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Olympische Friedensdividende?

Die Weltgemeinschaft soll Nordkoreas Charmeoffensive im Vorfeld der Winterspiele nicht überbewerten. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Ernst Herb.

«Nordkorea hat an den Olympischen Spielen noch vor dem ersten Wettkampf einen Sieg davongetragen.»

Die Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang hatten noch gar nicht begonnen, als bereits die Frage die Runde machte, welches Land nun eigentlich den Grossanlass ausrichtet. Mit der Entsendung einer Delegation an die Spiele ist es Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un nämlich gelungen, das Scheinwerferlicht von seinem nuklearen Aufrüstungsprogramm wegzulenken.

Damit wird der Gastgeber Südkorea sozusagen von Nordkorea überschattet, das sich mit diesem geschickten Schachzug etwas aus der internationalen Isolation befreit. Pjöngjang hat an den Olympischen Spielen noch vor dem ersten Wettkampf einen Sieg davongetragen.

Das ist ein umso grösserer Erfolg für Kim, als noch vor kurzem von Krieg die Rede war. Die kommenden Tage werden zeigen, ob Nordkoreas Teilnahme an den Winterspielen bloss raffinierte Propaganda ist oder ob damit der Weg für eine dauerhafte Entspannung im innerkoreanischen Verhältnis geebnet wird.

Vorderhand sind grosse Hoffnungen fehl am Platz, denn es gab auch bisher schon zwischenzeitlich Perioden, in denen die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel markant abnahmen.

So etwa im Rahmen der sogenannten Sonnenscheinpolitik, als Nordkorea im Gegenzug für Hilfsgüter und ausländische Investitionen sein Atomprogramm vorübergehend ruhen liess. Allerdings gab es damals berechtigte Zweifel, ob Pjöngjang die Vereinbarung auch wirklich einhielt.

Nachdem Präsident George W. Bush nach den Terroranschlägen von 9/11 Nordkorea neben dem Irak und dem Iran in die «Achse des Bösen» eingereiht hatte, wurde das nukleare Aufrüstungsprogramm auf alle Fälle wieder in vollem Umfang aufgenommen.

Keine geheimen Verhandlungen

Doch es wäre andererseits nicht das erste Mal, dass ein Sportanlass den Beginn einer neuen Phase einleitet. Das vielleicht beste Beispiel in der jüngeren Geschichte bietet die sogenannte Pingpong-Diplomatie. Das Entsenden einer amerikanischen Sportlerdelegation nach China läutete 1971 die Normalisierung im Verhältnis der beiden zuvor tief zerstrittenen Staaten ein.

Kim hat nun seine Schwester Kim Yo-jong nach Pyeongchang entsandt. Auch der amerikanische Vizepräsident Mike Pence und Präsident Donald Trumps Tochter Ivanka werden zugegen sein. Es ist jedoch kaum anzunehmen, dass es hier zu geheimen Verhandlungen kommt.

Doch Südkoreas Präsident Moon Jae-in treibt unter dem skeptischen Blick Washingtons die Suche nach einer diplomatischen Entschärfung des Problems voran. Ein Krieg wäre, angesichts der damit verbundenen enorm hohen menschlichen und materiellen Opfer, für den Süden keine wünschbare Alternative.

Angesichts der ernüchternden Erfahrungen aus bisherigen Tauwetterperioden auf der koreanischen Halbinsel sollten keine allzu grossen Hoffnungen auf die Olympia-Diplomatie gesetzt werden. Doch es wäre gleichermassen falsch, die sich jetzt bietenden Gelegenheiten zu Kontaktpflege und Dialog von vornherein auszuschlagen.

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