«Es ist meine Aufgabe, meine Völker vor ihren Politikern zu schützen», sagte Kaiser Franz Joseph, dessen Porträt, neben dem seiner Sissi, das Café Central in Wien schmückt. Was kurz vor dem Ersten Krieg richtig war, ist heute nicht falsch. Zwar ist Österreich keine Monarchie und kein Vielvölkerstaat mehr, doch die Schutzbedürftigkeit der Leute vor den Politikern ist konstant. Paradoxerweise ändert sich daran nichts, wenn ebendiese Leute «ihre» Politiker selbst wählen, wozu sie nächsten Sonntag aufgerufen sind. Im Mai war die Regierung von Kanzler Sebastian Kurz gestürzt, über die «Ibiza-Affäre», eine «b’soffene G’schicht’», wie es FPÖ-Vizekanzler Strache darstellte. Voraussichtlich wird des jungen Altkanzlers ÖVP Sitze gewinnen, FPÖ und SPÖ dürften verlieren. Mandate erobern werden, der erhitzte Zeitgeist will’s, die Grünen. Die Koalitionsbildung wird heikel, wie überall heutzutage. Vorbei die Epoche, in der Patriarchen-Kanzlern der zweiten österreichischen Republik noch etwas Ersatzkaiserliches anhaftete, etwa Bruno Kreisky (im Amt 1970 bis 1983) oder Julius Raab (1953 bis 1961). Der gebot, als im Kabinett über einen seiner einsamen Entscheide gemurrt wurde: «Wer noch etwas zu sagen hat, der stehe auf und schweige.» (Bild: Gerald Haenel/Laif)