Märkte / Makro

«Notleidende Kredite nehmen markant zu»

Michel Löwy, Chef der Nischen-Investmentbank SC Lowy, sieht trotz der Finanzprobleme im Rohstoffsektor keine Bankenkrise aufziehen.

Dieser Tage klopfen im Herzen des Hongkonger Finanzdistrikts mehr arbeitssuchende Banker an die Tür von SC Lowy als noch vor zwei Jahren. Das hat seine Gründe: Zum einen befindet sich die ganze Finanzindustrie im Wandel. Viele traditionelle Banken ziehen sich auf Druck der Regulatoren aus besonders risikoreich erachteten Bereichen des Investment Banking zurück. Das schafft Nischen, in die jetzt risikobereitere neue Finanzdienstleister vordringen. Vor allem aber stossen in Zeiten eines sich verlangsamenden Wirtschaftswachstums die Dienstleistungen von Boutique-Investmentbanken wie SC Lowy, die auf die Neuemission und den Handel von Risikoanleihen sowie die Restrukturierung von Krediten und Anleihen spezialisiert sind, auf eine wachsende Nachfrage.

«Die Zahl der bei uns eingegangenen Stellenbewerbungen hat seit 2014 um ein Mehrfaches zugenommen», sagt der belgische Staatsbürger Michel Löwy, der vor acht Jahren zusammen mit dem Koreaner Soo Cheon Lee die Boutiqe-Investmentbank gegründet hat. Obwohl SC Lowy mittlerweile auch in der Neuemission von Anleihen und verbrieften Krediten tätig ist, bleibt der Handel mit notleidenden Krediten und High-Yield-Anleihen bis heute das Kerngeschäft.

Gründe für den Boom

Für Löwy, der vor seinem Schritt in die Eigenständigkeit bei der Deutschen Bank in leitender Stellung im Bereich notleidende Kredite (Distressed Debt) tätig war, ist heute die Region ein besonders interessanter Wachstumsmarkt. Dafür macht Löwy gleich drei Gründe aus: die nachlassende Wirtschaftsdynamik in Asien, die Zinswende in den USA und der beschleunigte Strukturwandel, dem insbesondere der Rohstoff- und der Schifffahrtssektor unterliegen.

Unternehmen, die in den Boomjahren zu viele Schulden auf sich geladen und zu grosse Kapazitäten aufgebaut haben, sind nun gezwungen, über die Bücher zu gehen. Dasselbe trifft auch auf Banken zu, die als Folge des jahrelangen atemlosen Wachstums mittlerweile zu viele Problemkredite in ihren Bilanzen führen.

Löwy, der Mitte der Neunzigerjahre, also auf dem Höhepunkt der asiatischen Finanzkrise, nach Asien kam, sieht darin eine normale zyklische Erscheinung. Für seine Branche warte um die nächste Ecke immer wieder eine Gelegenheit, wie das in den vergangenen zwanzig Jahren die Krisen in Asien, Russland, Mexiko oder auch das Platzen der Dotcom- und der Immobilienblase in den USA gezeigt haben. Doch die Dienstleistungen von Bad-Debt-Spezialisten sind darüber hinaus gerade in Asien auch wegen der derzeitigen tiefgreifenden strukturellen Veränderungen gefragt.

Credit Suisse exponiert?

Er nennt dabei Kohle (ATW 336.00 +1.20%), der ein ähnlicher Niedergang blüht wie vor einigen Jahren den Gelben Seiten, die durch die Onlinesuchmaschinen ersetzt worden sind. «Die Kohleproduktion wird sich kurz- und mittelfristig im besten Fall stabilisieren, aber in zwanzig oder dreissig Jahren wird es keine neuen Kohlekraftwerke mehr geben», sagt Löwy voraus. «Dies vor allem auch, weil es für diese Industrie zunehmend schwierig wird, Zugang zu Krediten zu erhalten.» Als Beispiel nennt er etwa den amerikanischen Kohleproduzenten Peabody Energy. In Asien haben insbesondere die indonesischen Rohstoffkonzerne wie Bumi Resources oder Kaltim Prima Coal Finanzierungsprobleme.

SC Lowy, das in Asien im Handel mit deutlich unter ihrem Nennwert notierenden Krediten nach eigenen Angaben einen Anteil von rund 30 hat, sieht also neben dem Immobiliensektor insbesondere auch in der Kohleindustrie einen deutlichen Anstieg von notleidenden Anleihen und Krediten. Allein die besonders stark auf asiatische Schwellenländer ausgerichtete britische Grossbank Standard Chartered will nach eigenen Angaben in den kommenden Monaten solche risikoreichen Aktiva im Wert von 4,4 Mrd. $ veräussern. Besonders stark exponiert sei dem Vernehmen nach auch die Credit Suisse.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch am Personalbestand von SC Lowy, der sich innerhalb von sechs Jahren von fünfzehn auf mittlerweile beinahe fünfzig mehr als verdreifacht hat. Allerdings sieht Löwy trotz den Finanzproblemen der Rohstoffkonzerne keine ausgewachsene Bankenkrise aufziehen. Dazu seien die Kreditportfolios der systemrelevanten Geldhäuser zu diversifiziert. Höher schätzt er allerdings das Risikoprofil von Ländern wie Indonesien ein, die in hohem Masse von Rohstoffexporten abhängig sind und die mit chronischen Zahlungsbilanzdefiziten zu kämpfen haben.

Die Kerntätigkeit von SC Lowy wird auf der eigenen Webseite als «Strategic Investment» beschrieben. Das klingt besser als Geierfonds, wie Anleger, die in notleidende Kredite oder Anleihen investieren, oft auch genannt werden. Löwy wehrt sich gegen diesen saloppen Ausdruck. «Wir sind auf risikoreiche Anlagen konzentriert und tragen dazu bei, dass mit Finanzproblemen kämpfende Unternehmen durch die Restrukturierung ihrer Schulden überleben können», beschreibt er seine Tätigkeit. Weil damit insbesondere auch notleidende Kredite und Anleihen aus den Bilanzen der Banken genommen würden, spiele seine Branche eine wertvolle volkswirtschaftliche Rolle.

Nichts für Privatinvestoren

Dem Risiko dieser Anlageklasse entsprechend sind denn auch die Erträge. Löwy spricht von einem Ertragspotenzial von über 10 bis teilweise 25. Das ist auch der Grund dafür, warum nicht mit Fremdkapital in solche Produkte investiert wird. Die Gefahr von Verlusten oder sogar Totalausfällen könne allerdings durch eine richtige Lageeinschätzung auf ein berechenbares Risiko reduziert werden. Mehrwert wird dabei durch eingehende Recherchen geschaffen, meint der Investmentbanker.

Es sind denn auch keine Kleininvestoren, sondern Hedge Funds oder auch Family Offices, die in High-Yield-Produkte investieren. «Retail-Investoren rate ich von dieser Anlageklasse ab. Das ist ein Produkt für institutionelle Investoren, die das Risiko richtig einschätzen und die Papiere auch langfristig halten können», gibt Löwy zu bedenken.