Unternehmen / Gesundheit

Novartis will Sandoz umkrempeln

Analyse | Der Pharmakonzern schliesst 2018 mit soliden Zahlen ab. Die Generikasparte Sandoz steht aber unter Druck.

Novartis-CEO Vasant «Vas» Narasimhan zeigte sich am Mittwochmorgen auf dem Novartis Campus in Basel erfreut über ein solides Ergebnis in einem «wahrlich transformativen» 2018. Erstmals nach mehreren Jahren stagnierender oder gar leicht rückläufiger Zahlen konnte der indischstämmige US-Amerikaner, der vor ziemlich genau einem Jahr das Ruder übernommen hat, ein ansehnliches Umsatzwachstum von 5% präsentieren. Die Einnahmen erreichten 51,9 Mrd. $. Das operative Kernergebnis stieg überproportional 8% auf 13,8 Mrd. $.

Der Verkauf des 36,5%-Anteils am gemeinsam mit GlaxoSmithKline betriebenen Consumer-Health-Geschäft brachte einen Nettogewinn von 5,7 Mrd. $ ein und liess den Novartis-Gesamtgewinn 64% auf 12,6 Mrd. $ hochschnellen. Der Gewinn pro Aktie klettert analog (+66%) von 3.28 auf 5.44 $.

Dividende stetig steigern

Die FuW hatte angesichts des absehbaren Gewinnsprungs mit einer deutlichen Erhöhung der Dividende von 2.80 Fr. auf 3 Fr. gerechnet. Novartis will der Generalversammlung am 28. Februar aber eine Ausschüttung von nur 2.85 Fr. vorschlagen. Finanzchef Harry Kirsch begründet das an der Bilanzmedienkonferenz mit Kontinuität: Die Dividende sei auch bei rückläufigem Gewinn stets erhöht worden.

Zudem plant Novartis, auch im kommenden Jahr die Dividende zu steigern. Dann muss der Pharmakonzern die Ausschüttung aber ohne die Augenheilsparte Alcon stemmen. Diese hat im letzten Jahr 14% zum Gesamtumsatz und 9,3% zum operativen Kernergebnis beigesteuert.

Das Spin-Off von Alcon ist auf Kurs, angepeilt ist ein Börsengang im April. Ein genaues Datum wurde nicht genannt, das Management macht Unwägbarkeiten wie US-Shutdown und Brexit dafür verantwortlich. Für fünf Novartis-Aktien sollen die Anleger eine Alcon-Aktie erhalten, in der Schweiz und den USA steuerfrei. Die Augenheilsparte hat mit einem Umsatzwachstum von 5% (kWk) ansprechende Jahreszahlen geliefert, auch wenn sich das Wachstum im letzten Quartal auf 4% leicht abgeschwächt hat.

Sandoz weiter verschlanken

Die Generika-Sparte Sandoz könnte hingegen zur neuen Grossbaustelle des Konzerns werden. Der im letzten Jahr angekündigte Verkauf der oral verabreichbaren Produkte in den USA an die indische Aurobindo ist voraussichtlich nicht die letzte Massnahme, um das Geschäft profitabler zu machen.

Im Geschäftsbericht heisst es dazu, Sandoz habe eine Transformation eingeleitet. Spartenchef Richard Francis bestätigte, man analysiere, welche Bereiche und vor allem welche geographischen Regionen noch ins Portefeuille passten. Mit weiteren Devestitionen der Sparte ist zu rechnen.

Der Umsatz von Sandoz nahm im vergangenen Jahr 3% (kWk) auf 9,9 Mrd. $ ab. Eine Volumenausweitung konnte den Preiszerfall von 8% ein wenig abfedern. Die Biosimilars – komplexe Nachahmungen von Blockbustern, die den Patentschutz verlieren – wuchsen zwar 24%, sind mit einem Umsatz von 1,4 Mrd. $ aber noch zu klein, um das Ruder für die ganze Sandoz herumzureissen.

Neben diesem eher negativen Befund stechen mehrere Punkte positiv aus dem Jahresbericht hervor. So ist der freie Cashflow, auf den Novartis ein besonderes Augenmerk legt, 12% auf hohe 11,7 Mrd. $ geklettert. Die operative Kerngewinnmarge hat sich in Richtung der mittelfristig angepeilten 35% bewegt, wegen negativer Währungseffekte (stärkerer Dollar, schwache Valuta in Entwicklungsländern) allerdings nur 0,4 Prozentpunkte auf 26,6% des Nettoumsatzes. Mit konstanten Kursen wäre die Marge 1,2 Prozentpunkte gestiegen. In der Sparte Innovative Medicines betrug die Kerngewinnmarge 2018 bereits 32%. Bremsend wirken Alcon mit 17,9% und Sandoz mit 20,3%.

Medikament Cosentyx macht Freude

Wenn man eine positive Überraschung ausmachen wollte, dann wären es wohl die Verkäufe von Cosentyx. Mehrere Beobachter befürchten, der Höhenflug des Mittels gegen Schuppenflechte könnte schon bald enden. Es muss sich gegen mehrere Mitbewerber behaupten, und eine Studie hat erst kürzlich Tremfya von Johnson & Johnson eine etwas bessere Wirksamkeit attestiert.  Dennoch kletterte der Consentyx-Umsatz auch im vierten Quartal 33% auf 806 Mio. $. Im Gesamtjahr erreichte er 2,8 Mrd. $ und war das umsatzmässig zweitwichtigste Medikament hinter Gilenya, das bei multipler Sklerose eingesetzt wird.

Auch bei diesem in die Jahre gekommenen Blockbuster, der nur noch wenig wächst (im vierten Quartal waren es in Dollar nur noch 1%), gibt es aus Sicht von Novartis eine positive Nachricht. Das Management rechnet für 2019 nicht mit dem Markteintritt eines Biosimilars. Die Geschäftsleitung will die Patentansprüche vehement verteidigen und gab bekannt, dass nicht weniger als dreiundzwanzig Unternehmen in den Startlöchern stehen, um einen Nachahmer auf den Markt zu bringen. Novartis hat zahlreiche Klagen eingereicht.

Ein weiterer Umsatztreiber in der Pharmasparte war erneut Entresto, das bei Herzfehlern angewandt wird. Es erreichte dank einer Verdoppelung des Umsatzes Blockbusterstatus (Verkäufe von mehr als 1 Mrd. $). Diesen erreichten drei weitere Medikamente von Novartis.

Der Konzern muss dennoch Umsatzeinbussen älterer Produkte sowie Preisdruck verkraften, insbesondere auf dem US-Markt und nicht nur bei Sandoz. Auch die Division der innovativen, verschreibungspflichtigen Medikamente kostete die Generikakonkurrenz 2% des Umsatzes, der Preisverfall drückte diesen 1%. Das ansprechende Umsatzwachstum von 8% war einzig von einer Mengenausweitung um 11% getragen.

Zehn potenzielle Blockbuster

CEO Narasimhan zeigte sich zuversichtlich, dass es dem Unternehmen auch künftig gelingen wird, Umsatzeinbussen durch das Wachstum neuer Produkte wettzumachen. In diesem und im nächsten Jahr will Novartis zehn neue Produkte auf den Markt bringen, von denen die Geschäftsleitung ein Spitzenumsatzpotential von 1 Mrd. $ und mehr erwartet.

Für 2019 gibt der CEO Ziele für die neue, um Alcon und die verkauften Generika bereinigte Novartis vor: Der Umsatz soll auf Basis konstanter Wechselkurse im mittleren einstelligen Prozentbereich wachsen, das operative Kernergebnis im mittleren bis hohen einstelligen Bereich.

Im Zentrum des Interesses an der Bilanzmedienkonferenz standen die neu erworbenen Produkte der Spitzenmedizin, insbesondere Zolgensma (zuvor AVXS-101), eine Genersatztherapie gegen den vererbbaren, tödlichen Muskelschwund SMA vom schwerwiegendsten Typ I. Die US-Zulassung wird für diesen Frühling erwartet.

Breite Produktpalette

Die grössten Risiken für Novartis dürften in Rückschlägen und Verzögerungen in der Ausweitung und Weiterentwicklung der Gen-, Zell- und Nuklearmedizin lauern. Kurz- und mittelfristig ist hier nicht mit grossen Gewinnen, sondern grossen Investitionen zu rechnen (siehe Box).

Der Konzern fokussiert sich auf Spitzenmedizin, ist innerhalb der Pharma mit mehreren Behandlungsbereichen aber breit aufgestellt. Kein einzelnes Produkt erzielt deutlich mehr als 3 Mrd. $ Umsatz. Die neusten Behandlungsmethoden brauchen zwar noch viele Jahre, bis sie zu einer bedeutenden Ertragssäule werden. Novartis könnte damit jedoch den Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft in Händen halten.

Die Aktien bleiben für längerfristig orientierte Anleger deshalb ein Kauf. Dafür spricht auch die seit 1996 ununterbrochene Steigerung der Dividende. Die Aktien rentieren aktuell mehr als 3%. Aufgrund der hohen Kosten, die die Weiterentwicklung der neuartigen Behandlungsmethoden verursachen wird, sowie allfälligen Restrukturierungskosten von Sandoz ist es aber unwahrscheinlich, dass Novartis in den nächsten ein, zwei Jahren deutlich positiv überraschen wird.

Die komplette Historie zu Novartis  finden Sie hier. »

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Leser-Kommentare

Andreas Ochsenbein 30.01.2019 - 11:15

Bei den Dividenden pro 2018 hat sich FuW ziemlich krass verschätzt. Im “Aktienführer” hiess es noch vor einer Stunde, es sei mit einer Dividende von Fr. 3 zu rechnen. Warum eine so grosse Abweichung?