Meinungen

Ölmärkte aus dem Gleichgewicht

In der gegenwärtigen Phase ringen die grossen Produzenten Russland und Saudi-Arabien um Marktanteile. Noch zeichnet sich keine Anpassung des Angebots ab. Ein Kommentar von Cornelia Meyer.

Cornelia Meyer
«Die Frage bleibt, wie hoch Produktionskürzungen sein müssten, um am Markt Wirkung zu zeigen.»

Die Coronavirus-Krise hat die meisten wirtschaftlichen Aktivitäten in den OECD-Ländern zum Erliegen gebracht. Der Passagierflugverkehr ist grossteils eingestellt. Angestellte arbeiten von zu Hause aus, statt mit dem Auto oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum ­Betrieb zu fahren. Viele Fabriken sind geschlossen, Lieferketten und Transport sind unterbrochen. Der Einkaufsmanagerindex (PMI) Eurozone Industrie lag im März auf 44,5 – so niedrig wie seit zweiundneunzig Monaten nicht mehr. In den USA sieht es nicht besser aus. Am Donnerstag wurden 6,6 Mio. neue Arbeitslose gemeldet.

Das alles bremst natürlich die Nachfrage nach Öl. Die internationale Energieagentur IEA schätzt die Nachfrageeinbusse wegen der Coronakrise auf zwanzig Millionen Fass (159 Liter) am Tag  (b/d) ein. In Wirklichkeit dürfte die Nachfrageeinbusse viel höher liegen, da die meisten Volkswirtschaften abgewürgt wurden.

Opec+ klappt nicht mehr

Die Organisation erdölexportierender Länder, Opec, tat sich im Dezember 2016 mit zehn aussenstehenden Ländern unter der Führung Russlands zur Opec+ zusammen. Das Ziel dieser Allianz (ALV 193.2 4.03%) war es, den Ölmarkt auszugleichen, was auch gelang. Mit der Zeit pendelte sich die Lagerhaltung von Rohöl der OECD-Länder wieder auf den Fünfjahresdurchschnitt ein. Die Opec+ erreichte somit eine gewisse Sta­bilisierung des Ölpreises; der Klub hat ­jeweils, je nach Marktlage, die Produktion gedrosselt oder angekurbelt. Das war sowohl für die Produzenten wie auch die Konsumenten von Vorteil, da beide eine gewisse Planungssicherheit begrüssten. Ölgesellschaften wollen ihr Investitionsvolumen beurteilen und Grossverbraucher wie Fluglinien ihre Betriebskosten abschätzen können.

Die amerikanischen Schieferölproduzenten waren wohl die grössten Nutzniesser des Arrangements Opec+. Die USA wurden 2018 zum grössten Ölproduzenten, vor Russland und Saudi-Arabien. Dann kam am 6. März eine Konferenz von Opec+. Saudi-Arabien forderte, die Produktionsdrosselung, die im vergangenen Dezember 2,1 Mio. b/d betrug, wegen der Coronakrise um weitere 1,5 Mio. b/d aufzustocken. Russland wollte jedoch nicht mitspielen. Über Nacht gingen die Ölmärkte vom gewohnten Regime, in dem die Opec+ eine Balance zu erreichen versuchte, zum Kampf um Marktanteile zwischen Russland und Saudi-Arabien über. Gerade das Königreich hatte da einiges aufzuholen, da es in jeder Produktionskürzung den Löwenanteil übernommen hatte, was ihm zum Beispiel den ersten Platz als Öllieferanten Chinas kostete.

Diese neue Rivalität zwischen den zwei grössten Ölexporteuren führte zum Crash in den Ölmärkten. Der Preis fiel von knapp 70 $ pro Fass für die Sorte Brent (Brent 41.86 5.12%) Anfang Januar auf 26.35 $ am 31. März, ein Preissturz von 62%. Diese Baisse trifft alle Ölproduzenten, diejenigen mit hohen Produktionskosten besonders, so namentlich die Schieferölproduzenten in Nordamerika. Die meisten von ihnen sind hoch verschuldet und es droht vielen bei so niedrigen Ölpreisen der Konkurs.

Das brachte Donald Trump ins Spiel. Am Donnerstag twitterte er, er hätte mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman gesprochen, und dass Opec+ die Produktion um 10 bis 15 Mio. b/d drosseln würde. Das war reine Spekulation. Der Preis pro Fass der Sorte Brent stieg dennoch kurzfristig 48% auf 36.29 $, fiel dann aber schnell auf 29.95 $ am Donnerstagabend. Saudi-Arabien liess den Wunsch nach einem ausserordentlichen Treffen der Opec+ verlauten. Ein Sprecher Putins bestritt, dass der russische Präsident mit dem saudischen Kronprinzen gesprochen habe.

Tatsache ist, dass etwas geschehen muss. Es ist nicht nur eine Frage des Ölpreises oder der Bonität einzelner Unternehmen. Das Öl, das gegenwärtig uneingeschränkt produziert wird, muss gelagert werden. Dies bezieht sich nicht nur auf Rohöl, sondern auch auf Ölprodukte. Obwohl die Raffinerien ihre Verarbeitung etwa 20% verringert haben, brauchen Fahrzeuge, die nicht fahren, kein Benzin, und Flugzeuge, die nicht fliegen, kein Kerosin. Goldman Sachs (GS 217.92 1.44%) prognostiziert, dass 250’000 Fass Rohöl mehr gelagert werden müssen; andere Analysten schätzen diese Zahl gar auf eine Milliarde ein.

Wo lagern?

Diese Prognosen sind etwa so unzuverlässig wie diejenigen zur Nachfragebaisse. Niemand weiss, in welchem Mass und wie lange die Nachfrage gering sein wird, da niemand weiss, wie lange die Wirtschaft lahmgelegt bleiben muss. Es lässt jedoch aufhorchen, wenn Ryan Sitton, der Präsident der Behörde, die in Texas die Ölindustrie reguliert, verlauten lässt, dass die dortigen Lagermöglichkeiten beim ­aktuellen Niveau der Förderung Anfang Juni erschöpft sein werden. Sitton ist ein klassischer Republikaner mit einem Laissez-faire-Ansatz für die Wirtschaftspolitik. Selbst er räumt ein, dass die Krise am Ölmarkt so gross sei, dass amerika­nische Ölproduzenten Produktionseinschränkungen erwägen sollten.

Saudi-Arabien will eine Lösung innerhalb von Opec+ finden, ist jedoch nicht bereit, den Markt im Alleingang auszugleichen. Es ist daran, die Produktionsschwelle von 12 Mio. b/d zu überschreiten. Opec-Generalsekretär Mohammed Barkindo führte letzte Woche Sondierungsgespräche mit Ryan Sitton.

Fatale Unterinvestition

Die Frage bleibt, wie hoch Produktionskürzungen sein müssten, um am Markt Wirkung zu zeigen – solange nicht feststeht, wie gross die Nachfrageeinbusse ist, lässt sich das auch nur schwer abschätzen. Die Gefahr ist, dass eine allfällige Drosselung nur kurzfristig wirken könnte und verpuffen würde, sobald die nächste Hiobsbotschaft aus der Wirtschaft eintrifft. Sicher ist nur: Dies sind aussergewöhnliche Zeiten, die aussergewöhnlicher Massnahmen bedürfen. In diesem Sinne wäre es positiv zu bewerten, wenn die Opec+ auch mit den amerikanischen Ölproduzenten sprechen würde.

Eine letzte Warnung: Alle grossen Ölgesellschaften haben ihre Investitionen radikal gekürzt. Doch Öl ist ein langfristiges Geschäft. Ein Dollar, der heute investiert wird, liefert erst in drei bis zehn Jahren ein Fass Öl. Wenn sich die Weltwirtschaft nach der Coronaviruskrise erholen wird, dürften niedrige Ölpreise einen schnellen Neustart zunächst begünstigen. In drei bis fünf Jahren allerdings, wenn die Weltwirtschaft hoffentlich wieder brummt, könnte die gegenwärtige Unterinvestition in diesem Sektor zu Produktionsengpässen und damit zu hohen Ölpreisen führen.