Meinungen

Olympische Spiele lohnen sich kaum

Es ist sehr schwierig, den direkten wirtschaftlichen Nutzen derartiger Grossanlässe exakt zu eruieren, schreibt Bruno Frey, Professor an der University of Warwick, in seinem Kommentar.

Bruno Frey
«Es ist nicht einmal sicher, ob die gesamte Besucherzahl tatsächlich steigt.»

Die Vorstellung, Olympische Spiele würden dem organisierenden Land enorme wirtschaftliche Vorteile verschaffen, ist weit verbreitet.Die positiven Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft werden vor allem von den Organisatoren unterstrichen. Sie betonen die Impulse für den Tourismus und das lokale Gewerbe sowie die Verbesserung der Infrastruktur.

Solche Aspekte werden auch für die in St. Moritz und Davos geplanten Olympischen Spiele «Graubünden 2022» angeführt.

Entsprechend hat sich das Schweizer Sportparlament Ende Mai dieses Jahres einstimmig für eine Bewerbung entschieden. Allerdings sind die Erfolgsaussichten ungewiss. Die Schweiz hatte in der Vergangenheit mit ihren Bewerbungen nicht gerade viel Erfolg. Für die Spiele von 2006, für die sich Sion beworben hatte, wurde zur grossen Überraschung der Schweizer Befürworter der Stadt Turin der Vorzug gegeben. Ausserdem muss das Bündnervolk noch davon überzeugt werden, dass eine Bewerbung des Kantons sinnvoll ist, sodass es beim anberaumten Referendum vom 3. März 2013 auch zustimmt. Allein die Kosten für die Vorbereitung auf die Kandidatur im Juni 2015 werden auf 36 Mio. Fr. geschätzt, wovon der Kanton Graubünden 6 Mio. Fr. tragen müsste.

Die bisherigen Erfahrungen mit den Olympischen Spielen sind gemischt. Es ist nicht einfach zu erfassen, ob sie für das jeweilige Gastgeberland tatsächlich wirtschaftlich vorteilhaft waren. Hierfür muss untersucht werden, wie die wirtschaftliche Lage ausgesehen hätte, wenn die Spiele nicht stattgefunden hätten.

Zweifelhafte Studien

Im Fall der Olympischen Sommerspiele von Los Angeles im Jahr 1984, mit denen von Anfang an ein kommerzielles Ziel verfolgt worden war, wurden ausschliesslich bereits bestehende Sporteinrichtungen verwendet. Hier wurde ein Gewinn von 200 Mio. $ erzielt. Auch für die Spiele in Sydney im Jahr 2000 war die Bilanz positiv: Es wurden mehr Touristen angelockt, und die Infrastruktur wurde ausgebaut. Ein wirtschaftliches Desaster war hingegen Montreal 1976. Die Stadt erstellte viele neue Einrichtungen, darunter auch ein grandioses olympisches Stadion. Die hierfür aufgenommenen Schulden der Stadt beliefen sich auf 1,2 Mrd. $ und mussten während dreissig Jahren zurückgezahlt werden.

Studien, die regelmässig zum Zweck der Bewerbung und der Motivierung der Politik und der Bevölkerung vor den Spielen erstellt werden, kann kaum vertraut werden. Sie weisen einen wirtschaftlichen Vorteil aus, der letztlich nicht verzeichnet werden kann. Dies geschieht nicht nur aus strategischen Gründen, sondern auch weil die Ersteller der Studien von vorneherein vom Projekt überzeugt sind und entsprechend zu optimistisch kalkulieren. Für die Sommerspiele 1996 in Atlanta wurde zum Beispiel eine Steigerung der Beschäftigung in der Region um 300 000 Stellen prognostiziert, aber in Wirklichkeit war die Beschäftigung nur um 0,2% höher, als sie es ohne die Spiele gewesen wäre.

Welche Aspekte müssen für die wirtschaftlichen Auswirkungen von Mega-Events wie den Olympischen Spielen beachtet werden? Zu unterscheiden sind die Wirkungen vor, während und nach der Veranstaltung. Es sind vier wichtige Aspekte zu berücksichtigen. Sportanlagen bedingen oft riesige zusätzliche Ausgaben, besonders weil fast immer architektonische Wunderwerke angestrebt werden. Häufig werden diese Riesenbauwerke nach den Spielen wenig genutzt, und es ist schwierig, Betreiber zu finden, die auch nur die beträchtlichen Kosten der Aufrechterhaltung zu tragen bereit sind.

Beim Effekt auf den Tourismus ist es wichtig, nur wirklich zusätzliche Personen und ihre Ausgaben zu zählen. Es wäre falsch, alle Besucher zu zählen. Viele Touristen wären auch ohne die Olympischen Spiele gekommen. Dies trifft für die diesjährigen Olympischen Spiele in ­London sicherlich in hohem Masse zu. Es ist sogar nicht einmal sicher, ob die gesamte Besucherzahl tatsächlich steigt; ein Verdrängungseffekt ist durchaus möglich. Viele potenzielle Touristen verzichten auf einen Besuch, weil sie das Gedränge und die Überlastung der Verkehrsmittel vermeiden wollen. Sie suchen sich ein anderes ­Ferienziel. Bisher treue Gäste können auf andere Orte ausweichen – und dann vielleicht auf den Geschmack kommen und regelmässig an den neuen Ort in Urlaub fahren. In diesem Falle gehen der Olympia-Region lang­fristig sogar Einnahmen verloren.

Olympische Spiele werden vielfach als Anlass benutzt, die Infrastruktur in den Bereichen des Transports, der Telekommunikation und der Gastronomie auszubauen. Dafür ist Barcelona 1992 ein gutes Beispiel. Jedoch droht auch hier die Gefahr einer Überinvestition. Infrastrukturanlagen erhöhen das Wirtschaftswachstum nur, wenn sie für die private wirtschaftliche Aktivität produktiv zum Einsatz kommen.

Seit den Terrorangriffen in den USA, England und Spanien sind die Sicherheitskosten geradezu explodiert. Dabei handelt es sich um nicht nachhaltige Ausgaben; sie werfen keinen zukünftigen Ertrag ab. Die Infrastruktur- und die Sicherheitsausgaben werden zu einem grossen Teil vom Staat bezahlt. Deshalb stellt sich die Frage, ob der Öffentlichkeit mit einer anderen Verwendung dieser knappen Mittel nicht mehr gedient wäre. Es muss ­abgewogen werden, ob nicht zum Beispiel höhere staat­liche Ausgaben für die Bildung zukünftig eine bessere Rendite bringen würden.

Diesen Überlegungen zufolge ist einige Skepsis angebracht, ob die Olympischen Spiele (und andere sportliche Mega-Events) tatsächlich wirtschaftlich vorteilhaft sind. Aus diesem Grund weichen die potenziellen Veranstalter gerne auf kaum überprüfbare Vorteile wie ein ver­stärktes Nationalgefühl oder ein prägnanteres Branding aus. Dies mag für neue Nationen zutreffen, die wie Süd­afrika mit der Fussballweltmeisterschaft 2010 mit einem sportlichen Grossereignis die Zusammengehörigkeit der Nation stärken wollen.

Es gilt jedoch nicht für bereits weltbekannte Städte wie London oder Orte wie St. Moritz und Davos. Die behaupteten, aber vagen Vorteile sind wenig nachhaltig. Wer würde zum Beispiel nach Los Angeles, Atlanta oder Montreal reisen, weil dort in der Vergangenheit Olympische Spiele stattgefunden haben, und wer erinnert sich überhaupt noch daran? Ausserdem muss überlegt werden, ob das Nationalgefühl nicht auf andere Weise und mit geringerem Aufwand gestärkt werden könnte.

Nicht garantierter «Wohlfühlfaktor»

Erhöht die Durchführung Olympischer Spiele zumindest den «Wohlfühlfaktor» der lokalen und nationalen Bevölkerung? Eine sorgfältige Untersuchung der Olympischen Spiele und der Europa- und Weltmeisterschaften im Fussball von 1976 bis 2002 von Kavetsos und Szymanski («Journal of Economic Psychology», 2010) kommt zum Schluss, dass die Fussballveranstaltungen, nicht aber die Olympischen Spiele, die Lebenszufriedenheit der lokalen Bevölkerung im fussballbegeisterten Europa erhöhen.

Der Effekt ist jedoch nur kurzfristig. Die Auswirkung auf das subjektive Wohlbefinden hängt auch von der Leistung der nationalen Sportler im Vergleich zu den Erwartungen ab. Bei Fussballwettbewerben ist eine Enttäuschung zudem häufig vorprogrammiert, weil viele Leute in den dafür qualifizierten Ländern glauben, dass ihr Team gewinnen wird. Bei Olympischen Winterspielen muss dieser Enttäuschungseffekt ebenfalls berücksichtigt werden. Was wäre, wenn die Schweizer Skifahrer und ­Skifahrerinnen gerade bei den Wettbewerben im eigenen Land versagen würden?

Die erwähnten skeptischen Aspekte sind kein Argument gegen das Bestreben, die Olympischen Spiele 2022 in die Schweiz zu bringen. Es führt aber kein Weg daran vorbei, dass die Organisatoren vertieft auf die Probleme eingehen und zeigen, auf welche Weise sie überwunden werden können. Nur damit kann die unabdingbare Unterstützung beim Bündner Stimmvolk und in der gesamten Schweiz gesichert werden.

Leser-Kommentare

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ueli hofer 21.07.2012 - 18:25
Dieser kritische Text zur Wirtschaftlichkeit einer Durchführung der Olympischen Spiele ist wichtig und bemerkenswert. Ich glaube, der Titel könnte lauten: “Olympische Spiele lohnen sich (kaum) nicht!” Betonung auf NICHT! M.E. hat Herr Frey in seinem Artikel die enorme Umweltbelastung, die ein solcher Monsteranlass mit sich bringt, ausser Acht gelassen. Zugegeben, ich verfolge jeweils die Disziplinen, in welcher Schweizer Sportler ambitioniert… Weiterlesen »