Märkte / Emerging Markets

Ein leichter Dämpfer für die Weltkonjunktur

Chinas Einkaufsmanagerindizes sind auf den tiefsten Stand seit Beginn der Pandemie gefallen. Doch im Rest der Welt kühlt sich das Wachstum nur wenig ab.

Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine versuchen Ökonomen abzuschätzen, wie stark dadurch auch die Weltwirtschaft zurückgeworfen wird. Unterdessen sind mit den Lockdownmassnahmen in China die Abwärtsrisiken für die Konjunktur noch grösser geworden, und sie schlagen sich auch in den Frühindikatoren wie dem Einkaufsmanagerindex (Purchasing Managers Index, PMI) für die Industrie nieder.

Doch während die Industriebarometer im Reich der Mitte deutlich unter die Wachstumsgrenze gefallen sind, werfen hohe Preise, Lieferkettenprobleme und kriegsbedingte Unsicherheiten die Unternehmen im Westen nicht aus der Bahn. In den USA ist der vom Institute for Supply Management (ISM) erhobene PMI Manufacturing im April zwar 1,7 Punkte auf 55,4 gesunken, doch damit registriert der PMI immer noch ein zügiges Wachstum im verarbeitenden Gewerbe.

Der Wind hat gedreht

Denn der PMI ist so konstruiert, dass Werte über 50 eine Zunahme der Geschäftsaktivität zum Vormonat signalisieren, Werte darunter einen Rückgang. Eine gesamtwirtschaftliche Rezession tritt in der Regel erst ein, wenn der Index auf 45 oder noch tiefer fällt.

Die Entwicklung in den USA steht exemplarisch für die anderen Industrieländer. Im benachbarten Kanada etwa ist der Industrie-PMI vom Rekordhoch im März auf 56,2 im April gesunken, in der Eurozone notiert der Index nach einem Rückgang um 1 Punkt auf 55,5.

Absolut sind das nach wie vor sehr gute Werte. Der Trend aber geht nach unten. So markieren die 55,5 in der Währungsunion das schwächste Wachstum seit über einem Jahr. In Deutschland ist der Index auf einem Zwanzigmonatetief. Ausserdem verzerren die hohen Preise den Gesamtindex nach oben.

Die meisten befragten Unternehmen haben wegen der steigenden Kosten die Preise erhöht, was sich im rekordhohen Indexstand bei den Verkaufspreisen spiegelt. Ansonsten sieht es unter der Oberfläche schlechter aus: Der Subindex der Produktion ist sogar auf den tiefsten Stand seit Juni 2020 gefallen, und bedeutet, dass der Output mehr oder weniger stagniert. Der Auftragszuwachs hat sich im Jahresverlauf ebenfalls markant abgeschwächt.

«Kurzum, der Eurozone-Industrie stehen schwere Zeiten bevor, mit sinkender Produktion und steigenden Preisen», kommentiert Chris Williamson, Chefökonom von S&P Global, wie der Datendienstleister nach der Fusion von IHS Markit und S&P Global nun genannt wird.

Schweizer Industrie trotzt dem Sturm

Davon ist die Schweizer Industrie noch weit entfernt. Zwar ist der vom Branchenverband Procure.ch und von der Credit Suisse (CSGN 6.58 +0.83%) erhobene PMI auch hierzulande 1,5 Punkte gesunken. Mit 62,5 Punkten bleibt der Schweizer PMI jedoch mit Abstand an der weltweiten Spitze, was für eine besonders grosse Resistenz der hiesigen Industrie spricht.


Die Einschätzung der CS-Ökonomen klingt dann auch ganz anders als bei den Kollegen von S&P Global zur Eurozone: «Der hohe Auftragsbestand sowie die solide Arbeitsmarktlage vermitteln Zuversicht hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung.»

Eine grosse Unbekannte ist, wie lange es dauert, bis die Schwäche der chinesischen Wirtschaft auf den Rest der Welt überschwappt. Denn dort hinterlässt die Null-Covid-Strategie tiefe Spuren in der Konjunktur.

Der offizielle chinesische Einkaufsmanagerindex ist im April von 49,5 auf 47,4 gefallen, den tiefsten Stand seit Februar 2020. Auch der vom Medienkonzern Caixin erhobene chinesische Industrie-PMI ist eingebrochen, von 48,1 im März auf 46 im April. Der Caixin-PMI reflektiert stärker als der offizielle Index die Stimmung unter kleineren Unternehmen im Privatsektor.

Wegen steigender Covid-19-Infektionszahlen befinden sich viele Städte und Regionen im Lockdown, wodurch zahlreiche Unternehmen nur noch eingeschränkt produzieren können.

Gemäss offiziellen Schätzungen ist Chinas Wirtschaft im ersten Quartal zum Vorjahr noch 4,8% gewachsen. Doch sowohl die jüngste Abwertung der Landeswährung Yuan als auch die Reaktion der Regierung machen deutlich, dass die Sorgen um die chinesische Konjunktur zugenommen haben.

Eine Abkehr von der Null-Covid-Strategie zeichnet sich nicht ab. Stattdessen soll die Wirtschaft gezielt durch geld- und fiskalpolitische Massnahmen unterstützt werden.

Die Notenbank hat bereits mehrmals die Mindestreservesätze für Banken gekappt und ergreift weitere Massnahmen zur Lockerung der Geldpolitik. Präsident Xi Jinping hat vergangene Woche Massnahmen zur Stützung der Konjunktur angekündigt und beteuert, dass Chinas reales BIP-Wachstum dasjenige der USA auch dieses Jahr übertreffen werde. Das dürfte gemäss Einschätzung von Capital Economics gelingen, aber nur wegen der geringeren Inflation. Auf nominaler Basis könne es hingegen eng werden.

UBS (UBSG 17.23 +1.03%) hat die Wachstumsprognose 2022 für China auf 4,2% gesenkt.

Die schwierige Situation in Festlandchina beeinflusst auch die Geschäftslage taiwanesischer Industrieunternehmen. Der entsprechende PMI ist ebenfalls gefallen und notiert mit 51, 7 nicht mehr so weit über der Wachstumsgrenze. Dafür hat sich die Stimmung in Südkorea etwas aufgehellt. Der koreanische Industrie-PMI ist von 51,2 auf 52,1 gestiegen.

Wegen des Einbruchs der chinesischen PMI und der Abkühlung in den USA und Europa ist der globale, nach Länder-BIP gewichtete Einkaufsmanagerindex von 52,9 auf 52,2 gesunken. Dabei liegt der Subindex für den Output zum ersten Mal seit 22 Monaten unter 50.