Unternehmen / Gesundheit

Novartis und Amgen erklären ihren Streit

Richter müssen über die Partnerschaft für das neue Migränemittel Aimovig entscheiden. Amgen wirft Novartis Vertragsbruch vor. Diese wehrt sich.

(AWP/GAH/RB) Novartis (NOVN 79.81 2.43%) steht in einem weiteren Rechtsstreit mit Amgen (AMGN 179.76 1.93%). Im Fokus steht eine Kooperationsvereinbarung in der Migränetherapie. Wie der Basler Pharmakonzern am späten Donnerstagabend mitteilte, hat Amgen am 2. April einen Vertrag mit Novartis wegen einer angeblich wesentlichen Verletzung aufgekündigt. Novartis ficht das an und hat Klage eingereicht, um Amgen von einer Beendigung der Vereinbarungen abzuhalten. Die Kooperation bleibt in Kraft, bis ein endgültiger Gerichtsentscheid erlassen wird.

Gemäss den Vorwürfen soll Novartis’ Einheit Sandoz unerlaubterweise mit der in Konkurrenz zum Migräneprodukt stehenden US-Gesellschaft Alder Biopharmaceuticals, noch während der Entwicklungsphase von Aimovig, einen Kontrakt geschlossen haben, bei dem es um die Herstellung und die spätere Vermarktung dieses Migräneprodukts gehe.

Novartis bestreitet Vorwürfe

Novartis bestreitet die Verletzung der Vereinbarung «energisch». Um den «ungerechtfertigten Versuch» von Amgen zur Beendigung der Zusammenarbeit zu verhindern, habe man eine Klage eingereicht. Darin werde das Gericht aufgefordert zu bestätigen, dass Amgen kein Recht auf die Kündigung der Verträge habe. Sie blieben in Kraft, solange keine endgültige und verbindliche Gerichtsentscheidung diesbezüglich vorliege, wie Novartis und Amgen bestätigen.

Novartis habe einen einzigartigen und etablierten neurowissenschaftlichen Ansatz und Know-how in die Zusammenarbeit eingebracht und erhebliche finanzielle Investitionen im Umfang von 870 Mio. $ in die Entwicklung und die weltweite Vermarktung von Aimovig geleistet. «Novartis hält die Kündigung für ungerechtfertigt und ohne rechtlichen Grund», so der Konzern.

Laut Michael Nawrath, Analyst der Zürcher Kantonalbank, bleibt im Verborgenen, warum sich diese beiden Pharmaunternehmen nun in zwei Fällen bekämpfen, in denen es um Milliardenumsatz geht. Sandoz befindet sich bereits in einem Rechtsstreit mit Amgen um ein Biosimilar zu deren Rheumaprodukt Enbrel mit einem Umsatz von 8 Mrd. $. Die Produkte von Alder und von Novartis/Amgen seien sehr ähnlich, weswegen ZKB keinen Sinn in der Novartis vorgeworfenen Doppelstrategie sehe.

Novartis bestätigt der «Finanz und Wirtschaft» aber, dass der Streit darauf zurückzuführen sei, «dass Sandoz eine pharmazeutische Substanz für die klinische und kommerzielle Versorgung mit dem in der Entwicklung befindlichen Anti-CGRP-Wirkstoff ALD403 zur Migräneprophylaxe produziert». Sandoz habe den entsprechenden Vertrag mittlerweile angepasst, um aus der Herstellung für Biopharmaceuticals von Alder «über die Zeit» aussteigen zu können. Gegenüber Reuters hatte Novartis angegeben, Alder noch bis 2023 zu beliefern.

Amgen detailliert Vorwürfe

Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert den CEO des US-Unternehmens Alder, Robert Azelby, mit den Worten: «Sandoz ist eine separate Einheit, die Produktionsaufträge für viele Unternehmen ausführt, die mit Amgen und vielen anderen in Konkurrenz stehen.»

Für Amgen geht die Kooperation aber über die reine Produktion einer Substanz hinaus. Auf Anfrage der «Finanz und Wirtschaft» erklärt das Unternehmen, Sandoz habe sich in dem Vertrag mit Alder auch verpflichtet, «andere damit verbundene Dienstleistungen für die Einreichung von BLA bei der FDA zu erbringen, einschliesslich der Charakterisierung und Validierung von Herstellungsprozessen». Ein BLA (Biologics Licence Application) ist ein Antrag bei der US-Gesundheitsbehörde FDA, um einen biologischen Wirkstoff kommerzialisieren zu dürfen.

Amgen habe Novartis gebeten, die «Vereinbarungsverletzung» zu beheben. Novartis habe sich «geweigert», dies zu tun, und stattdessen eine zusätzliche Vereinbarung mit Alder geschlossen, in der sie sich verpflichte, das Konkurrenzprodukt weiter herzustellen. «Infolgedessen haben wir Novartis über unsere Absicht informiert, den Rechtsweg einzuschlagen. Amgen versucht, die Kooperationsvereinbarungen mit Novartis zu beenden und Schadenersatz zu erhalten», teilt die Amgen-Sprecherin mit.

Sie unterstreicht, man werde die nötigen Schritte unternehmen, damit der Zugang der Patienten zu Aimovig in keiner Weise beeinträchtigt wird. Auch Novartis habe angekündigt, ihr «Engagement für die Patienten» beizubehalten.

Zulassung in den USA und der EU

Aimovig hat im vergangenen Jahr die behördlichen Zulassungen unter anderem in den USA und in der Europäischen Union (EU) erhalten. Das Mittel ist ein monoklonaler Antikörper, der den CGRP-Rezeptor hemmt – einen Rezeptor, der mit dem Schmerz in Zusammenhang mit Migränen verbunden ist.

Seit einer Transaktion im Jahr 2015 verfügt Novartis über die Vermarktungsrechte in Gebieten ausserhalb der USA, ausser Japan, wo Amgen die Rechte behält. Novartis verbucht Umsatz in diesen Gebieten und bezahlt Lizenzgebühren an das US-Unternehmen. Im Jahr 2017 wurde diese Vereinbarung erweitert, um auch die USA abzudecken, wo Aimovig gemeinsam von Novartis und Amgen vermarktet wird. Die Amerikaner verbuchen den Umsatz in den USA und bezahlen wiederum Lizenzgebühren an Novartis.

Die komplette Historie zu Novartis  finden Sie hier. »

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