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Meinungen

Nur die Afrikaner können Afrika retten

Wolfgang Drechsler
«Investitionshemmnisse wie die Korruption oder die Vetternwirtschaft sind vorwiegend politischer Natur.»
Europas Spitzenpolitiker wollen den wachsenden Zustrom afrikanischer Migranten eindämmen. Mit Geld in den Ländern südlich der Sahara wirtschaftliche Entwicklung zu erzwingen, geht jedoch nicht. Ein Kommentar von Wolfgang Drechsler.

An Afrika zerren seit langem Kräfte, die den Kontinent entweder zerreissen und auch Europa schwer erschüttern könnten – oder aber ihn erstmals seit der Unabhängigkeit vor nunmehr sechzig Jahren auf einen nachhaltigen Wachstumspfad hieven und damit womöglich vom Almosenempfänger zum Investitionsziel machen werden.

Aktuelle Uno-Prognosen gehen davon aus, dass sich die Zahl der Menschen im Afrika südlich der Sahara bis 2050 verdoppeln wird – von derzeit knapp über 1 Mrd. auf dann mindestens 2,2 Mrd.

Ob diese Menschen eines Tages tatsächlich emsige Konsumenten und Produzenten werden, wie viele Unternehmensberater behaupten, oder stattdessen vor allem sozialen Zündstoff liefern, wird sich in der nächsten Generation entscheiden.

Noch ist völlig unklar, woher all die Schulen, Krankenhäuser und vor allem die Millionen an Arbeitsplätzen für die vielen jungen Afrikaner kommen sollen.

Schiere Panik

Erste Anzeichen dessen, was sich in Afrika zusammenbraut, sind derzeit in Italien zu sehen. Kein Tag vergeht, an dem nicht Hunderte von Migranten in den überlasteten Häfen anlanden.

Bis zum Jahresende werden es wohl 300 000 Neuankömmlinge sein, die allein über die Mittelmeerroute via die Staatsruine Libyen nach Norden kommen – mehr als je zuvor. Gross ist deshalb in Europa die Sorge, die Migration aus dem Süden könnte nun aus dem Ruder laufen und die Staaten Europas überlasten.

Schiere Panik hatte die deutsche Bundeskanzlerin auch dazu bewogen,  den Nachbarkontinent im Süden zu einem Schwerpunkt des G-20-Gipfels am vergangenen Wochenende zu machen, dem mit Südafrika bezeichnenderweise nur ein einziges seiner insgesamt 54 Länder angehört.

Dass nun trotzdem kaum mehr als ein paar Gemeinplätze in der Abschlusserklärung stehen, ist sicherlich auch den vielen anderen globalen Krisenherden geschuldet. Daneben sind die meisten G-20-Staaten (darunter auch China, Indien oder Brasilien) anders als die meisten Länder Europas keine direkten Destinationen des Zustroms an Migranten – und entsprechend weniger alarmiert.

Immerhin ging es in Hamburg anders als bei früheren Gipfeln diesmal nicht um eine Aufstockung der klassischen Entwicklungshilfe, sondern um die Ansiedlung von Kleinindustrie und mögliche Wirtschaftspatenschaften von G-20-Ländern für diejenigen afrikanischen Staaten, die bestimmte Vorgaben erfüllen.

Dass es jedoch reichen wird, eine Reihe von Partnerschaften mit ohnehin bereits besser regierten Ländern wie Tunesien oder Ghana einzugehen, aber darüber Schlüsselländer wie den Kongo, das kranke Herz Afrikas, zu ignorieren,  darf nach den Erfahrungen der Vergangenheit bezweifelt werden.

Fast völlig unerwähnt blieb zudem wieder die Bevölkerungsexplosion südlich der Sahara, obwohl sie mehr als alles andere der Genesung Afrikas entgegensteht, schon weil der stets Zuwachs an Menschen alle noch so kleinen Fortschritte gleich zunichtemacht.

Die stete Sorge europäischer Politiker, bei eigenen Forderungen an Afrika sofort des Neokolonialismus bezichtigt zu werden, erklärt auch ihre Neigung zur Selbstgeisselung, wenn etwa Dritte-Welt-Bewegte über all die angeblich vom Westen errichteten Handelsbarrieren klagen, die Afrika in Abhängigkeit halten und seinen Aufschwung verhindern würden.

Dabei sind inzwischen die allermeisten Subventionen für Agrarexporte aus Europa nach Afrika abgeschafft worden. Auch können fast alle afrikanischen Staaten, weil sie zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt zählen, quasi alles zoll- und kontingentfrei in die EU exportieren.

Besonders bedrückend ist, dass durch falsche Behauptungen der Eindruck erweckt wird, der Abbau der wenigen noch verbliebenen Handelsschranken würde fast automatisch zu einer Wende zum Besseren führen.

Gleichzeitig werden Afrikas zumeist inkompetente politische Anführer aus der Verantwortung entlassen, obwohl sie es seit Jahren versäumen, ihre Volkswirtschaften zu diversifizieren und dort auch nur ein Minimum an Industrie zu etablieren.

Auch ist seit langem bekannt, dass durch den steten Geldzufluss eine echte Eigendynamik verhindert wird. Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat in einem Positionspapier zum G-20-Gipfel zu Recht noch einmal ausdrücklich daran erinnert, dass für mehr Investitionen der Privatwirtschaft vor allem «veränderte politische und soziale Rahmenbedingungen» in Afrika selbst notwendig wären.

Viele Investitionshemmnisse wie etwa die gesellschaftlich oft geduldete Korruption oder die tief verwurzelte Vetternwirtschaft seien vorwiegend politischer Natur und könnten weder finanziell noch technisch gelöst werden.

Latente Schuldgefühle des Westens wegen der Kolonialzeit haben dazu geführt, dass Europa selbst gegenüber repressiven Regimes in Afrika kaum Druck ausübt – und damit den Status quo dort zementiert.

Dabei könnten die vielen allenfalls in Ansätzen am Gemeinwohl interessierten Regimes in Afrika etwa durch eine strikte Kopplung von Hilfsgeldern ganz konkret zu einer vorausschauenden Bevölkerungspolitik  gedrängt werden.

Auch helfen immer neue Marshall-Pläne, wie Deutschland sie nun plant, vermutlich nur sehr begrenzt weiter, weil die Finanzmittel von den Empfängerländern schon wegen der fehlenden Verwaltung kaum absorbiert werden können.

Mehr Realismus

Die Idee, mit Geld wirtschaftliche Entwicklung zu erzwingen, ist ohnehin so alt wie falsch, schreibt Volker Seitz, fast zwanzig Jahre als Diplomat in Afrika aktiv und Autor des Buches «Afrika wird armregiert».

Statt viel Geld in hochmoderne Maschinen für den Strassenbau  zu stecken, empfiehlt er, mit arbeitsintensiven Programmen erst einmal viele billige Jobs zu schaffen.

Auch reicht es nicht, ständig Geld für eine bessere Regierungsführung nach Afrika zu  schicken, um am Ende doch alle undemokratischen Auswüchse dort zu tolerieren.

Mehr Realismus gegenüber Afrika wäre vor allem denjenigen Politikern zu wünschen, die wie die deutsche Bundeskanzlerin noch immer glauben, man könne Afrika vor allem von aussen zum ersehnten Wirtschaftsboom à la Asien verhelfen. Doch das wird schon deshalb nicht gelingen, weil es nach all der verschenkten Zeit für eine schnelle Trendwende nun zu spät ist.

Die alten Denkschablonen werden erst dann zerplatzen, wenn sich Afrika nicht länger hinter der kolonialen Vergangenheit verschanzt und begreift, dass es seine Entwicklung nicht an den Westen oder neuerdings an China delegieren kann. Denn retten können Afrika am Ende nur die Afrikaner selbst.