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Nun siegt mal schön

Ukrainekrieg | In Mariupol Bombardement, in Moskau Pomp: Selten wirkte Russlands ritueller «Tag des Sieges» so makaber. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

Manfred Rösch
«Putin kann sich rühmen, eine Erbfeindschaft gezeugt zu haben.»

In gewöhnlichen Jahren wird es sich hierzulande kaum jemand antun, am 9. Mai von der Vorstellung des Moskauer Staatszirkus Notiz zu nehmen. Doch seit Diktator Putin die Ukraine hat überfallen lassen, können westliche Beobachter, ja: die ganze Welt nicht anders, als dem Sermon des hohen Herrn zu lauschen. Er braucht halt viel Aufmerksamkeit.

Die Exegese der Worte des «Woschd» überlassen wir freilich anderen, Werweissen ad nauseam über Putins düstere Orakelei – nein danke. Es zählt letztlich nur, was auf den Schlachtfeldern vor sich geht oder allenfalls in der Geheimdiplomatie, doch ist die eben geheim.

Das Visuelle an diesem alljährlichen grossrussischen Staats-Hochamt ist auch immer Fadesse: viel herausgeputzte, aus der Zeit gefallene Martialität. Es empfiehlt sich, wieder mal den Kriegsfilmklassiker «The dirty dozen» zu geniessen. Besonders die eine Passage mit Donald Sutherland, als er in der Rolle des Soldaten und Galgenvogels Pinkley einen General spielen muss, der eine schnieke Truppenparade inspiziert. Sagt Pinkley zum Kommandeur: «Very pretty Colonel, very pretty, but, can they fight?»

Motivation ist entscheidend

Selbstverständlich können die Russen kämpfen, wenn sie wollen; sie haben es im Zweiten Weltkrieg bewiesen. Die Rote Armee, für die allerdings längst nicht nur Russen, sondern, neben anderen, auch Hunderttausende Ukrainer im Fronteinsatz standen, walzte die Wehrmacht von Osten her nieder. Doch sie war dazu motiviert, es ging ums schiere Überleben und um, unschön, aber verständlich, Rache für erlittene Pein. Die Völker der Sowjetunion hatten keine Lust, Hitlers selbsternannten Herren- als Untermenschen dienlich zu sein, und sie hatten ein paar Rechnungen zu begleichen.

Heute sieht es stark danach aus, dass die grosse Mehrheit des ukrainischen Volkes, egal, welcher Muttersprache, weniger Lust hat denn je, dem Geheimpolizei-Parvenü im Kreml zu dienen. Heute wissen die ukrainischen Streitkräfte, wofür sie Gesundheit und Leben riskieren und wofür sie sich revanchieren wollen, die russischen dagegen nicht. Auf die schäbige Anmassung westlicher TV-Schwadroneure und Sofa-Intellektueller, um Himmels willen zu kapitulieren, auf dass «Frieden» herrsche, also Friedhofsruhe, können die kämpfenden Ukrainer übrigens bestimmt verzichten.

Es lässt tief blicken, dass Putin und seine Spiessgesellen die Stimmungslage beim «Feind» derart verkannt hatten, dass sie anscheinend ernsthaft glaubten, ihre unterdessen ziemlich verdrossenen Helden aus Dagestan, Tschetschenien, Burjatien und am Ende sogar aus dem engeren Russland würden mit Blumen statt mit Blei empfangen.

Auch dazu passt eine Sottise, diesmal aus Friedrich Torbergs herzerwärmender Anekdotensammlung «Die Tante Jolesch». Interviewt der österreichische Journalist und Historiker Karl Tschuppik den deutschen Feldherrn Ludendorff, der sich darüber echauffiert, während des Ersten Weltkrieges im Umgang mit den habsburgischen Verbündeten reihenweise Dolmetscher benötigt zu haben, für Tschechisch, Ungarisch, Kroatisch usf.; darauf Tschuppik: «Aber Exzellenz! Dass in der alten Monarchie verschiedene Sprachen gesprochen wurden – das hätte doch der deutsche Generalstab durch Spione feststellen können!»

Öl, Gas, sonst kaum was

Wie auch immer; die konventionellen russischen Kräfte sind trotz der massiven Mühe in der Ukraine nicht zu unterschätzen, das wäre fahrlässig. Das irre Schwärmen von Atomschlägen, wie es im russischen Fernsehen zelebriert wird – nach dem Start in Kaliningrad so viele Sekunden bis Berlin, so viele bis Paris, bis London –, belegt allenfalls die völlige moralische Verkommenheit der Medienknechte in Putins zunehmend finsterem Reich; tja, wie der Herr, so’s Gescherr. Mehr aber als Soldaten und Waffen hat Putin der Welt nicht zu bieten; der Möchtegern-Zar hat keine Kleider.

Diplomatisch ist das Regime isoliert, die «Freundschaft» zu China fadenscheinig, und Moskau wird mehr und mehr in Pekings Gravitationsfeld sinken. Russland hat nahezu keine «Soft Power» – ausser bei denjenigen im Westen, die gerne Russlandromantik mit Antiamerikanismus kombinieren, das gibt es links und rechts aussen. Vor allem aber ist Russlands Wirtschaft gemessen an den menschlichen und den materiellen Ressourcen beschämend schwach: In ökonomischer Hinsicht ist das riesige Land nicht einmal eine Regionalmacht, und das ohne jede Aussicht auf Besserung, gerade jetzt im Gegenteil. Mancher Importkunde wird zwar misslicherweise noch eine gute Weile auf russisches Gas und Öl angewiesen sein, doch die Abnabelung, richtiggehend eine aussenwirtschaftliche Zeitenwende, läuft an.

Die Nato wachgeküsst

Ferner treibt Putins Attacke auf das «Brudervolk» die bislang neutralen Nachbarn Finnland und Schweden in die nordatlantische Allianz – nach dem Gesetz der unbeabsichtigten Folgen. Ganz zu schweigen davon, dass die Ukrainer selbst, die wenigstens bis 2014 (Krim, pro memoria) den Russen insgesamt nicht übelwollten, nun mutmasslich in ihrer grossen Mehrheit alles tödlich hassen, was aus Moskau kommt, auf Generationen hinaus. Putin kann sich rühmen, eine Erbfeindschaft gezeugt zu haben.

Er hat en passant auch geschafft, woran wenigstens ein halbes Dutzend amerikanische Präsidenten verzweifelt ist: Deutschland ist aus der pazifistischen Autohypnose erwacht, besinnt sich der Bundeswehr und rüstet nach. Die Nato wiederum, die gemäss Putins Schauermär drauf und dran war, Russland via die Ukraine an die Gurgel zu gehen, hat erst dank seinem Marschbefehl überhaupt wieder zusammengefunden.

Apropos Bundeswehr: Der seinerzeitige Bundespräsident Theodor Heuss war 1958 zu Gast bei einem Manöver der jungen westdeutschen Armee. Heuss verabschiedete sich von den Bürgern in Uniform mit der spöttisch-heiteren Wendung: «Nun siegt mal schön.» Zu solch feiner Ironie ist Putin nicht imstande; der meint es leider blutig ernst, erst recht am «Tag des Sieges».