Meinungen

Nullzins – die neue Normalität

Die Null- bzw. Negativzinsen sind weniger die Folge der durch die Notenbanken ausgelösten Geldschwemme als einer Kapitalschwemme. Ein Kommentar von Thomas Straubhaar.

Thomas Straubhaar
«Die Realzinsen folgen schon lange einer stetig fallenden Tendenz.»

Das trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Banalität wohl wirkungsmächtigste ökonomische Gesetz lautet, dass Knappheit zu steigenden und Überfluss zu fallenden Preisen führt. Es gilt gleichermassen für Güter und Dienstleistungen wie auch für das Zusammenspiel der Produktionsfaktoren, also Arbeit, Kapital, Boden und Rohstoffe. Damit liefert es die überzeugendste Erklärung für die mittlerweile schon längere Zeit geltenden Negativzinsen – und dafür, dass in Zukunft positive Zinsen nur noch als Risikoprämie, nicht aber einfach so für vergleichsweise sichere Spareinlagen, zu haben sein werden.

Zu Beginn des Kapitalismus, im Übergang von Agrarwirtschaft zur Industrialisierung, entstand ein immenser Kapitalbedarf. Die neu entstehenden Fabriken – Gebäude, Energieanlagen, Maschinen, Verkehrswege – bedurften sprudelnder Finanzierungsquellen. Noch aber gab es kaum ein Kapitalangebot. Feudalherren wollten kein Kapital anbieten, die Massen konnten nicht, und Zinsverbote sowie das Fehlen von Rechtssicherheit taten ein Übriges, um im Mittelalter eine Kapitalbildung zu behindern. Entsprechend knapp war Kapital zu Beginn der Neuzeit. Ganz anders sah es dazumal auf dem Arbeitsmarkt aus. In grossen Teilen Europas waren Arbeitskräfte in Hülle und Fülle vorhanden. Weithin grassierte dramatischer Beschäftigungsmangel. Knappheit an Kapital und Überfluss an Arbeitskräften führten dazu, dass die Renditen für Kapital hoch und die Löhne für die Beschäftigten in der Massenindustrie niedrig waren.

Riesiger Kapitalstock gebildet

Man muss nicht Marxist sein, um dem Argument zu folgen, dass der Kapitalist zu Beginn des Kapitalismus den Zins zwar vielleicht auch, aber eben nicht so sehr als Preis des Geldes und als Belohnung des Sparens für den Verzicht auf Konsum in der Gegenwart verstand; vielmehr war es der Anreiz hoher Profite als Folge der enormen Kapitalnachfrage, der bei den Kapitalisten zum Kapitalangebot führte. Anders als die Feudalherren, die ihren Reichtum «durch Schlösser, Parks, Feuerwerke und Mätressen» zur Schau stellen, «macht der Kapitalist etwas völlig anderes mit seinem Reichtum, und gerade das unterscheidet ihn fundamental von seinen reichen Vorgängern und von jenen Reichen, die ihr Geld verschwenden. Er macht aus seinem Reichtum Kapital, indem er es nicht verbraucht, sondern in produktive Anlagen investiert», so der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe. Anders gesagt: Zu Beginn des Kapitalismus ging es bei der Kapitalbildung nicht um aufgeschobenen Konsum oder Vorsorge, sondern um Profit. Der Realzins  spiegelte nicht die «Zeitpräferenz» der Massen, die in der Gegenwart sparen wollten, um in der Zukunft (mehr) konsumieren zu können, sondern die relative Knappheit des Kapitalangebots. Heute ist die Situation ganz anders. Verglichen mit dem frühen Kapitalismus ist die Welt nun um Dimensionen reicher und sicherer. Im Zeitalter der Wissensgesellschaft, der Datenwirtschaft und der Digitalisierung wird Humankapital zum Engpass. Finanzkapital hingegen ist reichlich vorhanden. So wurde in den vergangenen beiden Jahrhunderten im Zug der Industrialisierung ein riesiger Kapitalstock gebildet.

Bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verlor jedoch der sachkapitalintensive Industriesektor an Gewicht gegenüber dem immateriellen Dienstleistungsbereich. Finanzierung und Versicherung, Bildung und Gesundheit, Logistik und Kommunikation jedoch generieren ihre Wertschöpfung stärker mit Humankapital, also dem Wissen und Können der Beschäftigten, und weit weniger mit Sachkapital. Digitalisierung und Datenökonomie werden die Verschiebung weg von Güterproduktion hin zur Erstellung immaterieller Leistungen verstärken. Dazu kommt, dass angesichts der wachsenden Weltbevölkerung der Boden in Grossstädten sowie Rohstoffe knapp geworden sind.

Entsprechend dem Bedeutungsverlust von Sachkapital gegenüber dem Humankapital müssen – dem Gesetz von Knappheit und Überfluss folgend – Realzinsen sinken, dafür Löhne und Bodenpreise steigen. Dieser langfristige Trend wird durch die Empirie bestätigt. Der Harvard-Ökonom Paul Schmelzing weist nach, dass der Realzins im 17. und 18. Jahrhundert durchschnittlich bei 3,5% lag, im 19. Jahrhundert bei 2% und im 20. Jahrhundert noch bei 1,3%. Die Realzinsen folgten also lange vor Geburt von Euro und EZB, der Finanzmarktkrise von 2008 und der expansiven Geldpolitik der Notenbanken in den 2010er Jahren einer stetig fallenden Tendenz.

Im langfristigen Trend sinkender Realzinsen und im Eintauchen in die Null- und mittlerweile Negativzinswelt zeigt sich jedoch wohl auch, dass dem Kapitalismus eine wesentliche Antriebskraft der Anfangszeit Schritt für Schritt abhandengekommen ist. Die hohen Profitraten für das Kapital waren eben auch der Tatsache geschuldet, dass den Kapitalisten nicht alle wirklich verursachten Kosten tatsächlich in Rechnung gestellt wurden. Der Realzins zur Hochzeit der Industrialisierung in Europa dürfte nur deshalb so hoch positiv gewesen sein, weil Kosten «extern» entstanden und somit nicht den Ertrag der Hersteller von Massenprodukten in sozial oder ökologisch angemessener Weise schmälerten.

Dazu zählte die teils menschenunwürdige Behandlung und Entlohnung der Massenarbeiter, die Massenproduktion für Massenmärkte herstellten. Oder dass andere Weltregionen Rohstoffe liefern mussten, ohne dafür in voller Höhe der Abbaukosten entschädigt zu werden. Vor allem wurde bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts den ökologischen Langzeitfolgen des Wirtschaftens viel zu wenig Rechnung getragen. Wie teuer die Internalisierung aller Kosten durch Umweltschäden und Klimaveränderung tatsächlich zu stehen kommt, schlägt sich erst jetzt in den Gewinnerwartungen der Kapitalisten nieder. Deshalb sinken die Realzinsen weiter und weiter.

Ende der Externalisierung

«Die Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte der Externalisierung», postuliert der Münchner Soziologe Stephan Lessenich. Unabhängig davon, ob seine These, die «Externalisierungsgesellschaft» habe ihre Grenzen erreicht, immer stichhaltig ist oder nicht, bleibt und wird richtig(er), dass «die Wirtschaft» weniger denn je davon ausgehen kann, Umwelt und Klima zu nutzen, ohne dafür die langfristig entstehenden Verschmutzungs-, Veränderungs- und ökologischen Folgekosten vollständig tragen zu müssen. Das Ende der Missachtung externer Kosten zulasten von Umwelt und Klima wird im Wirtschaften flächendeckend teils massive zusätzliche Vermeidungs- und Anpassungskosten mit sich bringen. Sie werden für lange Zeit die Renditeerwartungen und damit auch die Realzinsentwicklung dämpfen.

Es zeigt sich: Null- und Negativzinsen sind wohl weniger Ergebnis einer durch die Notenbanken verursachten Geldschwemme als Folge einer Kapitalschwemme. Das Kapitalangebot übertrifft die -nachfrage, Finanzkapital ist relativ reichlich verfügbar, Humankapital relativ knapp. Neben dem technologisch bedingten Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft verursacht der demografische Wandel eine zusätzliche Sparschwelle. Dank höherem Bildungsniveau sind für die Massen die Reallöhne gestiegen, was mehr und mehr Menschen Ersparnisbildung erlaubt. In den alternden Gesellschaften Europas wird viel gespart, um für einen weit längeren Ruhestand vorzusorgen. Bis bahnbrechende Innovationen für wahre Produktivitätsfortschritte ohne Vernachlässigung externer Effekte sorgen und einen Schub der Nachfrage nach Investitionen in neue Technologien auslösen, ist es angezeigt, für vergleichsweise sichere Spareinlagen von real gering positiven oder eben sogar Null- und Negativzinsen als neuer Normalität der 2020er Jahre auszugehen.