Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier US-Wahlen 2020
Meinungen

Nur eine einzige Amtszeit ist keine Seltenheit

Was sich für Donald Trump viele herbeisehnen, kommt immer wieder vor: dass ein amerikanischer Präsident nicht länger als vier Jahre regiert. Der wesentliche Abwahlfaktor ist in der Regel die Wirtschaft. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Wie George Bushs Bezwinger Bill Clinton es 1992 treffend sagte: It’s the economy, stupid.»

Wird Donald  J. Trump schon bald ein One Hit Wonder sein, wie es in der Pop-Musik heisst? Die Meinungsumfragen scheinen das zu ­signalisieren, und die veröffentlichte Meinung scheint auf Biden zu setzen, diesseits des Atlantiks schier flächendeckend. Doch Vorsicht, hier ist oft der Wunsch Vater des Gedankens. Viele amerikanische Wähler abseits der Küsten (die «deplorables», wie Hillary Clinton sie vor vier Jahren schmähte) sind bockbeinig. Kurz: Kann sein, dass der 45. Präsident der USA nach vier Jahren im Weissen Haus Geschichte ist. Kann aber auch nicht sein.

Eine kurze Präsidentschaft ist historisch keineswegs die Ausnahme. Die Hälfte aller bisherigen Präsidenten (ohne Trump) war vier Jahre oder kürzer im Amt. Es gab Abwahlen, natürliche und nicht ­natürliche Todesfälle. Im 19. Jahrhundert verzichteten drei Präsidenten nach vollen vier Jahren aus freien Stücken auf die Wiederwahl – James Polk, James Buchanan und Rutherford Hayes. Gleichermassen vergessenen Figuren wie den  Präsidenten John Tyler, Millard Fillmore und Franklin Pierce verweigerte die eigene Partei die Wiederwahlnominierung. Speziell war Grover Cleveland, der nach vier Jahren ­abgewählt, doch vier Jahre später erneut zum Präsidenten gewählt wurde.

Bush sen. und Jimmy Carter

Das bisher letzte Mal, dass ein Incumbent von einem Contender aus 1600 Penn­sylvania Avenue hinauskomplimentiert wurde, war im November 1992 George Bush senior. Zwar hatte Bush  aussen­politisch triumphiert – die USA und die Sowjetunion beendeten im Dezember 1989 offiziell den Kalten Krieg, wenige ­Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer. Doch wie Bushs Bezwinger Bill Clinton sagte: «It’s the economy, stupid!» Die Leute in den USA quittierten die schwache Wirtschaftsentwicklung und die Defizite im Bundeshaushalt ungnädig. Der Republikaner Bush senior nahm’s wie  ein Gentleman alter Schule: Er hiess Clinton würdig willkommen und räumte das Oval Office erhobenen Hauptes.

Dasselbe lässt sich von Jimmy Carter sagen, der vor genau vierzig Jahren abgewählt wurde. Der Demokrat, vorher Gouverneur von Georgia und gottesfürchtiger Erdnussfarmer in einem gottverlassenen Nest namens Plains, war zwar zunächst bitter enttäuscht über seine Niederlage gegen Ronald Reagan, fasste sich jedoch rasch und wahrte Haltung.

Was Carter das Amt kostete, war einerseits die unerträglich hohe Inflation und andererseits die monatelange Demütigung der Supermacht USA durch die iranischen Revolutionäre, die in Teheran das amerikanische Botschaftspersonal gefangen hielten. Eine militärische Operation zu deren Befreiung endete im Desaster – zu viel für Durchschnittswähler Joe Blow from Idaho. Am Tag von Reagans Amts­einführung liessen die Mullahs die Geiseln frei; Reagan sandte Ex-Präsident Carter als Sonderbotschafter zu deren Empfang bei der Zwischenlandung in Deutschland.

Jimmy Carter war in Washington ein glückloser Aussenseiter geblieben und hatte nie den Draht zum Kongress gefunden. Schon sein Sieg gegen Gerald Ford, der als Vizepräsident im August 1974 auf den wegen des Watergate-Skandals zurückgetretenen Richard Nixon hatte folgen müssen, war eine erstaunlich knappe Angelegenheit gewesen. Carter gewann mit einem Volksmehr von hauchdünnen 50,1% – dies nur gut zwei Jahre nach der beispiellosen Nixon-Blamage der Republikaner. Das Elektorenverhältnis von 297 zu 240 war zwar einiges deutlicher, doch weit weg von einem «Landslide», wie er so kurz nach dem Gesichtsverlust der Gegenpartei hätte erwartet werden dürfen.

Ford schrammte, umgekehrt, nach nur gut zwei Jahren als Notnagel im Amt erstaunlich nahe an der legitimierenden Wahl vorbei (er war ja nicht einmal gewählter Vizepräsident gewesen, sondern hatte Spiro Agnew ablösen müssen, der seinerseits über Skandale gestolpert war). Zudem hatte Ford Nixon begnadigt, zum Unmut vieler Amerikaner.

Das zeigt: Die Demokraten hätten es damals um ein Haar geschafft, einen simplen Penalty zu versieben, indem sie gegen den mit schwerer Bürde antretenden Präsidentenersatz einen nicht überzeugenden Kandidaten aufstellten. Das erinnert an die aktuelle Ausgangslage. Wie heisst es doch von den Demokraten: They never miss an opportunity to miss an opportunity. Bill Clinton war zuletzt die Ausnahme von dieser Regel.

Jimmy Carter, unterdessen biblische 96 Jahre alt, erhielt 2002 den Friedensnobelpreis für seinen Einsatz  für Menschenrechte. Übrigens waren die Fernsehduelle zwischen Ford und Carter das Gegenteil der Hinterhofrangelei, die Trump und Biden neulich darboten: Ford und Carter schonten sich in der Sache keineswegs, persönlich jedoch sehr wohl – zivilisierte Erwachsene eben – und nannten sich «my honorable opponent». Aus den Gegnern wurden später persönliche Freunde, und Jimmy hielt 2006 einen bewegenden Nachruf an Jerrys Beisetzung. Heutige ­Gestalten und Gebräuche schneiden gemessen daran grottenschlecht ab.

Vor Carter führt die Suche nach Kurzzeitpräsidenten weit zurück in die Zwischenkriegszeit. Der Republikaner Herbert Hoover verlor 1932 deutlich gegen Franklin Delano Roosevelt. Entscheidend war schon damals die Wirtschaft, wie Clinton es später auf den Punkt brachte. Hoover war mit dem Motto «Prosperity» an die Macht gekommen, doch am 24. Oktober 1929, in seinem ersten Amtsjahr, krachte die New Yorker Börse zusammen. Es folgten die Grosse Depression und die Weltwirtschaftskrise, nichts also mit mehr Wohlstand; die Baisse erreichte 1932 den Tiefpunkt. Das amerikanische Volk vertraute nicht mehr auf Hoovers interventionsskeptische Politik und hoffte stattdessen auf Roosevelt und seinen New Deal.

Roosevelts Rekord

FDR war das genaue Gegenteil eines One-Term-Präsidenten: Er gewann vier Wahlen und starb nach zwölf Jahren und knapp drei Monaten im Amt. Dieser Rekord kann nicht mehr gebrochen werden, denn der Kongress ergänzte 1947 die Verfassung ­dahingehend, dass jemand nur zwei Mal gewählt werden darf.

Das entspricht der Tradition, die  Gründerpräsident George Washington (1789-1797) eingeführt und empfohlen hatte. Übrigens ist die Anekdote überliefert, dass der britische König George III. (dessen Untertan Washington ja einst gewesen war), dieses Lob ausgesprochen haben soll, als er von Washingtons Rücktrittsabsicht vernahm: «If he does that, he will be the greatest man in the world.»