Meinungen

Ölmarkt strebt nach Gleichgewicht

Der Ölpreis war seit 2014 auf Talfahrt. Nun zeigt er Zeichen der Erholung. Wieso ist es zu dieser Kehrtwende gekommen – und wie nachhaltig kann der Aufschwung sein? Ein Kommentar von Cornelia Meyer.

Cornelia Meyer
«Es werden früher oder später Engpässe in der Förderung entstehen.»

Die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) beschloss im November 2014, die Fördermengen trotz des Angebotsüberhangs nicht zu drosseln. Der Hintergrund dafür war, dass sich vor allem die Golfstaaten Sorgen über die Konkurrenz der Schieferölproduzenten in Nordamerika machten.

Die Strategie war, dass bei grösserer Produktion und gegebener Nachfrage die Preise stark fallen würden und die niedrigeren Preise nicht mehr mit den Kostenstrukturen der teurer produzierenden Schieferölproduzenten vereinbar sein würden. Theoretisch war das eine gute Idee, bloss waren die Schieferölproduzenten widerstandsfähiger, und es brauchte mehr Zeit als vorhergesehen, bis sie ihre Produktion drosselten. Alle produzierten deshalb fröhlich drauflos.

Diese Ölschwemme brachte die Preise gewaltig zum Sinken. Im Dezember 2014 standen sie noch über 114 $ pro Fass. Im Januar 2016 unterschritten sie gar 30 $. Die Ölproduzenten litten, und die Lagerhaltung an Rohöl nahm einen noch nie dagewesenen Umfang an. So stehen die strategischen Reserven der OECD-Länder beispielsweise auf 67 Tagen, was über jeglichem historischen Durchschnitt liegt.

Die grossen internationalen Ölkonzerne strichen rund 1 Mrd. $ an Investitionen während der letzten zwei Jahre. Die Einbussen waren bei Serviceunternehmen wie Schlumberger oder Halliburton noch höher. Dort kam es zu Fusionen, und Zehntausende wurden entlassen.

Letztlich hatte der niedrige Ölpreis die gewünschte Wirkung auf die Schieferölproduzenten. Während grosse internationale Erdölkonzerne über eine vergleichsweise hohe Eigenkapitalquote verfügen, sind die Schieferölproduzenten klein und hoch verschuldet. Deshalb konnten viele von ihnen am Ende dem Preisdruck nicht mehr standhalten. Unternehmen gingen bankrott, und die restlichen kämpfen ums Überleben.

Sinneswandel der Opec

Trotzdem wurde in den Opec-Staaten und in Russland immer noch auf Teufel komm raus produziert. Gegenwärtig steht Saudi-Arabien auf etwa 11 Mio. Fass pro Tag (Barrel per Day, b/d), die Opec insgesamt auf 33,2 Mio. b/d und Russland gar auf 12 Mio. b/d – so viel hat Russland seit den Zeiten der Sowjetunion nicht mehr gefördert. Am 28. September haben die Opec-Mitglieder nun beschlossen, die Produktion von 33,2 auf 32,5 bis 33 Mio. b/d zu reduzieren.

Am 10. Oktober hat Präsident Wladimir Putin verkündet, dass er mit der Opec-Entwicklung Schritt zu halten gedenke und Russlands Fördermenge auf gleichem Stand halten oder gar drosseln werde. Der Ölpreis hat sich seitdem erholt und bewegt sich über 50 $.

Was hat den Sinneswandel der Opec bewirkt? Zum einen hatte der niedrige Ölpreis die Fördermengen der nordamerikanischen Alternativproduzenten drastisch reduziert. Zum anderen bereitete er selbst den reichen Golfstaaten Schwierigkeiten, ihren Staatshaushalt auszugleichen. Zwar strichen einige Staaten die Subventionen drastisch, und Beamte mussten, gerade in Saudi-Arabien, Lohnkürzungen über sich ergehen lassen, doch langfristig brauchen diese Länder einen höheren Ölpreis: Seit dem Arabischen Frühling müssen selbst Regierungen in Golfstaaten darauf achten, dass sie ihre Bevölkerung einigermassen zufriedenstellen. Lohnkürzungen und geringere Subventionen sind dem nicht zuträglich.

Des Weiteren will Saudi-Arabiens Vizekronprinz, Mohammad bin Salman, die Volkswirtschaft radikal umstrukturieren, um sie breiter als nur auf Erdölproduktion aufstellen zu können. Dazu braucht es Geld. Das Königreich Saudi-Arabien bringt dazu erstmals eine Staatsanleihe auf den Markt, für 17,5 Mrd. $; weitere bis zu total etwa 120 Mrd. $ sollen folgen. Die Regierung in Riad beabsichtigt zudem, die staatliche Ölgesellschaft Aramco zu kotieren. Somit ist ein höherer Ölpreis sowohl im ökonomischen wie auch im politischen Interesse des Landes.

Die Opec muss nun bis zur nächsten Sitzung am 30. November entscheiden, wie gross die Förderquoten der einzelnen Länder sein sollen. Der Iran beabsichtigt, seine Fördermenge von gegenwärtig 3,6 auf 4,2 Mio. b/d zu erhöhen. Die Islamische Republik argumentiert, die durch die jahrzehntelangen Sanktionen verlorene Produktion wieder aufholen zu müssen. Saudi-Arabien hat dieser Forderung offensichtlich nachgegeben; es könnte eine Produktionsdrosselung von etwa 500 000 b/d in den Wintermonaten leicht hinnehmen, da dies etwa dem saisonalen Ruckgang der Binnennachfrage entspricht.

Es gibt jedoch Konfliktpotenzial innerhalb des Kartells: Sowohl Libyen als auch Nigeria bestehen darauf, ihre Fördermenge zu erhöhen. Sie begründen dies damit, dass nationale und regionale Unruhen in den vergangenen Jahren ihre Produktion stark beeinträchtigt hatten, was nun nachgeholt werden müsse. Dies könnte mehr als weitere 1 Mio. b/d auf den Markt bringen. Die Frage ist, ob Saudi-Arabien gewillt sein wird, seine Produktion allein entsprechend zu drosseln. Der saudische Energieminister, Khalid Al-Falih, hat bereits gewarnt, dass das Königreich nicht bereit sei, uneingeschränkte Kürzungen auf sich zu nehmen.

Russlands Absichten sind ebenfalls wichtig. Präsident Putins Zusicherung, er wolle den Opec-Beschluss unterstützen, hat auch zum Preisanstieg beigetragen. Es ist anzunehmen, dass sich sogar private Ölfirmen in Russland an die Edikte des Präsidenten halten werden.

Sowohl die Opec wie auch die Internationale Energieagentur (IEA) haben prognostiziert, dass Angebot und Nachfrage im Erdölmarkt bis Ende 2017 ins Gleichgewicht kommen sollten. Das bedeutet, dass durch eine Produktionsdrosselung vonseiten der Opec – vor allem wenn von Russland unterstützt – dieses Gleichgewicht schneller erreicht wird.

Längerfristig sollten zwei Faktoren berücksichtigt werden: Erstens werden durch den höheren Ölpreis früher oder später Schieferöl- und Ölsandproduzenten wieder rentabel werden. Von der Investition bis zur Produktion dauert es in der Schieferölproduktion etwa sechs bis achtzehn Monate. Deshalb dürfte man in diesem Zeitraum zusätzliche Produktion aus Nordamerika erwarten.

Wir können davon ausgehen, dass sich diese Sparte in Zukunft lethargischer verhalten wird als bisher, da Grosskonzerne (besonders Exxon und Chevron) einige Schieferölunternehmen aus dem Bankrott günstig erworben haben. Grosse Gesellschaften sind niemals so agil wie kleinere mit ihrer ausgeprägten Unternehmerkultur. Ferner dürfte der Rückbau der Zuliefer- und Servicefirmen gerade in Nordamerika zu Kapazitätsengpässen führen.

Mit Preisanstieg ist zu rechnen

Zweitens ist die konventionelle Ölförderung ein sehr langzyklischer Industriezweig. In den vergangenen Jahren haben die internationalen Ölmultis und Serviceunternehmen – wie erwähnt – zu wenig investiert. Die Erdölförderung bedarf dauernder Investitionen, um neue Felder zu erschliessen und die Produktion auf älteren zu gewährleisten. Dollar, die man heute investiert, werden in drei bis zehn Jahren Fässer mit Öl bedeuten. Deshalb werden sich die chronisch fehlenden Investitionen erst in ein paar Jahren in mangelnder Produktion niederschlagen.

Es werden früher oder später Engpässe in der Förderung entstehen. In diesem langzyklischen Geschäft kann der Hahn dann nicht einfach aufgedreht werden. Zudem gibt es keine brachliegenden Extrakapazitäten, weil alle traditionellen Produktionsländer an oberster Grenze fördern. Wir dürften also mit vorübergehend recht rasantem Preisanstieg rechnen müssen.