben. Diese zusätzlichen Faktoren erzeugen gemeinsam um die Notenbankverkündungen und -entscheidungen herum eine Blase, die deren wirtschaftliche Bedeutung gröblich übertreibt.

Sollten sich die Notenbanker über diese Blase Sorgen machen? Eindeutig ja. Die Nachrichtenblase ist deshalb besonders besorgniserregend, weil sie die Vorstellung verstärkt, dass die Notenbanker den Finanzmärkten unverhältnismässiges Interesse schenken – was im Allgemeinen nicht der Fall ist.

Die meisten Notenbanker verfolgen in Wirklichkeit Wachstums-, Inflations- und Finanzstabilitätsziele (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge). Die politische Blase ist ein unvermeidliches Produkt der Unabhängigkeit von Notenbanken, und zu verhindern, dass die Geldpolitik ins Visier gewählter Mandatsträger gerät, erfordert ständige Anstrengungen. Die Vorhersehbarkeitsblase ist vielleicht am schwierigsten zu bewältigen, obwohl mir mein Instinkt sagt, dass hier weniger möglicherweise mehr wäre. Bedeutungsübersteigerung ist eine Art von Blase, deren Platzen Notenbanker immer anstreben sollten.

Copyright: Project Syndicate.

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