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OECD veröffentlicht vergleichende Statistiken der Industrieländer – Schwellenländer werden 2050 zu den grössten Volkswirtschaften gehören

In Kalifornien versammeln sich seit je die Superlative: Seien es die Strände, die Schauspielerdichte unter den führenden Landespolitikern oder die Zahl der Kritikerpreise, die seine Weine erhalten haben. Nach der Wahl Arnold «Arnie» Schwarzeneggers zum neuen Gouverneur (vgl. Kommentar Seite 34) wird in diesen Tagen häufig auf ein weiteres Prädikat verwiesen. Es sei die sechstgrösste Volkswirtschaft der Welt. Mit einer Wirtschaftskraft, die etwa 13% des Bruttoinlandprodukts (BIP) der Vereinigten Staaten ausmacht, gehört Kalifornien in der Tat zu den weltweit grössten zehn.
Gemäss einer inoffiziellen Rangliste, die nicht nur amerikanische Gliedstaaten in Betracht zieht, sondern auch europäische und japanische Länder, dürfte Kalifornien allerdings noch von der japanischen Region Kanto in Sachen wirtschaftlicher Grösse übertroffen werden (vgl. untenstehende Tabelle). Es handelt sich im Wesentlichen um den Einzugsbereich Tokio und Yokohama, in dem rund 40 Mio. Menschen leben (1998).
Direkte Vergleiche sind immer schwierig. So ist Kanto in sechs Präfekturen unterteilt. Und die aufgeführte Rangliste ist in Dollars ausgewiesen, also nicht nach Kaufkraftparitäten bereinigt. Dennoch gewährt die Aufstellung einen ungewohnten und eindrücklichen Einblick in die wahren wirtschaftlichen Machtzentren. Die grössten europäischen Wirtschaftsregionen sind das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen, der Grossraum Paris und Bayern.
Einen Vergleich publizierte kürzlich auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). «The OECD in figures» liefert die wichtigsten wirtschaftlichen und sozialen Kenngrössen der dreissig führenden Industriestaaten, die Mitglieder der Organisation sind. Die wichtigsten wirtschaftlichen Übersichten sind unten aufgeführt. Irland übertraf demnach mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 7,9% zwischen 1992 und 2002 alle anderen um Längen und schuf über den gesamten Zeitraum hinweg fast ein Drittel mehr Beschäftigung. Unter den grossen Volkswirtschaften schnitten Kanada und die USA hervorragend ab. In beiden Ländern wurden deutlich mehr Menschen neu beschäftigt. Genau das misslang in Schweden und in Italien, wo trotz einem Wirtschaftswachstum Arbeitsplätze per saldo zerstört wurden.

Sonderfall Schweiz

Die Schweiz rangiert zusammen mit Japan in Sachen Wirtschaftswachstum im OECD-Vergleich an letzter Stelle. Die Ursachen der Stagnation sind aber nur teilweise vergleichbar. Japan hat, anders als die Schweiz, mit einer Deflation und einer schweren Krise des heimischen Finanzsektors zu kämpfen. In der Schweiz sind schon wegen der begrenzten Grösse des Binnenmarkts und des hohen Entwicklungsstandards keine internationalen Wachstumsspitzenwerte zu erwarten.
Die neuen osteuropäischen Mitglieder der Europäischen Union (EU) – sie werden der EU im nächsten Jahr beitreten – haben in den vergangenen Jahren einen enormen Zustrom ausländischer Direktinvestitionen erfahren. In Tschechien machte er 2002 16,5% am nationalen BIP aus. Es handelt sich um stabiles langfristiges Kapital, das nicht rasch wieder abgezogen wird, im Gegensatz zu ausländischen Investitionen in Wertschriften. In absoluten Werten berechnet verzeichneten allerdings im Jahr 2002 Australien, Irland und, man höre und staune, Deutschland netto den grössten Zustrom an Direktinvestitionen.

Die nächsten 50 Jahre

Der volkswirtschaftliche Nutzen ausländischer Kapitalbeteiligungen ist gross. Unternehmen investieren im Ausland nur dort, wo sie für die Zukunft die grössten Chancen sehen. Geht man von diesem Ansatz aus, wird sich die Weltwirtschaft in den kommenden fünfzig Jahren zwangsläufig verändern. Brasilien, Russland, Indien und China werden gemäss einer Analyse der Ökonomen des amerikanischen Wertschriftenhauses Goldman Sachs bis 2050 unter die Top ten der grössten Volkswirtschaften vorstossen.
2025 könnten die vier bereits die Hälfte des BIP der derzeitigen G-6-Staaten (USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Italien) ausmachen. 25 Jahre später würden nur noch die Vereinigten Staaten und Japan zu den G-6 gehören. Die vier anderen Industriestaaten wären in der Rangliste durch die vier genannten Schwellenländer verdrängt worden. Die nebenstehende Grafik zeigt auf, wann die neuen vier das BIP der bisherigen sechs grössten Volkswirtschaften übertreffen werden.
Rund zwei Drittel dieses Wachstumsschubs, der in der Analyse von Goldman Sachs in US-Dollar berechnet wird, komme dabei durch Realwachstum zu Stande. Das restliche Drittel ist die Konsequenz einer realen Aufwertung der Währungen Brasiliens, Indiens, Chinas und Russlands. In den kommenden 50 Jahren könnten sie 2,5% pro Jahr an Wert gewinnen. Wichtigste Erkenntnis des Blicks in die Zukunft: Selbst wenn die vier dynamischen Volkswirtschaften markant grösser werden, bleiben die Menschen, die in den Ländern leben, auch in den nächsten 50 Jahren ärmer als in den gegenwärtigen Industriestaaten. Die grössten Ökonomien der Welt (gemessen am BIP) werden nicht die reichsten (gemessen am BIP pro Kopf) sein. Für Goldman Sachs macht diese Aussicht strategische Entscheide von Unternehmen deutlich komplexer.

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