Unternehmen / Gesundheit

Novartis stärkt Know-how in der Gentherapie

Analyse | Der Pharmakonzern will für 8,7 Mrd. $ die auf Gentherapien spezialisierte US-Gesellschaft AveXis kaufen. Die Übernahme passt zu seiner Strategie.

Novartis (NOVN 82.09 -0.51%) schlägt auf dem Markt für Übernahmeobjekte zu. Der Pharmakonzern will für 8,7 Mrd. $ das US-Biotechnologieunternehmen AveXis kaufen. Der Kaufpreis umfasst eine Kontrollprämie von rund 90% gegenüber dem Aktienkurs vom Freitag.

«Mit dieser Transaktion generieren wir für den Aktionär Wert», versicherte CEO Vas Narasimhan an der Telefonkonferenz zu AveXis heute Montag. AveXis soll also mittel- bis langfristig eine Rendite erzielen, die über derjenigen des Marktes liegt. Ob das gelingt, lässt sich aus heutiger Sicht nicht beantworten. Zu viele Unbekannte sind noch offen.

Zulassungsantrag in der zweiten Jahreshälfte

AveXis ist auf Gentherapien spezialisiert. Noch hat sie keine zugelassenen Produkte auf dem Markt. Bei dem am weitesten fortgeschrittenen Präparat AVXS-101 steht sie in den USA jedoch bei einem ersten Typ von Spinaler Muskelatrophie (SMA) kurz vor dem ersten Zulassungsantrag.

Eine Vorbesprechung mit der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA für AVXS-101 in dieser Indikation ist noch für dieses Quartal geplant. Der Antrag soll dann in der zweiten Jahreshälfte eingereicht werden. Weitere Studien für zusätzliche Kategorien von SMA sind am Laufen. Laut CEO Narasimhan hat AVXS-101 zu Spitzenzeiten ein Umsatzpotenzial von mehreren Milliarden Dollar.

Konkurrenz von Biogen (BIIB 221.04 +1.59%)

SMA ist eine seltene Kinderkrankheit. Sie führt bei den Betroffenen entweder zu lebenslanger Behinderung oder gar zum Tod. Bei den Krankheitstypen, auf die Novartis mit AVXS-101 erst einmal abzielt, warten in der westlichen Welt rund 23’500 Patienten auf neue krankheitsmodifizierende Medikamente. AVXS-101 wirkt dauerhaft und wird einmalig verabreicht.

Allerdings ist das Gebiet umkämpft. Der US-Biotech-Riese Biogen hat zusammen mit dem Biotech-Start-up Ionis Pharmaceuticals bereits seit mehr als einem Jahr ein zugelassenes, ähnlich wirkendes neues Präparat gegen SMA auf dem Markt. 2017 erzielte er damit einen Umsatz von 883 Mio. $. Davon entfielen 657 Mio. $ auf die USA.

Teil der Kontrollprämie gebührt der Technologie

Das Potenzial von AveXis beruht jedoch nicht nur auf AVXS-101 bzw. auf der Krankheit SMA. Die Gesellschaft verfügt über führendes Know-how auf dem Gebiet der Gentherapie in Kombination mit einem speziellen Virus (adeno-assoziertes Virus 9) als Träger von Genmaterial.

Der Vorteil dieses Virus liegt in seiner beschränkter Replikation im Körper, was die Risiken im Einsatz für Gentherapien senkt. Ausserdem durchbricht es die Blut-Hirn-Schranke, was bei der Entwicklung von neurologischen Medikamenten sonst immer wieder ein Hindernis darstellt. Das Know-how von AveXis lässt sich für diverse andere Krankheiten in der Neuro-, der Ophthalmologie und möglicherweise sogar bei Krebs anwenden – alles Bereiche, in denen Novartis bereits etabliert ist.

Novartis selbst ist ebenfalls kein Laie in der Gentherapie. Mit CAR-T gegen Leukämie verfügt sie bereits über führendes Wissen auf dem Gebiet. Hinzu kommt, dass sie das Augenheilmittel Luxturna der US-Biotech-Gesellschaft Spark Therapeutics einlizenziert hat, dass ebenfalls auf gentherapeutischen Ansätzen entwickelt wurde.

Lückenbüsser für Gilenya und Afinitor

2018 und 2019 wird die Transaktion wegen der hohen Startinvestitionen in die Forschung und Entwicklung der weiteren Pipeline den Gewinn je Aktie schmälern. Ab 2020 soll sie  gewinnverdichtend sein. Novartis rechnet dann «mit einem starken Beitrag» von AveXis.

Der Zeitpunkt kommt Novartis gelegen. Durch AveXis schliessen die Basler einen Teil der Lücke im Umsatz, die der Ablauf des Patents der Multiple-Sklerose-Therapie Gilenya und des Krebsmedikaments Afinitor ab 2019 verursachen wird. Gilenya erzielte 2017 einen Erlös von 3,2 Mrd. $. Bei Afinitor lag er bei 1,5 Mrd. $.

OTC-Geschäft gegen AveXis ist eine sinnvolle Rochade

Das Geld für AveXis hat sich Novartis jüngst aus dem Verkauf des Geschäfts mit rezeptfreien Medikamenten (OTC) beschafft. Es wurde für 13 Mrd. $ an den britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GlaxoSmithKline 17.49 -0.10%) veräussert.

Die Rochade ist sinnvoll. Novartis tauscht so ein mittel- gegen ein potenziell hochrentables Geschäft, das überdies besser in die Strategie eines innovativen Pharmakonzerns passt. Gentherapie ist eine der Technologien, von denen sich Ärzte und Wissenschaftler für die nächsten Jahre Meilensteine in der Behandlung diverser Krankheiten versprechen.

Auch die Marktteilnehmer geben Novartis für die Akquisition von AveXis gute Noten. «Ausdruckstarker Deal für eine aufstrebende Technologie», schreibt beispielsweise Deutsche-Bank-Analys Tim Race. «Wir sind von der Akquisition überzeugt», ergänzt ZKB-Analyst Michael Nawrath.

Novartis wandelt sich somit immer mehr zu einem Arzneimittelhersteller mit exklusivem Fokus auf krankheitsmodifizierende Medikamente. Einheiten, wie das OTC-Geschäft oder die Augenheilsparte Alcon (ALC 67.88 +0.18%), die nicht mehr zum Kerngeschäft gehören, wurden veräussert oder sollen abgestossen werden. Dadurch lassen sich die Kapazitäten effizienter einsetzen, was letztlich zu einer höheren Rendite auf das investierte Kapital führen sollte. Die Aktien bleiben deshalb kaufenswert. Das hohe Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 für 2018 ist angesichts der Perspektiven gerechtfertigt.

Die komplette Historie zu Novartis finden Sie hier. »