Märkte / Rohstoffe

Saudi-Arabien lässt dem Ölpreis freien Lauf

Trotz des massiven Preisverfalls wurde das Förderziel der Opec nicht angetastet. Das verändert den Ölmarkt fundamental. Der Preis könnte noch tiefer fallen.

Wie ­kann es sein, dass das Förderziel des Ölkartells Opec von 30 Mio. Fass pro Tag seit 2012 nicht angetastet worden ist? Und das trotz stärkerer Konkurrenz aus den USA und massiv fallender Preise. Opec-Generalsekretär Abdalla Salem el-Badri aus Libyen reagierte auf der Pressekonferenz am Donnerstag auf diese Frage eines Journalisten amüsiert. «Warum kümmern Sie sich so sehr um unsere Produktion?», fragte er zurück. «Ein fallender Preis ist doch gut für Sie, ausser, Sie sind Trader.»

Diese nonchalante Antwort verbirgt, dass das Treffen der Opec-Staaten diese Woche als wichtigste Sitzung des Ölkartells seit Jahren beurteilt wurde. Venezuelas Aussenminister und Opec-Delegierter Rafael Ramírez wollte eine Förderkürzung durchsetzen, damit der Preiszerfall am Ölmarkt – und das Schlittern seines Landes in den Staatsbankrott – aufgehalten wird. Saudi-Arabiens Ölminister Ali al-Naimi blieb aber bei seiner schon zuvor angedeuteten Ablehnung einer Produktionskürzung. Die Saudis setzten sich schliesslich im Zusammenschluss mit den anderen Golfstaaten durch.

Kein Signal für künftige Förderkürzung

Nun ist der Ölpreis seit Donnerstag stark gefallen, auch weil jegliches Signal einer künftigen Förderkürzung ausblieb. Damit gibt es kaum Erwartungen, dass die Förderung bei der nächsten Opec-Sitzung im Juni 2015 gesenkt wird. Die europäische Sorte Brent kostete am Freitag um 72.50 $ je Fass, 15% weniger als noch Anfang November. Die US-Sorte WTI (WBS 86.61 +2.72%) notierte unter 69 $. Die Preise sind damit so tief wie seit 2010 nicht mehr. Empfindlich reagierten Währungen von Ölförderern wie Norwegen (3,5% Abwertung zum Dollar seit Anfang November), Nigeria (7,3%) und Russland (15%).

Nicht einmal die jetzige Überproduktion der Opec von 0,25 Mio. Fass pro Tag gegenüber dem Förderziel wird abgebaut. Da die individuellen Förderquoten für die Opec-Mitglieder nicht wieder eingeführt wurden, erwarten die Analysten von Barclays (BCY 2.5330 -1.25%), dass auch weiterhin über dem Förderziel produziert werden wird.

Konkurrenz aus den USA

Hinter den Motiven der Saudis steckt die Konkurrenz von Schieferöl aus den USA. Der Anstieg der Ölproduktion der Amerikaner ist phänomenal. Nach Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) wurde die USA im Oktober zum grössten Ölproduzenten der Welt. Saudi-Arabien hat es angesichts dieser Konkurrenz aufgegeben, den Preis zu stabilisieren – und damit die Opec in den Augen der Öffentlichkeit entmachtet.

Michael Wittner, Ölexperte bei Société Générale, hält die Entscheidung des Ölkartells für realistisch: «Saudi-Arabien und die Opec hätten in einer Reihe von Kürzungen immer weiter ihre Förderung drosseln müssen», denn die USA hätte durch ihr ausgebautes Angebot ständig Druck auf die Preise ausgeübt. «Am Ende hätten sie den Kampf unweigerlich verloren», glaubt Wittner. Selbst wenn der Ölpreis durch Kürzungen bei 90 $ hätte stabilisiert werden können, wären die Einnahmen durch weniger Absatz gesunken.

Wittner sieht einen neuen Mechanismus am Ölmarkt am Werk: Der Markt wird nun durch den Preis ausbalanciert. «Das ist ein fundamentaler Wandel des Ölmarkts», erklärt der SocGen-Analyst. Der Markt werde sein Gleichgewicht bei einem Brent-Preis um 70 $ und einem WTI-Preis von 65 $ erreichen. Dann seien die Produktionskosten des Grossteils des US-Schieferöls erreicht.

Nur die Förderkosten bilden Boden

Auch die Analysten von Morgan Stanley (MS 95.73 +1.83%) sehen ein neues Paradigma: Die laufenden Kosten seien nun der «einzige wahre Boden» für die Ölpreise. Doch nicht alle Hoffnung auf steigende Ölpreise sei verloren, erklären die Analysten. Wenn die Preise weiter fallen, könnten die Opec und die Nicht-Opec-Förderer im nächsten Jahr doch noch kürzen. Ausserdem würde der niedrigere Ölpreis die Nachfrage stimulieren. Das könne sich ab dem zweiten Halbjahr 2015 am Ölmarkt bemerkbar machen.

Die Analysten von Barclays zitieren Berechnungen, nach denen ein 25%iger Rückgang des Ölpreises die Nachfrage um 0,5% erhöht. Das entspricht einer zusätzlichen Nachfrage von 0,46 Mio. Fass pro Tag.

Ausfallrisiko steigt

Nun wachse das Risiko langfristig, dass der Ölpreis schockartig steigen könnte, meint Morgan Stanley. Denn in Ölprojekte werde weniger investiert, damit wird das Angebot langsamer ausgebaut – und anfälliger für Ausfälle. Ein Szenario: Finan­ziell angeschlagene Ölförderer wie Venezuela und Nigeria würden die Subventionierung von Treibstoff zurückfahren und damit Unruhen auslösen, was wiederum die Ölproduktion unterbrechen könnte.

Trotz dieser Vorbehalte ist mittelfristig kein Impuls in Sicht, der einen Aufwärtstrend am Ölmarkt auslösen könnte. Konsumenten können sich freuen, Produzenten werden sich mit dem tiefen Ölpreis arrangieren müssen – so weh es auch tut.