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Nur lebende Künstler sind fälschungssicherFälschungsskandal in Deutschland – Von fiktiven Sammlungen und falschen Sammlungsetiketten – Wie sich private Käufer absichern können

Christian von Faber-Catell

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Kunstfälschungen gibt es, seit mit Kunst Geld verdient wird. Vor 2000 Jahren schon räumte der römische Fabeldichter Phaedrus ein, dass er den Namen seines berühmten griechischen Vorläufers Aesop für seine eigenen Erzeugnisse verwende, ähnlich, «wie manche Künstler es in unserer Zeit machen, wenn sie ihre neuen Marmorskulpturen mit dem Namen Praxiteles signieren».

Seither haben immer wieder Fälschungsskandale Museen, Sammler und Händler verärgert und das Laienpublikum unterhalten. Kunstfälschungen gelten nach wie vor weitherum als Kavaliersdelikt, und besonders geschickte Fälscher geniessen gar ähnliche Sympathie wie ein raffinierter Hochstapler. So enthält auch der seit Wochen durch deutsche Zeitungen geisternde Fälschungsskandal um die Sammlung Flechtheim Ingredienzen einer filmreifen Kriminalposse.

Etikettenschwindel

Ins Rollen gebracht hat den seit mindestens zwei Jahren schwelenden Fall der deutsche Kunstwissenschaftler Ralph Jentsch. Ihm war auf der Rückseite eines zu begutachtenden Gemäldes eine grob gedruckte Etikette der Sammlung Flechtheim aufgefallen, die seines Erachtens kaum von dem berühmten, 1937 verstorbenen Berliner Kunstsammler und Händler Alfred Flechtheim stammen konnte.

Diese offenbar gefälschte Sammlungsetikette weckte auch Zweifel an der Echtheit des betreffenden Gemäldes selbst. Im weiteren Verlauf fanden sich solch gefälschte Etiketten der Sammlung Flechtheim noch auf anderen Gemälden von André Derain, Fernand Léger, Max Ernst, Max Pechstein und Heinrich Campendonk. Von Campendonk soll unter anderem auch ein in Flechtheims Sammlungsverzeichnis aus den Dreissigerjahren zwar tatsächlich erwähntes, aber nicht abgebildetes «Rotes Bild mit Pferden» stammen. Lange verschollen, erzielte es nach seiner als Sensation gefeierten Wiederentdeckung am 29. November 2006 im Kölner Auktionshaus Lempertz den Künstlerrekordpreis von 2,88 Mio. €. Verstärkt wurde der Fälschungsverdacht durch die gemeinsame Herkunft der meisten dieser Werke aus einer «Sammlung Werner Jägers», die sich nach kurzer Nachforschung ihrerseits als getürkt erwies. Zwar ruht auf dem Kölner Melaten-Friedhof seit 1992 ein Krefelder Geschäftsmann und Hobbymaler Werner Jägers, der aber zu seinen Lebzeiten nie als Kunstsammler in Erscheinung getreten war. Dafür stiessen die Ermittlungsbehörden auf zwei Enkelinnen Jägers, deren eine mit einem Künstler verheiratet ist. Dieser soll die über zwanzig angezweifelten Werke aus der angeblichen «Sammlung Jägers» gefälscht haben.

Trickreiche Täuschung

Mit ihrem jahrelangen Auftreten als seriöse Kunstkäuferinnen, aber auch als gelegentliche Einliefererinnen einwandfreier Kunstwerke sicherten sich die Jägers-Enkelinnen das Vertrauen ihrer Opfer. Zudem schleusten sie ihre mutmasslichen Fälschungen nicht hastig überstürzt, sondern seit 1995 geduldig über Jahre hinweg in den Markt. Dass sie dazu prominente, internationale Auktionshäuser, Galerien und Experten täuschten, erhöht natürlich den Reiz der Geschichte.

Dass sich das Auktionshaus Lempertz bei dem wieder aufgetauchten Campendonk-Meisterwerk «Rotes Bild mit Pferden» offenbar auf die mündliche Echtheitsbestätigung des Sohnes und des Enkels des Künstlers verliess, die das Werk möglicherweise nicht einmal im Original, sondern nur als Fotografie gesehen hatten, erstaunt dagegen nur Kunstmarktlaien. Solch oberflächliche Kontrollen sind im hektischen Auktionsbetrieb nun einmal gang und gäbe, vor allem dann, wenn keine Zweifel oder Gründe für eine weiter gehende Prüfung vorliegen. Weil der gelegentliche Umgang mit Fälschungen zur ganz normalen Kunstmarktroutine gehört, ist kaum anzunehmen, dass dieser nicht mehr so neue Fall den Kunstmarkt auf den Kopf stellen wird. Immerhin klagt die auf Malta ansässige Handelsfirma Trasteco als Käuferin von Campendonks roten Pferden schon seit zwei Jahren gegen Lempertz auf die Rückgängigmachung dieses Verkaufs.Wie viele verunsicherte Sammler, Händler und Kuratoren nun ihre Bilder umdrehen werden, in der bangen Hoffnung, auf der Rückseite keine verdächtige Sammlungs- oder Galerienetikette vorzufinden, steht auf einem anderen Blatt. Allerdings ist noch nicht absehbar, welche der Fälschungsvorwürfe vor Gericht überhaupt Bestand haben werden. Am Ende des schon jetzt absehbaren Expertenstreits könnte in manchen Fällen sogar nur noch der Etikettenschwindel zur Verbesserung der Verkaufsaussichten übrig bleiben. Falsche Sammlungsetiketten und Herkunftsangaben beweisen jedenfalls noch nicht, dass auch die betreffenden Werke selbst falsch sind. Solange dafür kein glaubhaftes Geständnis eines Fälschers vorliegt, muss dies für jedes einzelne Werk nachgewiesen werden.

Echtheit überprüfen

Dass in dem 1914 gemalten Rekord-Campendonk das erst nach 1916 industriell hergestellte Weisspigment Titandioxid gefunden wurde, hat dabei mehr Hinweis- als Beweiskraft. Schliesslich war die Eignung dieses neuen Pigments für Malerfarben schon seit 1908 bekannt. Es ist daher zumindest möglich, dass ein experimentierfreudiger Expressionist seine weisse Ölfarbe schon 1914 mit Titandioxid statt mit dem früher verwendeten Zinkoxid zubereitet hat.

Unabhängig davon, wie viel von dem Fälschungsskandal am Ende übrig bleibt, können private Kunstkäufer daraus Lehren ziehen. An erster Stelle steht die Bestätigung der Spruchweisheit: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Wo immer die Möglichkeit einer glaubwürdigen, preislich vertretbaren Echtheitsabsicherung besteht, sollte man sie auch nutzen. Käufer von Schweizer Kunst beispielsweise sollten für ihre Ankäufe stets einen Archivauszug des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft SIK als Echtheitsbestätigung anfordern.Ein vollständiger Schutz vor Fälschungen ist höchstens beim Kauf zeitgenössischer Kunst von lebenden Künstlern möglich. Damit verbindet sich dafür ein anderes Risiko, indem heute teuer gefeierte Kunstwerke dereinst als künstlerisch wertlose Scharlatanerie entlarvt werden. Einige der geschilderten Fälle von als zweifelhaft oder falsch eingestuften Etiketten kann man z. B. auf der Website www.eiskellerberg.tv/?p=2333 einsehen. Dieser Artikel ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Digital-Abonnements ab 28 Fr. / Monat Zu den Abonnements Bereits abonniert?